Preuß Paul

(Bearbeiten)
Foto gesucht!
Biografie:
geboren in Altaussee (Österreich)
abgestürzt an der Manndlkogelkante (Österreich)
Quelle: Deutsche Alpenzeitung 1913/14, Seite 149 ff

Preuß Paul,* Altaussee, + am Mandelkogel durch Absturz (Gosaukamm,Dachsteingebirge)
Paul Preuß bestieg mit 11 Jahren seine ersten Berge in den Alpen. Ab 1908 begann er das sportliche und extreme Klettern und war der wichtigste Protagonist des Freikletterns ohne künstliche Hilfsmittel. Er war nicht nur ein exzellenter Felskletterer,sondern unternam auch viele Eistouren. Preuß war in den Dolomiten,Wilden Kaiser,Dachsteingebirge,Ennstaler Alpen (Gesäuse),Silvretta und in den Westalpen unterwegs und bestieg über 1200 Gipfel,machte 30 Erstbesteigungen und Erstbegehungen und viele Alleingänge.
Aber auch den Schilauf beherrschte Dr. Paul Preuß wie wenige Männer seiner Zeit; er kann den Pionieren des hochalpinen Schilaufs zugerechnet werden. In den Bayrischen Voralpen und den Berchtesgadener Alpen, im Kaiser und im Wetterstein, in den Kitzbüheler, Zillertaler und Stubaier Berggebieten war er auch im Winter viel unterwegs. Besondere Freude bereitete ihm die Durchführung von großen Schidurchquerungen,wie die Glockner- und Venedigergruppe,wobei er Großglockner, Großvenediger und Dreiherrenspitze mit Schiern ersteigt, das Tote Gebirge,von dem er alle Gipfel ersteigt, die Grajischen Alpen mit dem Gran Paradiso, die Monte Rosa-Gruppe mit Zumsteinspitze, Punta Gnifetti und Parrotspitze sowie die Berninagruppe.

1908 Beg.Niederer Sarstein-Nordwestgrat-Obere Nordwestflanke,1872m, (Dachsteingebirge)
1908 Beg.Planspitze-Nordwand,2117m, (Ennstaler Alpen,Gesäuse)
1909 1.Beg.Trisselwand-Südwestpfeiler,V,1754m, (Totes Gebirge)
1910 Skibest.Großvenediger,3657m, (Hohe Tauern)
1910 Beg.Ortler-Maltgrat,3902m, (Ortlergruppe)
1910 1.Beg.Traweng-Nordwand,1984m, (Totes Gebirge)
1910 Beg.Trafoier Eiswand-Nordwand,Eis bis 80°,400 HM,3365m, (Ortlergruppe)
1910 Überschr.Südliche Vajolettürme,2805m, (Rosengarten,Dolomiten)
1910 Beg.Marmolata-Punta-Penia-Südwand "Alte Südwand",IV+,700 HM,3343m, (Dolomiten)
1910 Beg.Grohmannspitze-Südwand,3126m, (Langkofelgruppe,Dolomiten)
1911 2.Beg.Innerkoflerturm-Südwand "Rizzikamin",V,400 HM,3081m, (Langkofelgruppe,Dolomiten)
1911 1.Best.Kleinste Zinne (Preußturm) über Nordostwand "Preußriß",V,250 HM,2700m,
(Sextener Dolomiten)
1911 1.Beg.Kleinste Zinne (Preußturm)-Südostschlucht und Südwestwand im Abstieg,IV,2700m,
(Sextener Dolomiten)
1911 1.Beg.Trisselwand (Trisselberg)-Westpfeiler „Preusweg“,V,1754m, (Totes Gebirge)
1911 1.Beg.Grohmannspitze-Südostwand „Preußkamin“,III-IV,3126m, (Langkofelgruppe,Dolomiten)
1911 1.Beg.Crozzon di Brenta-Nordnordostwand „Preuß-Relly-Führe“,IV+,800 HM,3135m, (Brenta)
1911 1.Beg.(Alleinbeg.) Campanile Basso (Guglia di Brenta)-Ostwand „Preußwand“,V,120 HM,
und Überschreitung von Süden nach Westen,2883m, (Brenta)
1911 1.Beg.(Alleinbeg.)Mitterkaiser-Nordgipfel-Nordwand-Nordschlucht „Griesener Kamin“,V+,
2007m, (Wilder Kaiser)
1911 6.Beg.(1.Alleinbeg.)Totenkirchl-Westwand „Piaz-Führe“ mit neuem Ausstieg,2193m,
(Wilder Kaiser)
