Bumiller Hans

(Bearbeiten)
Foto gesucht!
Biografie:
geboren in Landstuhl (Deutschland)
gestorben in San Stefano (Türkei)

Erste Begehung des Nordpfeilers am Piz Palü "Bumiller-Pfeiler" mit den Bergführern Martin Schocher, Johann Groß und Christian Zipperet an 1. September 1887.
Quelle: Archiv Proksch (Österr. Alpenklub)


Hans Bumiller
1864 ? 1912
Ein Kapitel alpiner Geschichte
Durch die Lärchenwälder des Morteratschtales schimmert eine eisstrahlende mächtige Wand, von schwarzen Felsrippen gestützt: die dreigipfelige Burg des Palü, des gewaltigsten Baues der östlichen Berninagruppe, der ? in anderer Art ? an die Formschönheit der Blümlisalp gemahnt oder an die Wucht des riesigeren, doch nicht so gestaltvollendeten Lyskammes. Aus glitzernden Eisstürzen springen in der Mauermitte dunkle Granitmassen heraus und ziehen in wilder Jähe, gekrönt von einem abwesenden Firnbruch, zur Kammhöhe empor. Unzugänglicher scheinen dem Auge diese Fels- und Eisabstürze als die berühmtere Nordrippe des Scerscens mit ihrer Eisnase. Und dennoch führt gerade hier der stolzeste und schwierigste Pfad zum Gipfel des Palü. Den Führeren Pontresinas heißt diese Mittelrippe des Berges der Bumillergrat, 1) denn am 1. September 1887 wurde er von dem jugendlichen Hans Bumiller und den Führern Martin Schocher, Johann Groß und Christian Schnitzler zum erstenmal bezwungen.
Fünfundvierzig Jahre sind seitdem verstrichen. Aber trotz dieses langen Zeitraumes und trotz des gewaltigen Aufschwunges des Bergsports folgten bis heute nur fünf Seilschaften dem schwierigen Wege der Erstersteiger.2)
Die alpine Geschichte meldet nichts über andere Taten und Persönlichkeit des jungen Bergsteigers, der meteorgleich auftauchte und verschwand. Sein Ehrgeiz bestand nicht darin, durch berichte in alpinen Zeitschriften von sich reden zu machen, und das Spiel des Alpensports konnte seinem drang nach Abenteuern ernsterer Art nicht genügen.
So wurde Bumillers Name sehr bald sagenhaft und lebte schließlich sogar nur in verstümelter Form 3) weiter, während die große, ganz selten wiederholte Palüfahrt nur noch den gebildeten Alpenkennern lebendig blieb, der so breit angeschwollenen Masse der heutigen deutschen und österreichischen Bergsteiger und Bergfilm-Beschauer aber aus dem flatterhaft-flachen Bewusstsein verschwand.
Das Engadin der achtziger Jahre, in das der junge deutsche Sportsmann kam, war von dem heutigen sehr verschieden. Es gab weder eine räthische noch eine Berninabahn; eine lange Postwagenfahrt führte von Thusis oder gar schon von Chur in das oberste Inntal. Die Verbindung zwischen St. Moritz-Dorf und ?Bad besorgte eine Pferdebahn. Dementsprechend war die Zahl der internationalen Sommergäste klein, doch trug sie ein exklusiv-aristokratisches Gepräge. Das laute Getümmel der deutschen und österreichischen Alpen fehlte. Der große Name in der Berninagruppe war damals Paul Güßfeldt, der den Nordgrat der Bernina, den Piz Scerscen, die Schneehaube, die Porta Roseg (Güßfeldt-Sattel 4) bezwungen hatte und gerade im Jahre 1887 seine letzte bedeutende Engadiner Unternehmung, die Überschreitung des Scerscen von Süd nach Nord, ausführen sollte. Der bekannte Berliner Bergsteiger schien mit allen Problemen gründlich ausgeräumt zu haben.
Da fiel das Auge des Neulings Bumiller auf die große Wand des Palü und erkannte, daß dort noch eine Aufgabe zu lösen war, die einen Vergleich mit den bisherigen Höchstleistungen nicht zu scheuen brauchte. Aber auch hier war leichter gedacht als getan. Hindernisse ungeahnter Art türmten sich auf. ?Unmöglich?, sprachen freunde, bekannte und Bergkenner. Und das gleiche Urteil sollen die Führer anfänglich auch gefällt haben.
Die anekdotische Geschichte liefert zum zustande kommen des Unternehmens ergötzliche Einzelheiten. Hinter den biederen Wotans- oder frommen Patriarchenbärten der Pontresinaer Führer ? geschäftstüchtige Allemannen auf romanischem Boden ? birgt sich weise Diplomatenkunst. Auch sie bestätigten das ?Unmögliche? der Unzünftigen und ließen klug durchblicken, dass ein ernstlicher versuch wohl mit dem Untergang der ganzen Partie enden könnte. Je eindringlicher er jedoch gewarnt wurde, umso hartnäckiger verbiss sich Bumiller in die Durchführung seines Planes; er schwor, dass die Nordwand des Palü fallen müsse. Schließlich fand er willige Helfer. Um alle Bedenken aus dem Wege zu räumen, machte er vor Antritt der Fahrt ein Testament, durch das für den Fall eines Unglücks die Familiend er Führer reich bedacht würden. Dieser letzte Wille wurde versiegelt beim Gemeindepräsidenten ? es war damals wohl Herr Claudio Saratz ? hinterlegt und nach glücklichem gelingen der Tour eröffnet verlesen. Böse Zungen behaupten, dass Kummertränen in Führerbärte gerollt seien als kund wurde, welch fürstliche Summen der Überlebenden zugefallen wären, wenn die Familienväter den Bergtod erlitten hätten. Die Geschichte des Vermächtnisses ist wahr. Ebenso wahr ist aber auch, dass Martin Schocher und Johann Groß Ehrenmänner waren, deren Andenken die lsutige Anekdote natürlich nicht zu nahe treten will. 5)
Dank der Energie und Tatkraft Bumillers und dank der vorzüglichen technischen Fähigkeiten seiner Führer fiel die große Mittelrippe des Palü. Auch der modernste Bergsteiger könnte keinen schöneren, geraderen und sicheren Weg durch die Nordwand des Berges erklügeln. Ohne Steigeisen oder gar Sicherungshaken, in Nagelschuhen und mit altmodischen Eisäxten wurde das Wagestück im September, also spät im Jahre, glücklich durchgeführt. Wer genügend Bergverstand besitzt, der kann entsprechende Vergleiche anstellen und Wertungen vornehmen.
Außer der Palüwand verzeichnet die alpine Chronik nur noch eine andere große Bergfahrt Bumillers: Die Ersteigung des Piz Scerscens von Norden mit Abstieg über den Ostgrat zur Furcola Scerscen-Bernina und von dort nach Süden 6) ein auch heute noch sehr schwieriges Unternehmen, das namentlich in seinem letzten teil, den Abstieg von der Fuorcla, rechterhebliche Anforderungen an die Sicherheit und Selbständigkeit des Bergsteigers stellt.
Damit verlischt das Meteor Bumiller, nach kurzem, aber strahlendem Glanz, am alpinen Himmel. Wenig später steht der Sieger vom Palü im Feuer der aufständischen Araber auf afrikanischem Steppenboden. Die Alpen sind ihm Episode geworden und geblieben.
Hans Bumiller wurde am 22. Juni 1864 in Landstuhl in der Pfalz geboren, als seine Eltern sich auf der Reise nach ihrem Wohnsitz Reims befanden. In Heidelberg und Göttingen studierte er Volkswirtschaft und erwarb sich den philosophischen Doktorhut. Wie überall, so erregte auch in der Universitätsstadt am Neckar der junge Patriziersohn Aufsehen.. Seine hohe, ebenmäßige Gestalt, sein regelmäßig geschnittenes Gesicht hoben sich ab aus der Zahl der übrigen Corpsstudenten. Mit dem Säbel oder Schläger in der Hand war er ein ebenso unbestrittener Meister wie auf höfischem Parkett. Nach Ableistung seiner Dienstpflicht beim Regiment Garde zu Corps wurde er zum Reserveoffizier des Garde-Kürassier-Regiments ernannt. Er war im Begriff, eine Weltreise anzutreten, als in Deutsch-Ostafrika der bekannte Araberaufstand ausbrach, mit dessen Niederwerfung Major v. Wissmann betraut wurde. Rasch entschlossen trat Bumiller in Wissmanns Truppe als Adjudant des Führers ein und zeichnete sich in zahlreichen Gefechten so aus, daß ihm mehrere Kriegsdekorationen verliehen wurden. Wiederholte Malarieanfälle zwangen ihn, die Tropen zu verlassen und einer Berufung in die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes zu folgen, in der er mehrere Jahre als Lagationsrat tätig war. Zum Bureaukraten jedoch war er nicht geschaffen, wie zu seiner Ehre festgestellt werden muß. Er schied aus dem Reichsdienst und fand sein letztes Abenteuer im Balkankrieg, bei dessen Ausbruch er sogleich in die osmanische Armee eintrat. Aber schon am 12. November 1912 bereitet die Cholera seinem Leben in San Stefano bei Adrianopel ein schnelles Ende. Es blieb ihm erspart, die Trostlosigkeit des Nachkriegs-Europa zu erleben. 7)
Das ist der kurze Abriß eines abenteuerlichen Lebens, dessen Geschichte mit diesen wenigen Worten nur flüchtig gestreift ist.
Polytlas

