Schuster Oscar

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Biografie:
Dr. Oskar Schuster (+)
Wieder hat der Tod aus den Reihen der hervorragendsten Alpinisten ein Opfer geholt. Wie uns Herr Ad. Witzenmann in Pforzheim soeben mitteilt, erhielt er über Schweden die Drahtnachricht, daß Dr. Oskar Schuster am 8. Juni in Astrachan der Ruhr erlegen ist. Dr. Oskar Schuster war bekanntlich durch den Ausbruch des Krieges auf einer Kaukasusreise überrascht und in Rußland festgehalten worden. Zu Anfang dieses Jahres war er aus dem Orenburger Gouvernement in die Gegend von Astrachan und dann nach Astrachan selbst gekommen, wo ihm ein internierter Deutscher wenigstens einige Erleichterungen seines traurigen Loses verschaffen konnte. Von diesem stammt auch die an Herrn Ad. Witzenmann gelangte Draht-Nachricht.
Quelle: Mitteilungen des DÖAV 1917, Seite 81

Dr. Oskar Schuster (+)
Von Dr. A. Dreyer in München.
Wie bereits in Nummer 11/12 der „Mitteilungen" berichtet wurde, riß der Tod einen der Besten aus unseren Reihen. Am 4. Juni erlag Dr. Oskar Schuster zu Astrachan einem schleichenden Leiden, das ihn erst in der russischen Gefangenschaft befallen hatte. Ein Opfer des unersättlichen Weltkrieges, der uns schon so viele treue Freunde und Genossen raubte, ist auch er geworden. In Feindesland, fern der Heimat und den geliebten Bergen, fand er ein fremdes Grab.
Oskar Schuster wurde am 1. Oktober 1872 zu Dresden geboren. Er widmete sich dem Studium der Medizin, übte aber den ärztlichen Beruf nicht aus. Von Haus aus vermögend, konnte er seinen alpinen und wissenschaftlichen Neigungen frei leben. Dabei ging er aber nie müßig, sondern war unablässig bemüht, neue Kenntnisse zu sammeln, Platens Worte beherzigend: „Die Kunst zu lernen ward ich nie zu träge."
Den Winter verbrachte er früher regelmäßig in seiner Heimatstadt, der Sommer jedoch lockte ihn immer in die Berge. Seit 1905 wählte er jedoch München als Winterlichen Standort und hörte — schon in reiferen Jahren — Vorlesungen über Philosophie und Psychologie an der dortigen Universität, und zwar mit einem Eifer, um den ihn der jüngste Student hätte beneiden können. Dabei war er einer der fleißigsten Besucher der Alpenvereinsbücherei, die er auch mit mancher wertvollen Gabe bedachte, über seine Alpenfahrten führte er genau Buch und 1903 veröffentlichte er im Druck ein Verzeichnis seiner Touren vom 2. August 1889 bis zum 14. März 1903, ein nachahmenswertes Beispiel für alle bedeutenderen Alpinisten.
Freilich ist dieses Verzeichnis nur eine trockene Aufzählung der von ihm in diesem Zeitraum bezwungenen Berge. Viele farbige Schilderungen seiner Fahrten erschienen in der „Zeitschrift" und den „Mitteilungen" sowie in der „Österreichischen Alpenzeitung" und der „Deutschen Alpenzeitung". Mit einer Überschreitung des Diavolezzapasses (2977 Meter), eines der schönsten Paßübergänge im Berninamassiv, beginnt am 3. Juli 1889 seine bergsteigerische Laufbahn. Mit den Schiahörnern, die er auch später noch ein paarmal erklomm, verdiente er sich die ersten alpinen Sporen. Im August folgten Piz Kesch, Piz Linard und Flüelaschwarzhorn, im September die lohnendsten Gipfel der Ortlergruppe (Ortler, Hintere Schöntaufspitze, Monte Cevedale, Königs- und Thurwieserspitze). Im nächsten Jahre wagte er sich bereits an Viertausender (Dom, Matterhorn, Dufourspitze). Von 1891 an pflückte er sich als alpiner Bahnbrecher und Pfadfinder immer neue Lorbeeren. Eine stattliche Reihe der Hochgebirgsriesen in den Ost- und Westalpen *) betrat im Laufe der Jahre sein Fuß, und auf damals weniger bekannte Berghäupter, wie die Drusenfluh im Rhätikon, wies er nachdrücklich in Fahrtschilderungen hin. Es gibt nur wenige größere Hochgebirgsgruppen, die ihn zur Besteigung nicht anreizten.
