Winkler Georg

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Biografie:
Erinnerungen an Georg Winkler.
Von R. Sinwel, Kufstein.
Im heurigen Sommer sind es 50 Jahre, seitdem ich das Glück hatte, mit dem unvergeßlichen Gipfelbezwinger Georg Winkler Bekanntschaft zu machen und Freundschaft zu schließen. Und das kam so.
Wie alljährlich verbrachte ich meine Universitätsferien auch im Jahre 1885 in Kufstein. Im selben Hause wohnte Professor Johann Friedrich aus München, seit vielen Jahren ein regelmäßiger Sommergast Kufsteins. Eines Tages fragte mich Professor Friedrich, ob ich Lust hätte, ihn auf seiner Reise ins Paznauntal zum Besuche des Malers Matthias Schmid zu begleiten. Ob ich Lust hatte! Mit Freuden schlug ich ein, und am 18. August, einem schönen Kaisertage, trug uns das Dampfroß durch das heitere Unterinntal und das ernste Oberland unserem Ziel entgegen. In Silz wurde die Fahrt unterbrochen, um in der „Post" Mittag zu machen und zum Schloß Petersberg hinaufzusteigen. In Pians verließen wir endgültig den Zug und wanderten auf Schusters Rappen dem Tale der Trisanna zu, an dessen Eingang die stattliche Burg Wiesberg stolze Wache hält. Staunend bewunderten wir den kühnen Bau der Trisannabrücke, über dessen zart erscheinendes Stahlnetz soeben, klein wie ein Kinderspielzeug, ein Güterzug kroch, und nicht ohne Schauer durchschritten wir die düstere, vom Getöse des Wildwassers erfüllte Trisannaschlucht. Bald öffnete sich das Tal und winkte uns der Kirchturm von See, des Geburtsortes von Matthias Schmid. Vergeblich suchten wir jedoch in der Kirche jenes erste „Kunstwerk" des großen Malers, das er als jugendlicher „Tuifelemaler" hier ausführte, indem er im Auftrage des sittenstrengen Pfarrers das splitternackte Stammelternpaar Adam und Eva auf einem Deckengemälde mit schamverhüllenden Weinranken übermalte.
Obwohl das Paznauntal von hohen, teilweise vergletscherten Gebirgen umschlossen ist, machte es doch, weil wir nur die sanftgeformten, almen-, Wald- und wiesenbedeckten Vorberge sahen, keinen überwältigenden, aber auch keinen heiteren, sondern einen mehr ernsten Eindruck. Dies ist wohl in erster Linie auf die eintönig wirkende Armut der Pflanzenwelt — Getreidefelder sind spärlich, Obstbäume fehlen fast ganz — zurückzuführen. Auch die fast durchwegs nur aus Holz gebauten und altersgeschwärzten Bauernhäuser bescheidener Größe verstärken diesen Eindruck. Überdies kamen wir, auf dem schmalen Sträßchen taleinwärts wandernd, an zahllosen Marterln vorüber, die uns an die Menschenfeindlichkeit der Gebirgsnatur mahnten und sich meist auf Unglücksfälle bezogen, die durch Lawinenstürze verursacht wurden. Als wir uns dem Dorfe Kappl näherten, sahen wir am Weg einen Maler an seiner Staffelei arbeiten: einen stattlichen Mann mit breitkrempigem Schlapphut, scharf geschnittenem Gesicht und leicht angegrautem Knebelbart. Es war Meister Schmid. Als er unser gewahr wurde, kam er uns lächelnd entgegen, und nach freudiger Begrüßung packte er sein Malzeug zusammen, um mit uns nach Ischgl, wo er mit seiner Familie wohnte, zu gehen. Die Aufnahme seitens der Familie Schmid — Frau Töchter und Sohn — war eine so ungekünstelt herzliche und der Verkehrston vom ersten Augenblick ein so zwanglos schlichter und offener, daß selbst ich sonst so schüchterner