1911 1.Gesamtüberschreitung Campanile Basso- „Fehrmann-Preuߓ,2877m, (Brenta)
1911 2.Beg.Croz dell’Altissimo-Südwestwand „Dibona-Rizzi“,V+,1000 KM,2339m, (Brenta)
1911 1.Beg.Vajolettürme-Delagoturm-Südwand-Südwandkamine
„Preuß-Relly-Variante",V+,2790m, (Rosengarten)
1911 1.Beg.Vajolet-Ostturm-Südwand „Preuß-Redlich",IV,2813m, (Vajolettürme,Rosengarten)
1911 Beg.Vajolet Ostturm-Südostwand „Schwarzer Kamin“,IV,2813m, (Vajolettürme,Rosengarten)
1911 2.Beg.u.1.Alleinbeg.Großer Ödstein-Nordwestkante „Ödsteinkante“,V,805 HM,2355m,
(Ennstaler Alpen,Gesäuse)
1911 1.Beg.Großer Ödstein-Nordwestkante „Einstiegsvariante Preuß
und Preuß-Quergang",2355m, (Ennstaler Alpen,Gesäuse)
1911 1.Beg.Großes Seehorn-Nordostwand,3121m, (Silvretta)
1911 1.Beg.(Alleinbeg.)Großer Litzner-Nordwand,3109m, (Silvretta)
1911 1.Beg.Kleiner Litzner-Südwestgrat,2783m, (Silvretta)
1911 1.Beg.Kleiner Litzner-Nordgrat,2783m, (Silvretta)
1912 1.Beg.Trisselwand-Südwestpfeiler,V,1754m, (Totes Gebirge)
1912 Beg.Ellmauer Halt über Kopftörlgrat,III,1400 KM,2344m, (Wilder Kaiser)
1912 1.Winter-u.Skibest.Dreiherrenspitze,3499m, (Venedigergruppe,Hohe Tauern)
1913 1.Beg.Öfelekopf-Westgipfel-Südgrat „Preußgrat“,IV-,400 HM,2469m, (Wetterstein)
1913 1.Beg.Hochwanner-Nordwestgrat,IV-,2746m, (Wetterstein)
1913 1.Beg.(Alleinbeg.)Mitterkaiser-Nordgipfel-Nordschlucht „Preußschlucht"
(Auch Griesner Kamin),V+,800 HM,1913m, (Wilder Kaiser)
1913 1.Beg.(Alleinbeg.)Lärcheck-Nordschlucht,V+,2124m, (Wilder Kaiser)
1913 1.Beg.Niederer Strichkogel-Ostwand „Preuß-Saar-Führe“,2010m, (Dachsteingebirge)
1913 1.Best.Däumling über Nordwand,2322m, (Dachsteingebirge)
1913 1.Beg.Däumling-Südkante „Däumlingkante“,2322m, (Dachsteingebirge)
1913 1.Beg.(Alleinbeg.)Schartenmanndl-Nordwestwand-Südkante,2134m, (Dachsteingebirge)
1913 1.Beg.Niederer Strichkogel-Ostwand,2034m, (Gosaukamm,Dachsteingebirge)
1913 1.Beg.Scharwandeck-Nordwestgrat,1964m, (Dachsteingebirge)
1913 1.Überg.Scharwandeck,1964m, zum Scharwandspitz-Verbindungsgrat,2170m,
(Dachsteingebirge)
1913 1.Beg.Hohes Großwandeck-Südgrat,2402m, (Gosaukamm,Dachsteingebirge)
1913 1.Beg.Hohes Großwandeck-Südkante (der oberste Teil des Südgrates),2402m,
(Gosaukamm,Dachsteingebirge)
1913 1.Beg.Großer Donnerkogel-Nordwestgrat,2054m, (Gosaukamm,Dachsteingebirge)
1913 1.Beg.Wasserkarturm-Ostwand,2050m, (Dachsteingebirge)
1913 1.Beg.Freyaturm-Nordostkante,1991m, (Dachsteingebirge)
1913 1.Beg.(Alleinbeg.)Schafkogel über Nordwand,1967m, (Dachsteingebirge)
1913 1.Beg.u.Überschr.Pointe Innominata-Südostgrat,4808m, (Montblancgebiet)
1913 Alleinbest.Aiguille Noire de Péutérey,3772m, (Montblancgebiet)
1913 1.Beg.Aiguille Noire de Peuterey-Südgrat-Pointe Gamba,3067m, (Montblancgebiet)
1913 1.Beg.Aiguille Blanche de Peuterey-Südostgrat,IV,600 HM,4112m, (Montblancgebiet)
1913 Beg.Aiguille Blanche de Peuterey Edge Dames Anglaises,4112m, (Montblancgebiet)
1913 1.Beg.(Alleinbeg.)Aiguille Savoie-Südostgrat,IV+,400 HM,3603m, (Montblancgebiet)
1913 1.Alleinbeg.Aiguille Rouge de Triolet-Südgipfel-Südgrat,3289m, (Montblancgebiet)
1913 1.Beg.Aiguille u. 2.Überschr.Joseph Croux-Südgrat,4023m, (Montblancgebiet)
1913 1.Beg.Pointe de Papillon-Westgrat,3247m, (Montblancgebiet)