Seine Erstersteigungen und Neutouren stellen seinem alpinen Forscherdrange und seiner Kühnheit und Geschicklichkeit ein ehrenvolles Zeugnis aus. Wohl führte er auch in den Westalpen anerkennenswerte Erstlingstouren aus, wie die Bezwingung des Piz Crealetsch, des Piz Ravigliel; allein der Schwerpunkt seiner alpinen Leistungen liegt in den Ostalpen. Häufig zog es ihn auch nach den Dolomiten. Der Führer Luigi Bernardo fand mit dem Träger Davarda einen Weg, der die lebensgefährliche Rinne zum Gipfel des Langkofels vermied, und diesen Weg beschritt Schuster als erster Tourist am 21. Juli 1893. Auch zur Fünffingerspitze, die es ihm besonders angetan hatte, eröffnete er neue Wege.
Seine Monographie der Langkofelgruppe (in der „Zeitschrift" 1896) ist von echt alpiner Begeisterung durchweht. „Jedem Naturfreund, der hinaufgewandert ist ins Grödnertal," sagt er in dieser Arbeit, „wird eine hehre Berggestalt für immer im Gedächtnis bleiben, welche, die lichten Matten und dunklen Wälder hoch überragend, ihre hellgrauen, von weihen Schneerinnen durchfurchten Felsen emporreckt in die Lüfte; immer gleich gewaltig, ob nun der aufgehende Sonnenball ihre Konturen mit einem klaren Schein umgibt... oder ob sie der Mond mit einem milden Lichte bestrahlt, dass die steilen Mauern sich bleich und unheimlich vom sternbesäten Nachthimmel abzeichnen."
Ihm gebührt auch (nach seiner Angabe) der Ruhm des Erstersteigers der dreigipfeligen Cima d'Ombretta (3011 Meter) oberhalb des Contrinhauses. Am gleichen Tage (31. Juli 1893) erklomm er auch den nahen Sasso Vernale, den vor ihm nur Merzbacher bestiegen hatte. Eine besondere Anhänglichkeit hatte er an die Croda Grande-Gruppe, die er am 12. Juli 1897 zum ersten Male besuchte. Von ihr sagte er: „Vieler Berge Scheitel hat mein Fuß betreten, an keinen aber knüpfen sich für michsolche Erinnerungen wie an die Croda Grande."
Mit dem Führer Zecchini trat er am 16. März 1900 von Gosaldo aus eine Fahrt dahin an, die beiden bald zum Verderben geworden wäre. Ein heftiger Schneesturm zwang sie zu einem Biwak unter einem überhangenden Felsen. Drei Nächte mußten sie hier ausharren, dem Spiel der Elemente auf eisiger Höhe schutzlos preisgegeben. „Wir gedachten", erzählt Schuster, „der Unseren in der Ferne, es brannten die Flammen der Liebe in Heller Glut. Scheiden ist ein bitteres Leiden." Erst am Nachmittag des vierten Tages kamen sie „wie zwei Eismänner" in Gosaldo an. Zecchini hatte die Finger erfroren und infolge der ungeschickten Behandlung fielen später einige Fingerglieder unter dem Messer des Arztes.
Schuster singt das Lob Zecchinis mit den Worten: „Er bewies sich als tapferer Mann, und ausgezeichneter Führer, der bis zum letzten Augenblick seine Schuldigkeit tat." Überhaupt kargt er bei tüchtigen Führern nicht mit der Anerkennung. Führerlose Touren liebte er nicht, dagegen sind ihm Hilfsmittel wie Drahtseile und Eisenstifte ein Greuel. Voll Anmut ruft er daher aus: „Drahtseile und Eisenstifte dürften ruhig einige Zentner weniger an den Tiroler, Kärntner, Krainer und Steiermärker Bergen hängen... überall tritt man auf Eisenstifte oder greift man in die Drahtseile. Der Berg verliert seine Individualität"
Die Sehnsucht nach den Alpen befällt ihn im Flachlande zur rechten Zeit. So schreibt er einem Freunde aus Kiel am 13. Juli 1898: „Hier oben ist der diluviale Gläzialschotter das einzige, was einen an die Gletscher erinnert. Der alpinen Verführung ist man also nicht ausgesetzt."