Knabe mich allsogleich daheim fühlte und auftaute. Bei der Familie Schmid befand sich damals auch auf Besuch ein Mitschüler des Sohnes Karl, der an einem Münchner Gymnasium studierte, nämlich Georg Winkler, ein zwar strammes, aber schmächtiges Bürschchen unter Mittelgröße, mit weichen, fast mädchenhaften Gesichtszügen, eine unscheinbare Persönlichkeit, die bei ihrem ersten Anblick die ungewöhnlichen geistigen und körperlichen Kräfte, die ihr innewohnten, nicht vermuten ließ. Er war, wie ich im Laufe der nächsten Tage erfuhr, der 16jährige Sohn eines vermögenden Fleischhauers in München, der ihn alljährlich nach halbwegs befriedigendem Abschluß des Schuljahres — Georg war kein Musterschüler — mit einem stattlichen Geldbetrag ausstattete und nach freier Wahl auf Reisen und Wanderungen gehen ließ. Und sein Reise- und Wanderziel waren immer die Alpen, deren Felsen- und Eiswelt er sich mit Leib und Seele verschrieben hatte. Auch im damaligen Sommer hatte er bereits einige ansehnliche Hochtouren, darunter die Besteigung des Fluchthorns (3389 m), hinter sich. Wir drei Jungen freundeten uns rasch an und steckten fortan immer' beisammen, ob es leichte Talwanderungen in größerer Gesellschaft gab oder ob wir nur zu dritt in die Berge stiegen. Ich erinnere mich da noch eines schönen Ausfluges auf eine hochgelegene Alm im Fimbertal, wobei wir wiederholt von Schnee- und Rieselschauern überrascht wurden und mit einer schneidigen Abfahrt auf unseren Nagelschuhen über eine steile Grashalde den Abschluß machten.
Ganz besonders lebhaft in Erinnerung geblieben ist mir eine zweitägige Wanderfahrt in die Jamtaler Ferner. Der Weg führte uns drei zunächst durch das obere Paznauntal über Mathon nach Galtür. Auf dieser Strecke liegt eine Anzahl mächtiger Findlinge, einzelne bis zur Größe von kleinen Häusern. Ihre, meist senkrechten und scheinbar glatten Wände übten auf Winkler einen unwiderstehlichen Reiz aus, an ihnen seine Kletterkunst zu erproben. Da sahen wir ihn denn mit, katzenartiger Behendigkeit und Leichtigkeit, mit erstaunlichen Klimmzügen und schier unheimlichen Grätschstellungen sich emporarbeiten und einen nach dem anderen dieser abweisenden Felsblöcke überwältigen, ungeachtet unserer Warnungen und unseres Murrens wegen der unsinnigen Zeitversäumnis. Und nun stand er wieder einmal sieghaft auf einem solchen Riesenfindling und schwang, übermütig auf uns herabblickend, sein Hütchen. Die Suche nach dem Abstieg schien ihm jedoch diesmal sichtlich Verlegenheit zu bereiten, und plötzlich erklärte er allen Ernstes, er könne nicht mehr herunter, wir möchten ihm mit einer Leiter oder Stange zu Hilfe kommen. Was blieb uns anderes übrig, als seine Bitte zu erfüllen? Glücklicherweise war der nächste Bauernhof nicht allzufern, und es gelang uns, dort eine mächtige Stange aufzutreiben, wie sie wohl als Stütze für große Heu- und Streutristen zu dienen pflegen. Als wir zwei sie mit vereinten Kräften heranschleppten, war Winkt er schon wieder vom Stein herunten und lachte uns aus vollem Hals aus. Er hatte uns offenbar nur genarrt. Unsere Entrüstung über diesen „schlechten Witz" war natürlich nicht gering, und ich ließ mich damals in meinem Unmut zur Prophezeiung hinreißen, daß er gewiß noch einmal ein Opfer seiner Waghalsigkeit und Kraxelwut werde.
