Pahl Max

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Biografie:

In memoriam em. o. Univ.-Prof. für Atomphysik Max Pahl
Erinnerungen von Erika Cremer an Max Pahl
Max Pahl wurde am 20. Mai 1908 in Waldshut in Baden, als Sohn des Wasserbauingenieurs Maximilian Pahl geboren. Schon hier ergab sich eine fast magische Beziehung zur theoretischen Physik, denn der Vater des späteren Nobelpreisträgers für Physik Max von Laue war Vorgänger von Max Pahls Vater im Rheinbauamt Freiburg. Max Pahl verbrachte seine Kindheit, sowie seine Schul- und Studienjahre in Freiburg im Breisgau. Für einen späteren Bergsteiger war die Lage dieser Stadt geradezu herausfordernd. Am Rande des Schwarzwaldes gelegen, gab sie die schönsten Möglichkeiten für das Training des Bergsportes. Im Sommer konnte man sogar Klettertouren machen, und im Winter bot sich das Gelände auf den Schwarzwaldhöhen geradezu für den Skilauf an. Vom Feldberg aus sah man an klaren Tagen den Gipfel des Montblanc.
Aber auch für die geistige Ausbildung war Freiburg in den zwanziger und dreißiger Jahren besonders günstig. Nach Ablegen des humanistischen Abiturs am Bertholdsgymnasium bezog Max Pahl 1927 die Universität, um Physik zu studieren, wozu auch Mathematik und Physikalische Chemie als Ausbildungsgegenstände gehörten. Aber auch die dort gelehrte Philosophie von Prof. Dr. Martin Heidegger fesselte ihn, und bald hatte er die Wahl, zu Heidegger, einem der berühmtesten Philosophen Deutschlands als Assistent oder zu Prof. Dr. von Hevesy, dem späteren Nobelpreisträger in Chemie als Doktorand zu gehen. Die stürmische Entwicklung der Naturwissenschaften besonders in der Chemie bewog ihn schließlich, sich für das letztere zu entscheiden. Genau in dieser Zeit hatte auch ich mich entschlossen, nachdem ich bei Prof. Bodenstein in Berlin meinen Doktor gemacht hatte, bei Prof. von Hevesy in Freiburg zu arbeiten. Als ich das meinen Brüdern erzählte, sagten sie: ?Das ist mehr Schi als Heve!" Und damit hatten sie nicht so unrecht. Hevesy hatte schon großen Erfolg durch die Entdeckung des Haffniums errungen und gab mir ein Thema auf diesem Gebiet. Aber er begann auch schon mit radioaktiven Untersuchungen, um den Weg, den Giftsubstanzen in tierischen Geweben nehmen, nachzuweisen und die in kurzen Zeit-abständen gemacht werden mußten, um die Kinetik des Ablaufes zu bestimmen. Auch ich wurde manchmal zu diesen Messungen herangezogen. Max Pahl aber sollte die Radioaktivität des Kaliums erforschen. Während wir noch mit altmodischen Elektroskopen arbeiteten, gelang es Pahl, die Messung weitgehend zu automatisieren. Man sagte, daß er sein Präparat nur morgens in den Apparat stecken mußte, dann zum Skifahren gehen konnte und dann nach dem Zurückkehren nur noch die fertig gezeichnete Kurve aus dem Apparat zu ziehen brauchte. Hierdurch konnte er Wissenschaft und Bergsport gleichzeitig betreiben. Er befaßte sich auch mit der Dynamik des Fliegens und wandte dies erfolgreich auf das Skispringen an. Er konnte also seine beruflichen Kenntnisse auf den Sport übertragen und prüfte sozusagen als lebendiges Objekt die Ergebnisse theoretischer Physiker und kam damit auch wieder zu besonderen, sportlichen Erfolgen. Nicht umsonst rückte er im Sprunglauf in die Klasse I auf und wurde außerdem 1931 Akademischer Weltmeister im Abfahrtslauf. Auch konnte er während seines Studiums ?seinen Lebensunterhalt durch ein Stipendium verbessern, das er nicht zuletzt seinen skisportlichen Leistungen verdankte". (Zit. R. Volk, Grabrede.)
Die meisten Mitarbeiter in unserem Institut waren aktive Skifahrer, sogar der Chef. Er duldete lange Zeit, daß wir die Skier mit ins Labor nahmen. Als er aber eines Tages auf einem Laborhocker, der mit Klister beschmiert war, mit seiner Hose festklebte, hing nachher am schwarzen Brett ein Aushang: ?Das Wachsein von Skiern im Labor ist verboten!"