Über die Schneeschuhe urteilte er früher sehr skeptisch. Bald aber gewann er „die langen Hölzer an den steilen Flanken eines Hochgebirges" als außerordentlich wertvolles Hilfsmittel für den Bergsteiger lieb und unternahm selbst gerne Wintertouren auf den Schneeschuhen, so einen Versuch auf den Monte Rosa (im März 1897) und im Dezember des gleichen Jahres eine Tour über den Claridenpaß. Von 1903 an wandte sich Schuster dem Kaukasus zu und erwarb sich auch hier großen bergsteigerischen Ruhm. Energisch trat er dafür ein, dass jährlich einige Expeditionen zur Erschließung der Hochgebirge nach Asien und Südamerika geschickt werden sollen. Ebenso empfahl er den Balkan, Norwegen und die Pyrenäen. Mit vier Gefährten glückte ihm am 26. Juli die Ersteigung des Uschbas (des Südgipfels, 4698 Meter), des kaukasischen Matterhorns, die er in der „Österreichischen Alpenzeitung" in höchst anziehender und anschaulicher Weise und ohne jegliche Ruhmredigkeit beschrieb. Denn im wohltuenden Gegensatz zu manchem Alpinisten der Gegenwart, der sein Licht nicht hoch genug auf den Scheffel stellen kann, zierte ihn stets wahre Bescheidenheit.
Mit Dr. Walter Fischer, v. Friedrichs und Dr. Kuhsal drang er im Sommer 1910 in den zentralen Kaukasus vor, und zwar in die Kasbekgruppe, machte von Norden her, von Dargawsk aus, einen Vorstoß in die Gletscherwelt, in das Gebiet des Midagrawingletschers.
Im Sommer betrat er mit Dr. Walter Fischer und dem Hochgebirgsmaler Ernst Platz wiederum die Kasbekgruppe, wobei deren dritthöchster Gipfel, der Schan Choch, erstiegen wurde, über die erste Besteigung des Mirschin-Zup in derselben Bergkette berichtete Schuster noch in der „Zeitschrift" 1912. Besonders wertvoll sind sein „Itinerar der Kasbekgruppe" (1912) und seine
„Reisewinke für Kaukasusfahrer". Eine seiner letzten Arbeiten ist eine gedrängte Schilderung der Kwischgruppe. Im Juli 1914 begab er sich mit seinem Gefährten Dr. Walter Fischer nach dem Kaukasus zu neuen Besteigungen und Forschungen. Nach Ausbruch des Krieges wollte er sich über Suchum-Kale am Schwarzen Meer auf türkisches Gebiet flüchten, wurde jedoch hier gefangen genommen und im September 1914 nach dem Baschkirendorfe Allaberdino im Gouvernement Orenburg überführt. Von der Malaria gepackt, lag er hier todkrank darnieder unter den elendesten Verhältnissen. In Briefen an seine Freunde entquollen ihm bittere Klagen über seine elende Herberge. „Eine Schweizer Klubhütte ist ein Palast dagegen", schrieb er einmal. Auf Verwendung kam er im Januar 1915 nach Taschla, einem klimatisch besseren Orte (ebenfalls im Orenburger Bezirke).
Ende 1915 gesellte sich zur Malaria auch ein Lungenleiden. Es fehlte ihm jeder Umgang mit gebildeten Leuten und die Wohnung und Ernährung ließ viel zu Wünschen übrig. Dennoch ertrug er standhaft seinen bejammernswerten Zustand. Am 14. September wurde er nach Zarew, dann im Januar nach Astrachan gebracht. Zuversichtlich hoffte er auf baldige Befreiung, um so mehr als er wußte, dass die schwedische Gesandtschaft in Petersburg seine Heimbeförderung in die Hand genommen hatte. Doch noch vorher erlag er plötzlich einer Herzlähmung. Für Dr. Schuster und alle unsere Mitglieder, deren Leben in der Gefangenschaft erlosch, gilt die Inschrift auf dem ehernen Obelisk in München (die eigentlich den Teilnehmern aus deutschen Landen an Napoleons russischem Feldzuge 1813 vermeint ist): „Auch sie starben für des Vaterlands Befreiung."