Unser Jörn hielt jedoch nicht lange an und die weitere Wanderung verlief in schönster Harmonie. In Galtür, wo wir vergnügt Mittag machten, kehrte Karl Schmid um, wogegen Winkler und ich ins Jamtal marschierten. Da eröffnete sich für mich eine neue Welt. So herrliche Zirben hatte ich noch nie gesehen; die Murmeltiere, die da in Menge ihr possierliches Wesen trieben, und dann die großartige Gletscherwelt, in deren Mitte die Jamtalhütte steht, waren mir ganz unbekannte Dinge. Rings um den geschlossenen Eisschild der Ferner ragten einzelne Felsgipfel empor, die Winklers lebhaftes Interesse erweckten. Er hatte es auf einen derselben, auf die Vordere Jamtalfernerspitze (3169 m), abgesehen. Ich war abends Zeuge seines darob mit dem Hüttenwirt geführten Gespräches, der ihm dringend davon abriet, die beabsichtigte Tour ohne Führer zu machen; der Weg sei schwierig zu finden und der Gletscher tückisch. Als ich aber am nächsten Morgen aufstand, um wieder talauswärts zu wandern, war Winkler nicht mehr zu sehen. Er war schon frühmorgens allein aufgebrochen, um die genannte Spitze zu erobern, und er konnte sich noch am Abend desselben Tages in Ischgl rühmen, daß es ihm gelungen sei; er habe seine Besuchskarte auf dem Gipfel hinterlegt.
Allzu rasch flohen die Tage unseres kurzen Aufenthaltes in Paznaun dahin, und nicht leichten Herzens nahmen wir Abschied von den lieben Menschen, bei denen wir zu Besuch gewesen, und von dem in jeder Hinsicht eigenartigen, schönen Hochtal. Mit Winkler gab es allerdings ein baldiges Wiedersehen in Kufstein, Er traf dort am 31. August ein, um das Kaisergebirge kennenzulernen, das ihm zur Hochschule seiner Kletterkunst und zur Wiege eines Bergsteigerruhmes werden sollte. Was er im Kaisergebirge geleistet hat, und was er für dessen Touristik bedeutete, das ist in dem prächtigen, von Erich König herausgegebenen Buch „Empor!" wie auch in Fr. Nieberls Buch „Die Erschließung des Kaisergebirges" für immer pietätvoll festgehalten.*)
Zur Erholung von seiner bergsteigerischen Betätigung im Kaisergebirge hielt sich Winkler wiederholt in Kufstein auf, wo wir, falls ich zu gleicher Zeit dort weilte, regen Verkehr pflegten und mit meinem Jugendfreund Otto Reisch ein gut zusammengestimmtes Kleeblatt bildeten. Wir machten mitsammen kleinere Ausflüge in der Umgebung Kufsteins, mit Vorliebe nach dem bayrischen Biermekka Kiefersfelden, besuchten wiederholt die Schwimmschule oder trafen uns bei ungünstigem Wetter auf einen Schoppen im Hotel Egger und vertrugen uns immer vortrefflich; denn Winkler war ein angenehmer Gesellschafter und guter Kamerad, nicht geschwätzig und prahlerisch, nicht rechthaberisch und eigensüchtig, trotz seiner mehr ernsten Grundanlage doch manchmal recht witzig, er hatte Sinn für Gemütlichkeit und war kein Spielverderber.
Zum letztenmal war ich mit Georg Winkler beisammen anläßlich eines Winterausfluges zum 6. Kaiserhof am 28. Dezember 1886 in einer Gesellschaft, der auch Dekan Hoerfarter angehörte. Seine drei kurzen Aufenthalte im Kaisergebirge während des Jahres 1887 gaben uns keine Gelegenheit zum Wiedersehen, und im Sommer des nächsten Jahres las ich in einem Tagesblatt die mich tief erschütternde Kunde von dem jähen Lawinentode, den er am 16. August 1888 am Zermatter Weißhorn gefunden hatte. Meine wahrlich nicht bös gemeinte Prophezeiung hatte sich also grausam erfüllt. Kaum je dürfte ein so jugendliches Bergopfer in den weitesten Alpinistenkreisen so lebhaft betrauert worden sein wie Georg Winkler.