1) Diese Benennung ist nicht topographischer, sondern alpin-sportlicher Natur.
2) Die letzten Begeher des Weges waren H.de Segogne, R. Tézenas du Montcel und Marcel Kurz am 5. August 1931. Vgl. ?A.J. Nr. 243 vom November 1931, Seite 385ff?. Die englische Zeitschrift enthält eine vorzügliche Studie über die gesamte Nordwand des Palü,a us der Feder von M. Kurz und E. L. Strutt.
3) Richtiggestellt durch ?A.J. Nr. 243, Seite 386?
4) Eine alpin-historische Bezeichnung Vgl. oben
5) Übrigens hat Frau Emily Bumiller-Lanz auch noch nach dem Tode ihres Gatten die Führerkasse in Pontresina regelmäßig bedacht, bis Kriegs- und Nachkriegszeit dies unmöglich machten.
6) Vergleiche ?A.J. Nr. 243, Seite 386
7) Frau Emily Bumiller-Lanz. Die Witwe des verstorbenen Legationsrates Dr. Hans Bumiller, sei an dieser Stelle gedankt für die zahlreichen Angaben über das Leben ihres Gatten, die sie mit viel Mühe zusammengestellt hat.

Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1932, Seite 98-100

1887 1.Beg.Piz Palü-Mittlerer Nordwandpfeiler „Bumillerpfeiler“,V,Eis bis 60°,800 KM,3905m,
(Berninagruppe)



Geboren am:
22.06.1864
Gestorben am:
26.11.1912

Erste Route-Begehung