1913 2.Beg.Delagoturm-Südwestkante,2790m, (Vajolettürme,Rosengarten)
1913 1.Beg.Delagoturm-Südkamin "Preuß-Kamin",V-,2790m, (Vajolettürme,Rosengarten)
1913 1.Skibesteigung Gran Paradiso über Südwestflanke,4061m, (Grajische Alpen)
1.Überschr.Langkofel über Nordostpfeiler und Langkofeleck,3181m,Fünffingerspitze,2996m,
und Grohmannspitze,3126m, an einem Tag, (Langkofelgruppe)
Beg.Rosengartenspitze-Ostwand "Schnitzelkamin",2981m, (Rosengarten)
1.Beg.Sandling-Westwand,1717m, (Totes Gebirge)
1.Beg.Große Bischofsmütze-Südwand,2458m, (Gosaukamm,Dachsteingebirge)
1.Beg.Gosauer Mandl, (Gosaukamm,Dachsteingebirge)
1.Alleinbeg.Croz dell'Altissimo-Südwestwand "Dibona-Rizzi",V+,1000 KM,2339m, (Brenta)
1.Beg.u.Überschr.Kleine Zinne-Innerkoflerturm,2856m,
2.Beg.Kleine Zinne-Innerkoflerturm-Südwand
Skibest.Großglockner,3798m, (Hohe Tauern)
Skibest.Großvenediger,3657m, (Venedigergruppe)
Skibest.Dreiherrenspitze,3499m, (Hohe Tauern)
Skibest.Monte Rosa-Zumsteinspitze,4563m,-Signalkuppe (Punta Gnifetti),4554m,-Parrotspitze,4432m, (Walliser Alpen)
Gerd Schauer, Isny im Allgäu



Paul Preuß, (1886 - 1913) - Zum 80. Geburtstag
Dr. Paul Preuß wurde am 19. August 1886 in Altaussee geboren. Er studierte in Wien und München Pflanzenphysiologie und promovierte 1912 in München.
Schon in jungen Jahren entbrannte er in heißer Liebe zu den Bergen. Obwohl er eher klein, fast schmächtig von Gestalt war, erreichte er doch bald eine Leistungsfähigkeit und Klettergewandtheit, die ihn zu den größten alpinen Taten befähigten. In zahlreichen Gebirgsgruppen der Ostalpen ist sein Name mit schweren und schönen Durchstiegen verbunden. Er ging sehr oft allein und galt als der schärfste Verfechter der stilreinen Kletterei ohne künstliche Hilfsmittel. Seinem Vorbild folgen noch heute manche Bergsteiger, aber nur wenigen gelingt es, ihn zu erreichen. Von einer Wiederholung seiner Glanzleistung eines freien Auf- und Abkletterns über die Ostwand der Guglia di Brenta (anläßlich der ersten Begehung dieser Wand) ist nichts bekannt. Aus der großen Zahl seiner Fahrten, die ihm allein in den drei letzten Lebensjahren geglückt sind (1911 - 1913) seien hier nur einige Erstbegehungen angeführt:
Silvretta: Kleiner Litzner SW-Grat und N-Grat; Großes Seehorn NO-Wand; Gr. Litzner N-Wand.
Dolomiten: Guglia di Brenta (Campanile Basso), O-Wand, und Überschreitung von S nach W; Crozzon di Brenta, NO-Wand; Überschreitung Langkofel - Fünffingerfpitze - Grohmannspitze an einem Tag; Kleinste Zinne; Kleine Zinne - Innerkoflerturm, Doppelüberschreitung, S-Wand (2. Begehung); Delagoturm SW- Kante (2. Begehung).
Dachstein: Strichkogel, O-Wand; Großer Donnerkogel, NW-Grat; Wasserkarturm, O-Wand; Däumling; Gosauer Mannl; Freyaturm P-Kante; Schafkogel N-Wand.
Mont-Blanc-Gruppe: (1913, ebenfalls alles Erstbegehungen) Innominata, S-Grat (1. Ersteigung und Überschreitung) Pointe de Papillons, W-Grat; Aiguille Rouge de Triolet, Südgipfel - Südgrat; Aiguille Blanche de Peuterey, Südgrat. Dazu kommen noch die 2. Überschreitung der Aiguille Joseph Eroux und die Ersteigung der Aiguille Noire de Péutéret im Alleingang.