*) I. Ersteigungen: Vorderer Waxenstein (1892), Thörlspitze (1892), Piz Crealetsch (1892), Piz Ravigliel (1892), Radüner Kopf (1892), Ambalkopf, Hohe Warte (1892), Hintere Lapenspitze, Kleiner Löffler (1893), Neunerköfele, Papernkofel (1893), Cima d'Ombretta (1893), Schüsselkarspitze (1894). östliche Floitenspitze (1894), Zehnerkofel (1894), P. 3304 der Spezialkarte 1:75.000 (1894), Westl. Piz Val Müra (1894), Sasso di Campo (1894), Cima dell Alberghetto (1895), Cima del Marmor meridionale (1895), Vorderer Brunnenkogel (1895), Cima del Marmor centrale und settentrionale (1896), Cima del Coro (1895), Gipfel der südl. Marmolatagruppe (1896), Südgipfel des Piz Pisoc (1896), Doppelgipfel zwischen Piz Zuort und Piz Minger (1896), P. 3206 (Sustengruppe) (1897), Sasso delle Capre (1898), Ostgipfel des Monte Pizzon (1901), Monte Feruch (Mittelgipfel) (1902), P. 2140 der Tavoletta (Ostgipfel des Monte Feruch) (1902), Monte Alto, Cta. le Coraje (1902).
II. Ersteigungen: Radüner Rothorn, Gr. und Kl. Fergen, hörn. Gletscherkamm, Röthspitze, Kemetspitze, Scharnitzspitze, Lapenspitze, Bambergerspitze, Winterberg, Piz Plavnadadaint,
Piz Zuort, Piz Mingör, P.3215 der Sustengruppe, Östl. und Westl. Hornbacher Plattenspitze, Cima Lescio (zugleich Erstersteigung über die Nordwand), Monte Lastei d‘Agner, Pala della Madonna, Sasso di Campo.
III. Ersteigungen: Totensesselspitze, Äußere Ilmspitze, Westl. Simony. und Gubachspitze, Langkofelspitze, Furtschagelspitze, Thorkofel.
Neutouren: Elferkofel, Zsigmondyspitze, Flüelaschwarzhorn, Furtschagelspitze, Langkofel, Thorkofel, Westl. Marzellspitze, Trettachspitze, Fünffingerspitze, Wilde Leck, Grohmannspitze, Plankenstein, Plattkofel, Piz Buin, Gwächtenhorn.
Quelle: Mitteilungen des DÖAV 1917, Seite 90-92

Oscar Schuster
Vita *1.10.1873 in Markneukirchen (Vogtland). Mit materiellen Gütern wohlversorgt, war er — wenn auch nie ausübend — promovierter Arzt mit starken Neigungen zu Psychologie und Philosophie. Unverheiratet. Am 4.6.1917 starb er in einem Internierungslager in Astrachan, wohin er nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges aus dem Kaukasus gebracht worden war.
Chronik: Oscar Schuster galt als einer der bedeutendsten Gebirgspioniere seiner Zeit. Im Elbsandsteingebirge, wo er Wesentliches zur Entwicklung des sportlichen, hilfsmittelfreien Kletterns beigetragen hat, gelangen ihm selbst 33, zusammen mit seinem Freundeskreis, als dessen herausragende Persönlichkeit er galt, rund 80 bahnbrechende Erschließungserfolge. Er führte den damals alpenüblichen Kletterschuh mit Hanfsohle ein (um 1890) sowie das erste Gipfelbuch (1894). Seit 1889 fuhr Schuster wohl alljährlich und jedes Mal für längere Zeit in die Ost- und Westalpen, wo ihm allein bis kurz nach der Jahrhundertwende über 700 Gipfelersteigungen und mehr als 50 Neutouren geglückt sind, so die Erstersteigung der Schüsselkarspitze im Wettersteingebirge (1894), die Erstbegehungen der Elfer-Ostwand (1891), der Nordwände von Grohmannspitze und Fünffingerspitze (1895) in den Dolomiten u. a. m. Von 1903 bis 1914 war Schuster neben seinen Alpenreisen fünfmal im Kaukasus, wo ihm ebenso markante Neuunternehmungen zufielen, Beteiligung bei der Uschba-Südgipfel-Erstersteigung (1903), der des Dombai-Ulgen (1914) u. a.
Namhafte Alpinisten wie E. G. Lammer, L. Norman-Neruda, W. Paulcke, E. Platz und A. Schultze waren seine Gefährten. Eine Vielzahl minuziös und zuverlässig verfaßter Führerbeschreibungen sowie Erlebnisberichte aus Schusters Feder sind überliefert.
Mit seiner Ski-Erstbesteigung der Dufourspitze des Monte Rosa im Jahr 1898 gehört Oscar Schuster auch zu den Vätern des alpinen Skilaufs.
-dh-
Quelle: Der Bergsteiger 1983, Heft 3, Seite 69-70


Geboren am:
01.10.1873
Gestorben am:
04.06.1917

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