Hardegg Peter

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Biografie:
Peter Hardegg (+)
?Es wäre traurig, ja entsetzlich, wenn sich in unserem Volke seine Jugend mehr fände, die für ideelle Bestrebungen ohne Bedenken ihr Leben auf die Schanze stellte."
Ampferer.
Peter Hardegg wurde am 29. Juni 1903 zu Haifa in Palästina als Sohn des Hotelbesitzers Jakob Hardegg geboren. Seine Jugend verbrachte er in Jaffa und besuchte vom Jahre 1918 ab die Friedrich-Eugen-Reaschule in Stuttgart. In Stuttgart studierte er dann Elektrotechnik und siedelte später an die Hochschule in München über, wo er Ende Juli dieses Jahres sein Diplomexamen ablegen wollte.
AIs Weihnachten 1923 unsere Klubwoche im tief verschneiten Allgäu abgehalten wurde, zog Peter Hardegg als jüngster Gast zum ersten Male in die Berge. Wir lernten in ihm einen begeisterten Skiläufer und lieben Kameraden kennen und freuten uns alle, als er bald darauf der Aufforderung folge leistete, unserem Kreise beizutreten. Schon ein Vierteljahr später bestiegen wir zusammen unseren ersten Dreitausender, den Piz Tasna in der Silvretta. Von da ab stand Hardegg ganz im Banne der Berge, kein Sommer und kein Winter verging, ohne daß nicht immer großzügiger werdende Fahrten ausgeführt wurden.
Der folgende Winter war schneearm; die grünen Hänge um Saalbach, wo die Klubwoche tagen sollte, versprachen keine großen Skifreuden. Mit Neigen feierten wir daher nach abenteuerlicher Fahrt Silvester auf dem sturmumbrausten Großglocknergipfel. Auf seiner ersten Sommerfahrt wurden in den Zentralalpen die schwere Watzespitze und die Rofelewand bezwungen. Bald hatte Hardegg erfaßt, daß die Freude über die vollbrachte Leistung und der Genuß beim Vorankletternden weit größer ist, als bei den Nachfolgenden. So erinnere ich mich noch gut daran, daß wir in der Nordwand des GroßIitzners fast harte Worte mit einander wechselten, weil jeder von uns beiden vorangehen wollte. Doch als in späteren Jahren seine Kletterkunst den höchsten Grad der Vervollkommnung erreicht hatte, da war es selbstverständlich, daß ihm von allen seinen Kameraden die Führung im schwersten Fels überlassen werden mußte. Nach Verlegung seines Studienortes nach München wurde der Wilde Kaiser eines seiner Lieblingsgebiete. Erwin Schneider führte ihn in die moderne Felstechnik ein. Nacheinander durchkletterte Hardegg die schwersten Felswände, die Dülferroute durch die Nordwand an der Kleinen Halt, die Fleischbank-Ostwand, die Westwand des Predigtstuhl Nordgipfels, die ?alte" und die ?direkte" Westwand des Totenkirchls. Bei der letzteren Tour, die er mit Schneider im Oktober 1927 ausführte, wurden die beiden in der äußern schwierigen Wand von einem Schneesturm überrascht, der binnen Kurzem vollkommen winterliche Verhältnisse schuf. Daß ihnen, wenn auch unter Aufbietung aller Kräfte, die unglaubliche Leistung gelang, trotzdem den Gipfel zu erreichen, ist ein Beweis ihres wirklich hohen Könnens. Acht Tage vor seinem Tode legte Hardegg im Fels sein Meisterstück ab. Er führte über die vorher nur fünfmal begangene Südostwand der Fleischbank, eine Tour, die zur Zeit als die schwierigste Felsfahrt in den österreichischen und deutschen Alpen gilt.
In vielen anderen Berggruppen der Ostalpen hat Hardegg noch Besteigungen durchgeführt, so im Rofan eine Erstbegehung, die Sagzahn-Südostkante. Sie treten aber gegenüber seinen großen Westalpenfahrten, die teilweise berechtigtes Aufsehen erregten, in den Hintergrund.
Eine lange geplante erste Schweizer Fahrt wurde im März 1926 zur Wirklichkeit.