Bei Skirennen, die für Studenten und Assistenten abgehalten wurden, hatte Hevesy häufig Gelegenheit, Leute seines Institutes bei der Preisverteilung ehren zu können. Meist stand Pahl an erster Stelle, aber auch ich hatte einmal Gelegenheit eine Trophäe zu ergattern. Sinnigerweise bestand sie aus einer rechteckigen Blumenvase, die von zwei holländischen Kindern flankiert war.
Viele Mitglieder des Institutes verbrachten ihre freien Nachmittage und Wochenenden mit Klettern und Skifahren im Schwarzwald, und einer meiner Lehrer in diesen Künsten war Max Pahl. Er hatte schon als Student einen sehr guten Ruf auf diesem Gebiet. Ich lernte ihn bei einer Klettertour über die Feldseewand besser kennen. Als Begleiter hatte ich den Sohn meines Hausherren, der noch ein Schüler war. Als wir einstiegen, sahen wir über uns eine Zweiermannschaft, die sehr rasch vorankam. Als wir später dann den Gipfel erreichten, lagen Max und sein Begleiter schon ausgeruht in der Sonne. Das war das erste Treffen. Wir stiegen gemeinsam ab, nicht durch die Wand, sondern gingen auf einem wilden Pfad durch Gestrüpp, über den uns Max sehr schnell zu Tal brachte. Er bot mir dabei an, mich einmal auf den Paulcke-Turm mitzunehmen. Das war für mich eine große Ehre, denn dieser Felszacken galt als sehr schwierige Klettertour, und heutzutage ist seine Besteigung sogar verboten. Max Pahl unterwies mich auch in allerlei speziellen Handhabungen beim Klettern, z. B. wie man einen wackeligen Griff benutzen kann. Und als ich dann am Paulcke-Turm einmal nicht weiter kam, weil ich in meiner Reichweite nur einen wackeligen Griff fand, rief er von oben herunter, wo er mich am Seil sicherte: ?Du wirst doch wohl noch einen wackeligen Griff benutzen können!" Ich tat es und meisterte damit die Stelle. Dieser Spruch konnte auch auf viele andere Lebenssituationen angewendet werden und wurde bei uns Zitat.
Max Pahl war ein ausgezeichneter Bergführer, er führte gerne Leute aus unserem Institut. Ich weiß nicht ob er damals schon das Bergführerpatent hatte, aber er verlangte nichts für seine Führungen, nur ging man nach der Tour in ein Wirtshaus auf ein Glas Bier, das der Geführte bezahlen mußte. ? Durch die Feldseewand kletterten wir später noch einmal auf einer anderen Route, wo wir einen sehr steilen Überhang zu überwinden hatten. Am Ausstieg merkte ich, daß ich meine Geldbörse offenbar aus der Hosentasche verloren hatte. Ich war darüber natürlich nicht sehr erbaut, mußte es aber doch Max beichten. Er sagte ganz seelenruhig: ?Nun, dann müssen wir die Wand halt noch einmal machen!" Das taten wir auch, und unter einem Überhang lag friedlich das Portemonnaie. Als wir dann zu unserem gewohnten Nachtrunk
gingen, sagte Max: ?Diesmal müssen's aber drei Bier sein!"
Mein Stipendium in Freiburg endete nach zwei Jahren (1930), und ich kehrte wieder nach Berlin Dahlem zurück, während Max Pahl seine Forschungen über das radioaktive Kalium fortsetzte. Später gelang ihm auch noch die Entdeckung des radioaktiven Samariums. In Freiburg habilitierte er sich im Januar 1939 mit einer Arbeit ?Über die Wachstumsgeschwindigkeit von Jodkristallen in Fremdgasen" und war dann Dozent am Institut für Physik.
Was uns aber immer vom Feldberg aus gelockt hatte und was auch mir noch nach meiner Rück-kehr nach Berlin als tiefer Eindruck geblieben war, war die Sicht bei schönem klarem Wetter in die hohen Berge der Westalpen und zwar fühlten wir uns da dem Montblanc besonders zugehörig. In dieses wunderbare Gebiet führte mich dann auch Max Pahl 1933, wobei oft als Dritter am Seil unser Kollege aus Freiburg Alfred Fassler war. Mein Bruder äußerte dazu nur: ?Nimm sie ans Seil und pack se mal! sagt Alfred zu dem Maxe Pahl!" Am Montblanc habe ich dann meine ersten Erfahrungen mit Bergkrankheit gemacht. Ein großer Kenner des Alpinismus hat einmal gesagt: Wenn man mit Recht von einer Bergkrankheit spricht, die einen in Höhen von etwa 4000 m befällt, so darf dann doch nicht vergessen werden, daß es bei bergsteigerischen Leistungen zwischen etwa 1500 und 3800 m dafür ein Gefühl einer Gesundheit ohnegleichen gibt, und um das zu erleben, geht man in die Berge. ? In den Gletschergebieten des Montblanc und in nicht zu hoher Höhe lehrte mich Max auch das Überwinden von Gletscherspalten durch Sprünge. Ich hatte zunächst doch Angst und sträubte mich etwas dagegen, aber alsbald war ich am Seile von Max so sicher, daß ich diese Technik mit größter Freude benützte und mir klar wurde, daß das eine der schönsten Abstiegsmöglichkeiten im Eis ist.