Er, der durch eine seltene Frühreife seines Charakters und Geistes wie durch die einzigartig zu nennende Bereinigung der physischen und psychischen Grundbedingungen zu einem vorbildlichen Hochtouristen zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, war nach raketenähnllchem, weithin leuchtendem Aufstieg plötzlich in die Nacht des Todes versunken. Nicht aber zugleich in die Nacht der Vergessenheit; denn im alpinistischen Schrifttum, noch mehr in den steinernen Riesendenkmälern der Natur, an denen sein Name haftet, lebt er in aller Zukunft fort.
*) Um so auffallender ist die Tatsache, daß in Schwaigers „Führer durch das Kaisergebirge" (2 Aufl. 1904) Gg. Winklers hervorragender Anteil an der Geschichte der Kaiserbergtouristik kaum gewürdigt ist und beispielsweise seine 1. Alleinbesteigung des Totenkirchls am 27. August 1886 sowie dessen Erstbesteigung der Ackerlspitze vom Griesnerkar aus am .3. September 1883 gar nicht erwähnt sind.
Quelle: Mitteilungen des DÖAV 1935, Seite 228-229

Erinnerungen an Georg Winkler.
In der Anmerkung zu dem unter dieser Überschrift in der letzten Nummer der „Mitteilungen" erschienenen Aufsatz von R. Sinwel wird es als auffallend bezeichnet, daß im Kaiserführer die 1. Alleinbesteigung des Totenkirchls durch Winkler und dessen 1. Ersteigung der Ackerlspitze vom Griesnerkar nicht erwähnt sind. Als Verfasser des Kaiserführers muß ich dazu erklären, daß die den Gipfeln jeweils beigefügte kurze Ersteigungsgeschichte nur die Erstbegehungen schlechthin enthält, nicht etwa erste führerlose, erste Winter-, erste „Alleingeherbesteigungen" usw. Winkler hat das Totenkirchl auf dem Weg erstiegen, den vor ihm schon Dr. Zott und die Gebrüder Zametzer begangen hatten, daher konnte von dieser Tour keine Notiz genommen werden. Ebenso ist der Aufstieg auf die Ackerlspitze deshalb nicht erwähnt, weil diese Tour schon vorher von G. Hofmann und A. Hild mit Führer Widauer im Abstieg begangen worden war und der Aufstieg keineswegs größere Schwierigkeiten bietet als der Abstieg. Eine böse Absicht, dem alpinen Ruhm Winklers Abbruch zu tun, wie die Anmerkung vermuten lassen könnte, lag gewiß nicht vor, dazu hatte ich nicht den mindesten Anlaß. Die tatsächlichen ersten Begehungen Winklers im Kaisergebirge: Totensessel, Winklerschlucht, Südgrat der Vorderen Goinger Halt, sind im Führer alle erwähnt.
Dr. Georg Leuchs.
Quelle: Mitteilungen des DÖAV 1935, Seite 262

GEORG WINKLER - KNABE UND KÖNIG
Kann man über einen Menschen, dessen Geschick sich bereits mit 19 Jahren erfüllt hat, einen Lebenslauf schreiben? Kann man die Bahn eines Meteors aufschreiben, der leuchtend durch, die stillen Felder des Himmels zieht und erlischt, ehe man ihn recht gesehen?
Darf man die Abenteuer eines unansehnlichen, beinahe schmalbrüstigen Bürschchens von 1.50m Körpergröße in einem Atemzug nennen mit den großen alpinen Unternehmungen in den Hochgebirgen der Welt?
Rein äußerlich gesehen können wir über Georg Winkler nicht mehr aussagen, als daß er als Erster den Gipfel der Cima della Madonna in der Pala-Gruppe erreicht, den kühnsten Vajolet-Turm bezwungen und über 50 andere Berge erstiegen hat. Aber das Wesen Georg Winklers reicht über die aufzählbaren Tatsachen seines kurzen Lebens weit hinaus. Georg Winkler steht nicht nur für das junge Bergsteigertum feiner Zeit, in seinem Lebensweg stellt sich das Wesen der Jugend schlechthin dar: rein, kühn, unbedingt und unmittelbar auf sich selbst bezogen! Er schreibt: „Ich bekenne offen, auf meinen Bergfahrten habe ich mich stets , bemüht, sportlich Anerkennenswertes zu leisten. Und wenn auch die Kraft nicht groß ist, der Wille war stets der beste. Ich bin mir klar geworden, was mich bei meinen Fahrten bewegt. Es ist die Gefahr, die, aufgesucht und überwunden, dem Manne unendliche Genugtuung und Befriedigung gewährt. Die Gefahr und die Großartigkeit des Hochgebirges in ihrer Vereinigung sind es, die uns dämonisch anlocken. . ."