Zusammen mit Werner Hofmann hatten wir während einer Durchquerung des Berner Oberlandes herrliches Wetterglück. Fast ein Dutzend Gipfel wurden unser, darunter Jungfrau, großes Grünhorn, die Grindelwalder Siedlerhörner und das Finsteraarhorn. Im Jahresbericht 1927 erzähIte Hardegg selbst in einem flott geschriebenen Aufsatz über Winterbesteigungen von Täschhorn, Monte Rosa und anderen Viertausendern. Schneider und ich waren seine Begleiter. Unser Freundesbund scheint seit jenen schönen Märztagen unzertrennlich zu sein. Weniger war uns im darauffolgenden Sommer das Wetterglück hold. Dreieinhalb Wochen lang wurden vergeblich die großen Südanstiege des Montblanc belagert. Im Innominatagrat mußten wir uns nach einem Biwak in 4000 Meter Höhe infolge Wetterumschlages geschlagen geben. Auch am Fuße der Brenvaflanke biwakierten wir vergeblich. Mehrmals wurden wir in der Hütte am Col du Géant, einmal sogar in der tiefliegenden Hütte an der Aiguille Noire de Peuterey eingeschneit. Auch die sonstige Ausbeute war sehr mager. Dafür gelang dann während eines nur dreitägigen Aufenthaltes in der Schweiz am 4. und 5. Jänner 1928 ein energischer Ansturm auf Piz Bernina, Zupo und Argient. Unwiderstehliche zog es ihn im März wieder in die Montblanc-Gruppe. Über Winterersteigungen von Verte und Droites, sowie über unser zähes, aber vergebliches ringen mit dem Montblanc, ist an anderer Stelle dieses Heftes berichtet. Zu Pfingsten verfehlte Hardegg seine Kameraden, mit denen er sich fürs Berner Oberland verabredet hatte. AIlein stieg er von der Lötschenlücke aufs Sattelhorn und schloß den Übergang über den langen Westgrat aufs Aletschhorn an, es war eine seiner kühnsten Touren.
Wenige Wochen später brach Hardegg am 28. Juni von München zur letzten Fahrt auf. Seinen 25. Geburtstag wollte er tagsdarauf in den geliebten Bergen feiern. Mit vier Kameraden, Mitgliedern des Akademischen Alpenvereines München, beabsichtigte er, die Südwand der Schüsselkarspitze im Wetterstein durchklettern. Am folgenden Tage ging zunächst alles gut. Um 1/2 3 Uhr nach mittags lag die untere Hälfte der Wand, in der sich die größten Schwierigkeiten befinden, hinter ihnen. Hardegg, der als erster der Dreierpartie ging ? die fünf Mann hatten eine Dreier- und eine Zweier-Seilschaft gebildet - hatte leichteres Gelände erreicht. Während der Mittelmann den letzten sicherte, ging Hardegg weiter. Nach wenigen Metern rutschte er plötzlich aus ? wahrscheinlich waren seine Kletterschuhe kurz zuvor auf einigen Moospolstern feucht und glitschig geworden ? und fiel fast 30 Meter frei ins Seil. Infolge der Wucht des Sturzes riß das Seil. Der weitere Sturz über die 200 Meter hohe Wand war sofort tödlich. Im Friedhofe von Oberleutasch in Tirol fand Peter Hardegg inmitten der Berge seine letzte Ruhestätte.
Wir können Hardegg nicht den Vorwurf der Unvorsichtigkeit machen. Er war ein derart überragender Felsgeher, daß niemand an die Möglichkeit eines Sturzes an der verhältnismäßig leichten Steile denken konnte. Daß seine Kletterschuhe feucht geworden waren, das war das Verhängnis, gegen das der Beste nie gefeit ist,
Mit den tiefgebeugten Eltern trauert der Klub um Peter Hardegg, um ein treues, wertvolles Mitglied, einen der besten unter seinen Bergsteigern. Wenn jemand ein geborener Bergsteiger war, so war es Hardegg. Seine hervorragenden körperlichen Fähigkeiten ließen ihn Fels und Schnee in gleich meisterhafter Weise beherrschen. Dazu kam ein stark ausgeprägter Wille, der vor nichts zurückschreckte und ihn das Schwierigste überwinden ließ. Hand in Hand damit machten ihn seine stete Hilfsbereitschaft und grobe praktische Veranlagung, die besonders auf einsamer Hütte zum Ausdruck kam, zum unentbehrlichen Tourenkameraden. Zurückhaltende Bescheidenheit und treueste Pflichterfüllung waren die Grundzüge seines Wesens. Während der Weihnachtsklubwochen, an denen Hardegg regelmäßig teilnahm, haben alle von uns seine nie leicht zugängliche, doch stets heitere und freundliche Art hoch schätzen gelernt. Näher haben ihn nur wenige gekannt; die ihn aber kannten, mußten ihn auch lieb gewinnen.
Mit Wehmut gedenke ich seiner, des besten Freundes. In kühner Unbekümmertheit, den Gipfel des Berges als hohes Ziel vor Augen, ist er von uns gegangen. Was er uns im Leben nicht mehr sein kann, bleibt er uns im Tode. Sein (Geist sei unser Geist, und sein Bild wird uns stets hinaufbegleiten in die Berge, die er über alles liebte.
Hörlin
Quelle: Akademischer Skiklub Stuttgart 1928, Seite 5-7


Geboren am:
29.06.1903
Gestorben am:
28.06.1928

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