In der großen Tourenliste von Pahl, die über 200 Namen enthält und nach der er 48mal auf Gipfeln über 4000 m gestanden hatte, ist im Jahre 1933 Montblanc, Rochefortgrat und Grand Jorasses angegeben, und bei den beiden ersteren war ich dabei als 3. am Seil. Den Montblanc machten wir von Bellevue aus mit Übernachtung auf der Vallot-Hütte (4363 m). Auf dieser einsamen Hütte war nicht nur ein riesiges Chaos sondern auch eine Eiseskälte. Wir schliefen völlig angezogen mit Stiefeln und Steigeisen, weil wir fürchteten, am nächsten Morgen nicht mehr in die Schuhe zu kommen. In der Nacht hatte das Wetter umgeschlagen, wir saßen im Nebel und Max sagte: ?Nix wie na!" Umkehren? So nahe vor dem Gipfel? Aber die Vernunft siegte: wir stiegen ab. Als wir auf dem Grand Plateau (4000 m) waren, wurde es heller. Wir schmolzen Eis und machten Tee. Als dann die Sonne durchbrach, entschlossen wir uns einmütig, nochmals aufzusteigen. Wenn es auch steil war und langsam ging, die Zeit würde doch noch für den Gipfel reichen. Oben wurden wir durch eine herrliche Aussicht belohnt, alle die berühmten Gipfel lagen weit unter uns, wir standen auf 4807 m Höhe wirklich auf dem höchsten Punkt der Alpen.
Viele Touren haben wir noch zusammen gemacht im Berner Oberland, im Kaisergebirge und in Südtirol. Max aber durchkletterte 1938 die Watzmann-Ostwand, als noch keine Haken und Seile permanent in der Wand montiert waren, was in meinen Augen seine größte Leistung im Klettern war. 1939 wurde Max Pahl eingezogen und war Stabsoffizier bei der Gebirgsartillerie. Ihm oblag zeitweise auch die Quartierbeschaffung. Durch meinen Vetter, Dr. Winfried Grassmann, der den Rußlandfeldzug als Stabsarzt mitmachte, habe ich von einem Treffen mit Oberleutnant Max Pahl erfahren. Das Lazarett, das Grassmann leitete, sollte verlegt werden. Leiter und Personal waren ratlos, wie diese Aufgabe mit den vielen Verwundeten und Patienten, die zumeist Infektionskrankheiten hatten, bewältigt werden sollte. Da kam plötzlich Oberleutnant Pahl mit einer geschulten Truppe, hatte im Handumdrehen genügend Wagen, Betten etc. parat und organisierte mit kurzen Kommandos die Umsiedlung. Sie wurde sehr schnell und zum Wohle aller Beteiligten, besonders der Kranken, bewerkstelligt. Dieses fand an der Kaukasusfront statt, und Max Pahl erlebte diese beeidruckende Bergwelt trotz des Krieges voll bewußt. Beinahe wäre noch die Elbrusbesteigung gelungen, aber er erkrankte an Gelbsucht und mußte zur Heimat zurückkehren. Zitat aus der Grabrede von Reinhard Volk: ?Er wurde 1943 zur Forschung im Umfeld von Heisenberg (Kaiser-Wilhelm-Institut) abgestellt. Doch bald schon mußten die wichtigsten Forschungsaktivitäten von Berlin auf die Schwäbische Alb zum Haiger Loch verlagert werden. Von der Aufbauarbeit im Labor erholte Max Pahl sich hier bei abwechslungsreichen Klettereien im nahegelegenen Donautal. Gelegentlich begeisterte er, am Klavier von Heisenberg begleitet, ein größeres Publikum mit Liedern von Schubert, Schumann, Brahms, Wolff und Löwe. Und bald sah man ihn auf dem Motorrad wieder nach Süden fahren, um Touren in den Alpen auszuführen."