Schon diese paar Sätze erschließen uns eine seltene Frühreife des Geistes und der Persönlichkeit. Dazu ist Winkler mit außerordentlichen Kräften ausgestattet, die niemand in diefem schmächtigen Körper vermutet hätte. Er ist ein guter Turner. In den ersten Jahren seiner früh erwachten Bergleidenschaft versucht sein Vater, ein wohlhabender Fleischhauermeister in München, dem Sohn seine „Verrücktheiten" auszutreiben. Aber Georgs Kletterlust ist nicht zu bändigen. Er laßt sie in Ermangelung besserer Gegenstände an der Vorderfront des väterlichen Hauses, an den Pfeilern der Großhesseloher Brücke und im Gefels des Isartales aus. Aber dann darf das fünfzehnjährige Studentlein 1884 zum ersten Mal in den Wilden Kaiser. 1885 gelingt ihm dort die Erstersteigung des Totensessels und die erste Alleinbegehung des gefürchteten Totenkirchls.
Im Alleingehen findet Winkler seine höchste Befriedigung. Da ihm Überhänge auf Grund seiner Kleinheit sehr zu schaffen machen, verfertigt er sich selbst einen Wurfanker; diesen befestigt er am Seil, schleudert ihn über die sperrende Stelle, bis sich die scharfen Zacken irgendwo festkrallen, dann turnt er am Seil hoch. Unter anderem hat er den Sperrblock im Gipfelriß der Kleinen Zinne mit Hilfe dieses Wurfankers bezwungen. Immer heftiger sucht Winkler die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu erreichen, immer steiler sind die Berge, die er angeht, und oft verbeißt er sich so in sein Tun, daß ihn die Dunkelheit am Berg festbannt. Aber er biwakiert - man ist zu sagen versucht - mit dem größten Vergnügen. Am Zwölfer in den Sextener Dolomiten hat er eine wüste Sturmnacht zu überstehen; nach der Erstersteigung der Cima della Madonna verbringt er eine eisige Nacht auf deren Gipfel. Wir sehen darin heute ein Zeichen der Zeit: der wohlhabende Fleischhauermeister Alois Winkler in München, bürgerlich und bieder, das Urbild spießerischer Behaglichkeit, setzt einen Sohn in die Welt, seinen einzigen, der allen Plänen und Wünschen seiner Eltern zum Trotz in die Berge zieht, ein wildes und ungestümes Leben beginnt, und - ehe er noch richtig begonnen hat - in den Fluchten eines großen Berges für immer verschwindet.
Georg Winkler kündet den Aufbruch eines neuen Geschlechtes aus der bürgerlichen Enge und Beschränktheit an, drei Jahrzehnte ehe dieser Aufbruch den ganzen Erdball erschüttert.
Im Jahre 1887 erlebt die alpine Welt ein seltsames Schauspiel: ein blasser 18jähriger Münchener Student geht die Vajolet-Türme an, die für vollkommen unersteiglich galten, und ersteigt den wildesten Turm im Allleingang. Der Turm führt seither seinen Namen. Beim Abstieg streifen ihn zum ersten Mal die Schwingen des Todes. Er seilt sich eben eine senkrechte Wandstufe ab, da prasselt wilder Steinschlag nieder und zerschlägt das Seil, an dem er hängt, bis auf wenige Fasern: der Schatten über dem stolzesten Erfolg seiner kurzen Bergsteigerlaufbahn. Zu niemandem spricht er von diesem Ereignis, nur seinem Tagebuch vertraut er es an. Dieses Tagebuch selbst gibt Zeugnis eines kühlen, klaren Geistes; der Jüngling lebte der Butzenscheibenromantik seiner Zeitgenossen weit voraus. Und Georg Winkler drängt weiter. Die Eisriesen der Westalpen locken ihn. Glänzend besteht er sein Abitur und zieht gleich darauf neuen Zielen entgegen.
