Nordgrat

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Routen Details:
Besteigung des Gross-Venedigers über den Nordgrat.
Neu. Am 17. Juli morgens 2 Uhr 5 Min. verliess ich mit Führer Johann "Unterwurzacher aus Neukirchen und in Begleitung des Sectionsgenossen Weigant aus Berlin, sowie des in der Kürsingerhütte stationirten Trägers Nikolaus Kaserer die Kürsingerhütte und schlug anfangs den gewöhnlichen, von den Besteigern des Gross-Venedigers benützten Weg ein. Genau südlich von Punkt 2875 der Alpen-Vereins-Karte verliessen wir den Weg und erreichten, uns nach rechts wendend, über eine durch ein wildes Spaltengewirr sich auszeichnende Schneemulde den Ostfuss des vom Gross-Venediger herabstreichenden Nordgrates. Nach Umgehung einer Randkluft stiegen wir über ein steiles Schneefeld zum Kamme des Nordgrates auf und betraten die Gratschneide in der südlich von Punkt 3414 der Alpen-Vereins-Karte befindlichen Einsattlung. Zuerst ging es über den scharfen Felsgrat, dann über eine messerscharfe Firnschneide aufwärts. Die Firnschneide wurde auf der westlichen Seite in der Weise passirt, dass wir den linken Unterarm über die Schneide legten und die Schuhspitzen so tief als möglich in den Firn stiessen. Der Eispickel diente der rechten Hand als Stützpunkt. Nach Passirung der Firnschneide schienen sehr steile und glatte Felsplatten ein Weiterkommen zu verhindern. Bei Ueberwindung dieser Platten bewährte sich Hans — wie schon oft auf meinen unter seiner Führung ausgeführten Touren — : als gewandter Kletterer. Mit Hilfe des Seiles lag auch bald die erste Platte hinter uns. Nun stellte sich aber eine neue Schwierigkeit uns entgegen: Eine nach Westen überhängende Felsplatte versperrte uns den Weg. Ein Vorwärtskommen schien unmöglich zu sein, zumal unterhalb der überhängenden Platte eine andere glatte Platte im rechten Winkel nach unten abstürzte. Ohne Unterstützung vermochte Hans diese Stelle nicht zu überwinden. Da meine Hände in Folge des eisigen Sturmes, der uns den pulverigen Schnee in Gesicht und Nacken trieb, etwas erstarrt waren und somit die Möglichkeit mit Sicherheit nicht gegeben war, dass ich Hans an dem Seile allein würde halten können, musste Kaserer unterstützend eintreten. Langsam und vorsichtig rutschte nun Hans unter der überhängenden Felsplatte "durch. Von ihm am Seile gehalten, rutschte ich auf den Knien ebenfalls hinüber. Es folgte nun abermals eine steile Platte, welche in der oberen Hälfte einen ungefähr 30 cm langen, sehr schmalen Riss und etwa einen Meter unterhalb dieses Risses einen kleinen Vorsprung von der Grosse eines Taubeneies zeigte. In den Riss legte ich die Finger der linken Hand, mit der rechten Hand hielt ich mich an dem ebenfalls in diesen Riss eingeklemmten Eispickel. Der erwähnte kleine Felsvorsprung diente dem linken Fuss als Stützpunkt. In dieser wenig angenehmen Stellung habe ich mehrere Minuten verweilen müssen. Denn um den nachkommenden beiden Gefährten bei Ueberwindung der überhängenden Platte die nöthige Hilfe geben zu können, bedurfte Hans des ihn und mich verbindenden Seiles. Nach Ueberwindung dieser Schwierigkeiten musste eine nach Westen wenig überhängende Firnschneide passirt werden. Darauf erreichten wir über grössere Felsblöcke, deren Ueberkletterung durch den an den vorangegangenen Tagen reichlich gefallenen Neuschnee etwas beschwerlich war, sehr steil ansteigend den höchsten Gipfel des Gross-Venedigers. Von diesem Gipfel stiegen wir unter Passirung einer überhängenden, mächtigen Wächte zum östlichen Gipfel über. Der Abstieg erfolgte auf dem gewöhnlichen Wege zur Kürsingerhütte. Zum Anstieg hatten wir 5 3 / 4 Stunden, zum Abstieg 3 Stunden einschliesslich aller Rasten gebraucht.
Berlin. Hermann Meynow
Quelle: Mitteilungen des DÖAV 1892, Seite 185;

Quelle: Richter: Erschließung der Ostalpen, Band III, Seite 138;
Datum erste Besteigung:
17.07.1892
Gipfel:
Großvenediger
Erste(r) Besteiger(in):
Kaserer Nikolaus
Meynow Hermann
Unterwurzacher Johann
Weigand Wilh.