Die Beschäftigung mit der reinen Forschung, wie sie im Max-Planck-Institut gegeben war, befriedigte Max Pahl in der Nachkriegszeit wohl doch nicht vollkommen, und er wollte gerne an die Universität zurückkehren. Er war der geborene Lehrer, nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im Bergsport, wie ich schon oben zeigen konnte. Ich war zu dieser Zeit Institutsvorstand des Physikalisch-Chemischen Institutes an der Universität
Innsbruck, und als man wieder über die Grenzen reisen konnte, bekam ich ?aus heiterem Himmel" von Max Pahl telefonisch seine typischen kurzen Anweisungen wie: ?Beeile dich, wir treffen uns morgen um 18.00 Uhr auf der Hütte!" oder ?Pack zusammen, wir sind in 2 Stunden bei dir, wir gehen zusammen klettern in den Dolomiten!" oder aber er holte mich unverhofft im Institut zu Touren ab. ? Häufiger kamen wir zusammen, als wir unser gemeinsames Buch ?Kinetik der Gasreaktionen" schrieben, und 1966 führte das Schicksal unsere Wege wieder zusammen, als Max Pahl von einem Auftrag der Universität Bonn, in Kabul ein Physikinstitut aufzubauen, zurückkam und den Ruf an das Institut für Atomphysik der Universität Innsbruck annahm. Bei seiner Antrittsrede in seiner ersten Fakultätssitzung wies er mit Nachdruck darauf hin, daß er stolz darauf sei, schon von Geburt her aus einem historisch österreichischen Land, aus Vorderösterreich, zu stammen und nun sozusagen in die Heimat zurückkehre.
In Innsbruck wurden dann die Mittagspausen zum Skifahren auf der Seegrube benutzt. Es gab sogar Universitäts-Skirennen, an denen sich auch die Professoren mit einer Staffel beteiligten. Nach einem solchen Rennen schrieben wir eine Karte an meinen Bruder Hubert, worauf jeder seine Abfahrtszeit hinter seinen Namen setzte, Max Pahl fuhr natürlich die Bestzeit. Der Physiker Ferdinand Cap und der Mathematiker Leopold Vietoris waren auch dabei. Postwendend kam die Antwort von meinem Bruder Hubert:
Das war ein Rennen von Format, der Ferdinand schon war auf Draht, doch übertroffen ward er weit von Erika, der Silbermaid.
Ein jeder wird vor Neid ganz fahl, sieht er den Schwung von Maxe Pahl. Doch die Medaille ganz in Gold verdient gewiß der Leopold mit seinen 77 Lenzen, der solche Zeiten kann kredenzen.
Prof. Leopold Vietoris, heute ist er 102 Jahre alt, blieb bis zum Tode von Max Pahl mit diesem bergsteigerisch verbunden. Max' letzten Gipfel, die Ro-fanspitze, machten die beiden zusammen im Sommer 1990, und die Verbundenheit kommt so deutlich in dem Brief, den Vietoris an Max' Frau anläßlich des Todesfalles schrieb, zum Ausdruck:
Innsbruck, 22. 8. 92.
Für Ihr Schreiben vom 1. 8. 92 danke ich Ihnen von Herzen, selbstverständlich auch für die schöne Aufnahme, die mir eine liebe Erinnerung bleiben wird. Sie hat mich lebhaft an die schönen Tage erinnert, da ich mich auf dem Monte Piano und dessen Umgebung der Kameradschaft und Hilfe Ihres Gatten erfreuen durfte. Wir verstanden uns in allem, Marschtempo, Ausdauer, Genügsamkeit, Freude an der Schönheit der Berge, Kriegserinnerungen, so, als ob wir schon jahrzehntelang miteinander gegangen wären. ,Ich hatt' einen Kameraden, einen besseren findst du nit.' Das wissen Sie am besten."
Am 23. Juli 1992 verließ uns Max Pahl für immer. Er starb in seinem Heim am Eisberg in Volders, im Anblick seiner geliebten Bergwelt.
Nachzutragen wäre noch, daß Max Pahl im Dezember 1961 Dr. Gerda H. M. Rolfes, die Tochter
unseres Klubkameraden Berhard Rolfes, heiratete, die Assistentin im Institut für Tierzucht und Haustiergenetik an der Universität Gießen war und auf dem Gebiet der Haustierzucht, speziell in der statistischen Genetik arbeitete. Drei Töchter krönten die Ehe. Die älteste promovierte 1990 an der medizinischen Fakultät in Innsbruck, und hier schließt sich der Kreis mit ihrer Anstellung am Institut für Physiologie an der Universität Freiburg.
Prof. Dr. Erika Cremer


Geboren am:
20.05.1908
Gestorben am:
23.07.1992