Als Alleingänger besteigt er das Zinalrothorn über die Flanke von Mountet. Zwei Tage später, am 16. August 1889, wagt er sich allein in die Lawinenwand des Zermatter Weißhorns. Ein alter Hirte sieht ihn noch des Morgens über die Matten aufwärts eilen und im Fels verschwinden. Dann erlischt die leuchtende Spur des Meteors.
Der Neunzehnjährige hat der Welt nichts hinterlassen als die Erinnerung an ein kühnes, einsames Herz.
Heinrich Klier
Quelle: Mitteilungen des ÖAV 1956, Heft 4-5, Seite 36

Gedenktafel für Georg Winkler eingeweiht
Im Sommer 1967 wurde eine Gedenktafel über dem frisch hergerichteten Grab von Georg Winkler in Ayer (Wallis) angebracht und in Anwesenheit der Gemeinde sowie des 1. Vorsitzenden und des Tourenführers der Sektion München, Dr. Berger und W. Schmidt, vom Gemeindepfarrer feierlich eingeweiht. Das Anbringen der Tafel und Herrichten des Grabes sind von der Sektion München veranlaßt worden.
Bekanntlich wurde die Leiche Winklers erst 1956 vom Weißhorngletscher freigegeben, nachdem er seit seinem Versuch im Jahre 1888, das Weißhorn über die Westwand erstmals zu ersteigen, vermißt war.
Quelle: Mitteilungen des DAV 1968, Heft 1, Seite 35

Georg Winkler (1869-1888)
Am 26. August 1869 in München geboren, war er ein wenig das Sorgenkind seines Vaters, Metzgermeister im Tal, der ihn an der Wand des Elternhauses klettern sah. Immerhin war Georg in der Schule als talentierter Turner bekannt. Der Siebzehnjährige fand — nach mehreren Ausflügen im Allgäu, Verwall und in der Silvretta, meist in Begleitung eines Führers — 1886 endlich die Bestätigung seiner bergsteigerischen Fähigkeiten mit der Erstbesteigung des Totensessels und der ersten Durchsteigung der Winklerschlucht am Totenkirchl (Wilder Kaiser) als Alleingeher. Winkler war kleingewachsen, nicht über 1,50 Meter und kompensierte seinen Mangel, indem er sich einen kleinen Wurfanker baute, den er an einem Seil festmachte und dann über die schwierigeren Steilstufen oder Überhänge warf. So glückten ihm einige der damals kühnsten Berge.
In der Palagruppe bezwang er zusammen mit dem Augsburger Alois Zott die Cima della Madonna durch den heutigen Winklerkamin, dessen Schwierigkeit immer noch mit III eingestuft wird. Später folgten Cima Canali, Pala di San Martino und Sass Maor. Als Achtzehnjähriger (1887) glückte ihm seine erstaunlichste Leistung in den Dolomiten. Er bestieg einen Gipfel der Vajolettürme, der heute seinen Namen trägt. Die Route wird heute mit III bewertet. Aber Winkler kletterte in Nagelschuhen. Sein Unternehmen glich einem kühnen, jugendlichen Aufschrei. Als Alleingeher bestieg er das Zinalrothorn in den Walliser Alpen. Zwei Tage später, am 16. August 1888, wagte er sich wieder allein in die '.Weißhorn-Westwand, wo ihn eine Lawine - den Abgrund riß. Seine sterblichen Überreste wurden erst 68 Jahre (1956) an der Zunge des Weißhorn-Gletschers
Quelle: Der Bergsteiger 1982, Heft 5, Seite 33


Geboren am:
26.06.1869
Gestorben am:
16.08.1889
application/pdf Winkler Georg - BST 1969-10, Seite 765.pdf

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