Zu seinem unerhörten Können muß auch ein ungeheurer Auftrieb gekommen sein. So ersteigt er beispielsweise allein im Jahre 1911 insgesamt 179 Gipfel, bis zu seinem frühen Tod im Alter von siebenundzwanzig Jahren insgesamt über 1209 Gipfel. Aber auch den Schilauf beherrschte Dr. Paul Preuß wie wenige Männer seiner Zeit; er kann den Pionieren des hochalpinen Schilaufs zugerechnet werden. In den Bayrischen Voralpen und den Berchtesgadener Alpen, im Kaiser und im Wetterstein, in den Kitzbüheler, Zillertaler und Stubaier Berggebieten war er auch im Winter viel unterwegs. Besondere Freude bereitete ihm die Durchführung von großen Schidurchquerungen: Glockner- und Venedigergruppe (wobei er Großglockner, Großvenediger und Dreiherrenspitze mit Schiern ersteigt), das Tote Gebirge (von dem er alle Gipfel ersteigt), die Grajischen Alpen (hierbei Gran Paradiso), die Monte Rosa-Gruppe (mit Zumsteinspitze, Punta Gnifetti und Parrotspitze) und die Bernina. Aber Paul Preuß, der kühne Alleingeher und Verachter künstlicher Hilfsmittel, war nicht nur ein Mann des Mutes und der Muskeln. Seine außergewöhnliche Begabung bewährte sich auch auf wissenschaftlichem Gebiet. Seine Doktorarbeit (Pflanzen-Physiologie) wird von Fachleuten als ein Werk bezeichnet, das zu den größten Hoffnungen für seinen Verfasser berechtigte. Auch als alpiner Schriftsteller schafft er sich bald einen Namen. Seine Aufsätze in den alpinen Zeitschriften der Vorkriegszeit bestechen durch guten Stil, scharfe Logik und seinen Humor. Auch dort, wo es ihm um Herzensangelegenheiten geht (bei der Verfechtung des stilreinen Felskletterns vor allem) bleibt er immer der vornehme Streiter, der er auch im Kampf mit dem senkrechten Fels gewesen ist. Seine geistvollen Ausführungen über den Ungeist der künstlichen Hilfsmittel zeugen von einem ungemein reinen und schönen Begriff des Bergsteigens. Auch als Vortragender in deutscher und französischer Sprache erregte er durch seine feine Mischung von Humor und Geist im In- und Ausland Bewunderung und Zuneigung. Er war auch ein ausgezeichneter Schachspieler, Tennismeister und Schlittschuhläufer.
Am 3. Oktober 1913 ist Dr. Paul Preuß am Nördlichen Manndlkogel (Dachsteingebirge) tödlich verunglückt. Er war am Vortage von der Hofpürglhütte aufgebrochen und in der Vorderen Scharwandalm über Nacht geblieben. Am nächsten Tag stieg er in die Nordkante des Nördlichen Manndlkogels ein, die er als die schönste und zielgeradeste Fahrt des Gosauer Kammes bezeichnete. Von einem breiten Schrofensattel stellt die Kante mit etwa achtzig Grad Neigung empor und verliert sich in gelben Überhängen. Zwei Steinmänner erbrachten den Beweis, daß Paul Preuß bis unter die gelben Überhänge gekommen ist. Beim Versuch, unter diesen nach rechts zu queren, muß er abgestürzt sein, denn sein Körper wurde einige Tage später im Geröll am Westfuß der Nordkante aufgefunden. Am Tage des Unfalles war das Wetter schön und die Kante nicht vereist. Die Ursache ist unaufgeklärt geblieben.
Der Grundzug seines Wesens war Liebenswürdigkeit. Auch wo er kämpfte, blieb er ritterlich und fachlich. Trotz seiner geistigen Überlegenheit blieb er bescheiden; in ihren Nachrufen beklagen seine Freunde und Gegner in bewegten Worten den Tod des hervorragendsten Bergsteigers seiner Zeit. Paul Preuß ist und bleibt der glänzendste Vertreter des freien Kletterns ohne künstliche Hilfsmittel in Lehre und Tat. Mühelos gelang es ihm, auch den schwersten, damals möglichen Fels allein - im Aufstieg und im Abstieg - zu meistern. Immer weiter schob er die Grenze des für ihn noch möglichen hinaus. Dürfen wir annehmen, daß die sieggewohnte Hand zuletzt doch zu weit gegriffen hat? Wir glauben eher, daß irgend ein kleines Mißgeschick Paul Preuß zum Verhängnis wurde. Sein Bild und seine Ideen aber überstrahlen seinen frühen Tod.
Heinrich Klier
Quelle: Mitteilungen des ÖAV 1956, Heft 8, Seite 77

Dr. Paul Preuß (1886-1913)
Paul Preuß wurde am 19. August 1886 in Altaussee geboren, studierte Pflanzenphysiologie und erwarb den Doktorgrad 1912 in München, wo er der Alpenvereinssektion Bayerland und dem Club alpiner Skiläufer beitrat. „Der Grundzug seines Wesens war Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit und Verträglichkeit. Auch wo er als Gegner auftrat, war er stets sachlich und verbindlich. Trotz seiner geistigen Überlegenheit blieb er bescheiden. Ein sonniger, stets heiterer Mensch, der aller Herzen gewann. Als Alpinist der glänzendste Vertreter des reinen, nur auf das eigene Können gestellten Sports. Auch dem Schwierigsten gewachsen, ja es fast mühelos überwindend, konnte er die Grenze des für ihn Möglichen weiter und weiter hinausrücken. Ist es zu verwundern, daß diese Grenze schließlich auch seinem geschärften Blick nicht mehr deutlich erkennbar war, daß die sieggewohnte, nach neuem Lorbeer ausgestreckte Hand einmal, um Haaresbreite vielleicht nur, über sie hinausgriff"; (Eugen Oertel).
Das war am 3. Oktober 1913 an der Nordkante des Manndlkogels im Gosaukamm. An einem blanken Tag voll milder Sonne, wie ihn der Herbst als späte Gabe gerne gibt. „Das schönste Problem im Gosaukamm"; hat Preuß die Kante genannt, die ihm zum Pfad ins Jenseits wurde. Still und zuversichtlich wanderte er von der Scharwandalm zum Berg. Einsam stürzte er und starb. Am 14. Oktober 1913 fand die Bergungsmannschaft im tiefen Neuschnee die erstarrte Leiche Zwei Tage später betteten die Angehörigen den Siebenundzwanzigjährigen in seinem Geburtsort Altaussee zum letzter Schlaf.
Fast überall, wo Fels steil und abweisend emporwächst, ist Paul Preuß als überragender Meister schwierige Wege gegangen. Und viele Berge sind ihm zu großen Denksteiner geworden. Da steht der „Torre Preuß" gelb und lotrecht ober dem Paternsattel in den Sextener Dolomiten. Die Italiener haben die kleinste Zinne nach dem Erstersteiger des Risse: in der Nordostwand so getauft. Die Südostwand der Grobmannspitze hat einen Preußkamin. Zum Kühnsten, was damals im Fels unternommen wurde, darf die erste Erkletterung der Ostwand der Guglia di Brenta und 'ihre erste Überschreitung durch Paul Preuß im Alleingang gerechnet werden Auch von der steilen Wandflucht des Crozzon di Brenta links der Nordkante leuchtet der Name Preuß. In der Silvrettagruppe, und besonders im heimatlichen Gosaukamm, beschritt er zahlreiche neue Pfade, und 1913 war er trotz Schlechtwetter im Montblancgebiet erfolgreich (Innominata-Südgrat, Aiguille Gamba, Aigulle-Blanche-Südgrat usw.).
Aus der großen Anzahl von Bergüberschreitungen an einen Tag ist eindringlich die verblüffende Leichtigkeit und Geschwindigkeit zu ersehen, mit der Preuß alle Schwierigkeiten überwand. So beging er anläßlich einer Doppelüberschreitung der Kleinen Zinne im Aufstieg den Fehrmann- und den Innerkoflerweg durch die Nordwand und die Ost- und Südwestwand im Abstieg. Eine Überschreitung vom Langkofel-Nordpfeiler über Fünffinger- und Grohmannspitze mit Abstieg über die Südostwand war ebenfalls eine Tagesleistung. Die damals gefürchtete Totenkirchl-Westwand durchkletterte er auf den Piazweg mit neuem Ausstieg auf den dritten Wandabsatz allein in weniger als drei Stunden.
Obwohl wir Preuß als einen der besten Felsgeher schätzen muß doch erwähnt werden, daß er auch im alpinen Skilauf Beträchtliches leistete. Zur Rundung des Bildes sollen einige Berge, wie Großglockner, Bernina, Monte Rosa und Gran Paradiso, genannt werden, die er im Winter bestieg. Ebenbürtig dem großen, umfassenden Können war der glühende Idealismus, der klare Geist Paul Preuß. In Rede und Schrift schenkte er davon seinen Zeitgenossen und der Nachwelt. Viel Aufsehen erregte seine Meinung über die Anwendung künstlicher Hilfsmittel. Er sah in der ungehemmten Anwendung künstlicher Behelfe eine kommende Verallgemeinerung und Herabwürdigung des Bergsteigens.
Die Sätze: „Bergtouren soll man nicht gewachsen, sondern überlegen sein" und „der Ehrgeiz ist in den Grenzen der Fähigkeiten zu halten", zeigen klar den Grundgedanken, auf dem Paul Preuß aufbaute. Schulung und Selbstbeherrschung forderte er von jedem Bergsteiger. „Das moralische Plaze für schwierige Touren besteht nicht in körperlichen Fähigkeiten oder klettertechnischen Fertigkeiten, sondern in der Ausbildung der geistigen und moralischen Grundlagen und im Gedankengang des Bergsteigens." Hier wird klar der Weg von der nur sportlichen Tätigkeit am Berg zu den geistigen und innerlichen Werten im Bergsteigen gewiesen.
Großzügig im Planen, kühn und beherrscht im Handeln, vollen Erlebnisbereitschaft und neuen Gedanken — das ist mit wenigen Strichen das Bild des Schläfers von Altaussee, de: unvergessenen Paul Preuß.
Quelle: DAV Mitteilungen 1956, Heft 8, Seite 134

Quelle: DAV Mitteilungen 1963, Seite 182 ff
Quelle: Jahrbuch des AV 1963, Seite 182 ff

PaulPreuß
Am 14. Oktober 1913 fanden Freunde nach tagelangem Suchen unter herbstlichem Neuschnee den toten Körper von Dr. Paul Preuß am Fuße der Nordkante des Mannlkogels im Gosaukamm. Da er am 2. Oktober zum letztenmal gesehen worden war, wird der 3. Oktober als Todestag angenommen. Paul Preuß war Alleingeher. Aber er war kein Spieler, der den letzten Einsatz leichtfertig wagte. Im Gegenteil. „Man soll jeder Tour, die man unternehmen will, nicht nur gewachsen sein, sondern überlegen gewachsen sein", war einer seiner Grundsatze. Künstliche Hilfmittel, selbst das Seil, waren ihm nur in plötzlich drohender Gefahr, niemals aber als Mittel zum Durchführen einer Tour erlaubt. Bergsteigen war für ihn kein Krieg, Klettern nicht Kampf und das Erreichen eines Gipfels also kein Sieg. So aber war er auch sonst. Und Oertel konnte in einem Nachruf sagen, daß Paul Preuß im Grunde seines Wesens liebenswürdig, gefällig und verträglich und auch als Gegner stets sachlich und verbindlich war.
Paul Preuß war am 19.8.1886 in Alt-Aussee geboren. Er studierte in Wien Botanik und Physiologie, wechselte aber nach München, wo er sich der reinen Philosophie zuwandte. 1912 promovierte er in München. Seit seiner Münchner Studienzeit war er in der Münchner Sektion Bayerland des D.u. O.A.V. beheimatet, der etwa damals auch ein Hans Dülfer angehörte. Allzufrüh hat, wie Günther Freiherr von Saar in seinem Nachruf sagte, „in Paul Preuß die deutsche alpine Welt einen ihrer bedeutendsten Söhne verloren".
Quelle: Mitteilungen des ÖAV 1964, Heft 1/2, Seite 4

Quelle: Der Bergsteiger 1968, Seite 666 ff
Quelle: Rivista Mensile 1968, Seite 281 f

In memoriam Paul Preuß -
freies und künstliches Klettern
Am 3. Oktober jährte sich der Todestag von Dr. Paul Preuß, der im Jahr 1913 an der Nordkante des Großen Mandelkogels im Gosaukamm in Gipfelnähe von einem Wettersturz überrascht wurde, abstürzte und dabei den Tod fand.
Das Erinnern an dieses Phänomen in einer Entwicklungsperiode des Bergsteigens ruft auch Gedanken an den Kletterstil wach, der in Dr. Preuß einen außergewöhnlichen und geradezu fanatischen Interpreten hatte, an das Klettern ohne Anwendung künstlicher Hilfsmittel. In der Zeit lebend, in der Bergsteiger eben begannen, problematische Kletterstellen mit Hilfe von Mauerhaken und ausgeklügelter Seilmanöver zu überwinden, lehnte Dr. Preuß diese Art des Kletterns rigoros ab. Er sah in ihr einen Verstoß gegen die Ethik des Bergsteigens und meinte, daß künstliches Klettern einem Niedergang des Alpinismus den Weg bereiten werde.
Dr. Preuß war nicht nur Felskletterer, sondern ein vollwertiger Bergsteiger. Trotz seines frühen Todes - er
wurde nur 27 Jahre alt - weisen seine Fahrtenbücher an die 2000 von ihm durchgeführte Bergtouren, darunter zahlreiche Erstbegehungen, auf. Er bewegte sich in Schnee und Eis ebenso erfolgreich wie im Fels, das beweisen zum Beispiel seine Anstiege im Montblancgebiet, am Südgrat der Aiguille Blanche de Peuterey, an der Aiguille Savoye, Aiguille Triolet, Innominata u. a.; die von ihm durchgeführte erste Winterersteigung der Dreiherrnspitze, Winterersteigungen von Gipfeln des Monte Rosa und die erste Skiersteigung des Gran Paradiso.
Dr. Preuß kletterte viel allein und führte sogar sehr schwierige Erstbegehungen im Alleingang durch. Sein
Quergang an der Ödsteinkante, seine Anstiege an der Nordkante des Mandlkogeis, in der Westwand des Totenkirchls, an der Kleinsten Zinne oder in der Ostwand der Guglia di Brenta zwingen Wiederholer zu Respekt vor den Fähigkeiten dieses Bergsteigers, besonders dann, wenn sie bedenken, daß er diese Anstiege ohne das Wissen, ob sie möglich seien, und ohne Hakenhilfe (auch nicht zur Sicherung!) durchführte. Dr. Preuß' Leistungen fanden auch die Anerkennung vieler bedeutender Alpinisten, wie Dülfer, Piaz, Berti, Welzenbach und Blodig.
Die schwierigsten der von Dr. Preuß eröffneten Anstiege werden heutzutage zumeist mit Anwendung von künstlichen Hilfsmitteln wiederholt. So führt das Erinnern an ihn und an seine kühnen Anstiege geradezu zwangsläufig zu Gedanken über das künstliche Klettern, wie es seit vielen Jahren besonders vom Bergsteigernachwuchs bevorzugt wird. Dr. Preuß der Bergsteigerjugend als ein absolutes Vorbild zu empfehlen, das wäre nicht richtig. Er kletterte mit vollem Einsatz seines Lebens, sein Mut war Tollkühnheit! Schlüsselstellen von sehr schwierigen Preuß-Anstiegen in dessen Manier sicher zu bewältigen wird stets nur außergewöhnlich befähigten Kletterern Vorbehalten bleiben. Der Jugend zu sagen, sie möge Dr. Preuß nacheifern, das hieße sie zu mehr Risiko auffordern, als nach dem nunmehrigen Stand der alpinen Technik notwendig und verantwortlich ist.
Dennoch sollte das freie Klettern der Jugend in den alpinen Vereinen mehr nahegelegt werden, als dies gegenwärtig der Fall ist. Die alpinen Zeitschriften sollten Erlebnisschilderungen von Freiklettereien mehr Raum geben und die Berichterstattung über künstliches Klettern (Direttissimas und Superdirettissimas) nicht in den Vordergrund stellen. Nach wie vor ist gutes Können im freien Klettern wesentliche Voraussetzung für berggerechtes Bergsteigen. ?Vernagelte" Anstiege im Bereich mittlerer Geländeschwierigkeiten beweisen, daß die Befürchtung Dr. Preuß', die Anwendung künstlicher Hilfsmittel würde zu einem Niedergang im Alpinismus führen, einer Berechtigung nicht entbehrte.
Es ist bemerkenswert, daß in Italien seit geraumer Zeit das Freiklettern sehr propagiert wird. In alpinen Zeitschriften erschienen Artikel, und Lichtbildvorträge werden abgehalten, in denen das Klettern ohne künstliche Hilfsmittel im Mittelpunkt steht. Beim alpinen Filmfestival 1968 in Trient wurde ein Farbfilm gezeigt, der eine Ersteigung der Guglia di Brenta im Stile Preuß' zum Gegenstand hat. Und im Longanesi-Verlag in Mailand erscheint im Herbst 1969 eine Biographie Dr. Paul Preuß' mit Bildern und Schilderungen von seinen Bergfahrten.
Auch eine posthume Ehrung wurde Dr. Preuß von italienischen Bergsteigern bereitet. Im Mai 1969 pilgerten sie nach Alt-Aussee in Oberösterreich, wo Dr. Preuß geboren wurde, aufwuchs und auch seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Der Vorsitzende der Sektion Vicenza des Italienischen Alpenklubs legte auf das Grab einen Lorbeerkranz, und am Grabstein wurde eine Kassette mit Buch angebracht, in das sich alle jene eintragen können, die das Andenken an Dr. Paul Preuß ehren wollen. Die Anwesenheit einer ehemaligen österreichischen Seilgefährtin sowie eines Seilgefährten Dr. Preuß' und des Vorsitzenden der lokalen Sektion des Österreichischen Alpenvereins gaben dafür Zeugnis, daß Dr. Preuß im deutschen Sprachraum nicht vollends vergessen ist.
Daß er vom verhältnismäßig kleinen Kreis der Bergsteiger strenger Richtung nicht vergessen wird, dafür sorgen seine Anstiege in verschiedenen Berggruppen der Alpen, die eines der erhebendsten Erlebnisse vermitteln, dessen der Bergsteiger teilhaftig werden kann: die Überwindung schwierigen Berggeländes in freier Kletterei.
Otto W. Steiner
Quelle: Der Bergsteiger 1969, Seite 867 ff

Quelle: Alpinismus 1973, Heft 3, Seite 28 (siehe Anhang)
Quelle: DAV Mitteilungen 1976, Seite 20 und 29 (Leserbrief)
Quelle: Der Bergsteiger 1986, Heft 8, Seite 55 ff
Quelle: Schutzhüttenrundschau 1986, Heft 9, Seite 16 f

100. Geburtstag zweier Pioniere des Freikletterns
Von Dr. Lucia Zelenka
Altaussee, der Geburtsort von Paul Preuß, stand von August bis Oktober unter dem Motto „Paul Preuß — ein Phänomen";. Erstmals hatte 1968 (= 55. Todestag) eine italienische Gruppe durch die Initiative des Preuß-Biographen Severino Casara am Grabe des Bergsteigers eine Gedenkfeier gehalten; seitdem hängt am Grabstein ein kleines Buch, in das sich jeder Grabbesucher eintragen kann. Damals waren noch einige Preuß-Berggefährten anwesend — von ihnen lebt heute keiner mehr! Es war eine kleine intime Feier, der ORF war nicht dabei. Grund für die große Preuß-Feier im vergangenen Sommer bzw. Herbst war: Reinhold Messner hat diesem "Pionier des Freikletterns" zum 100. Geburtstag ein Buch gewidmet und ihm darin eine gewisse Vorbildwirkung für sich selbst bescheinigt. Altaussee würdigte dieses Ereignis entsprechend! Im Heimatmuseum sah man eine eindrucksvolle Sonderausstellung: Von der Geburtsurkunde über literarische und fotografische Dokumente bis zu Ausrüstungsstücken von Paul Preuß persönlich bzw. aus seiner Zeit. Preuß war ja in seiner kurzen, kometenhaften Bergsteigerlaufbahn nicht nur Felskletterer, er war auch Eisgeher (Westalpen) und Skibergsteiger! Ein Schauklettern in der Trisselwand fand statt und ein Festabend mit Lesungen aus Messners Buch. (Das Fernsehen und die Presse waren natürlich dabei.)
Am 31. Oktober ein neuer Höhe-punkt: Messner kam direkt aus dem Himalaja nach Altaussee! (Natürlich mit Fernsehen und Presse.) Zu Kletterdias (von Einheimischen beige-stellt) sprach er über Paul Preuß und dessen Bezug zum heutigen "Freiklettern";.
In der anschließenden Diskussion kam zur Sprache, daß Paul Preuß durchaus nicht — wie oft behauptet ¬wegen seiner jüdischen Abstammung in der Zwischenkriegszeit totgeschwiegen wurde: Eduard Pichl und Kurt Maix, Bergsteiger und Bergbuchautoren, die heute stark im Geruche des Nationalsozialismus stehen, haben sehr wohl die Bergsteigerpersönlichkeit von Paul Preuß gewürdigt!
Es kam dann die Rede auch auf Rudolf Fehrmann, ebenfalls 1886 geboren. Er war vor allem bekannt als. "Vater des Elbesandsteinkletterns", schrieb schon 1908 einen Führer auf die dortigen Kletterfelsen und katalogisierte darin auch „Regeln des sportlichen Kletterns ohne künstliche Hilfsmittel". Außerdem war Fehrmann auch Erschließer spektakulärer Kletterrouten in den Alpen (z. B. N-Wand der Kleinen Zinne). — Hat er Paul Preuß gekannt? — Sicher kannte er dessen 1911 entfachten "Mauerhakenstreit"!
1913 starb Preuß einen jähen Bergsteigertod an der Manndlkogel-Nordkante beim Versuch der Erstersteigung. — Was blieb ihm erspart? Ein Heldentod an der Dolomitenfront? Verfolgung in der Hitler-Zeit? — Rudolf Fehrmann blieb nichts erspart: 1947 (also vor 40 Jahren) starb er in einem sowjetischen Internierungslager und wird — wie Messner sagte — in seiner sächsischen Heimat derzeit totgeschwiegen.
Quelle: Edelweiss Nachrichten 1987, Heft 1, Seite 4



Geboren am:
19.08.1886
Gestorben am:
03.10.1913
application/pdf Preuss Paul - Alpinismus 1973-3.pdf
application/pdf Der_unermdliche_Lausbub_-_Bergauf_2_2013.pdf
application/pdf Der_Spitzen-Tnzer_-_Bergauf_2_2013.pdf

Erste Route-Begehung

 Gipfel
 Route