Dobiasch Sepp
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Biografie:
Sepp Dobiasch, Wien, später Veitsch
Bruder von Willi Dobiasch
Sepp Dobiasch führte in den Ennstaler Alpen und im Dachsteingebirge schwierige Kletterfahrten und Erstbegehungen durch.
Ihm gelang die erste Begehung der Westwand der Burg (Brennte Wand) Veitschalpe mit Willi Dobiasch, Leo Kaufmann und Fritz Gogiotti am 27. Juni 1926 und die 40. Begehung der Großer Ödstein- Nordwestkante mit Willi Dobiasch am 18. August 1926. Die erste vollständige Begehung der unmittelbaren Südwand des Torsteins (2926m) kletterte er am 28. August 1926 mit Hermann Knaus und Willi Dobiasch sowie dem Bergführer H: Mayerhofer.
Ein neuer Weg durch die Südostwand am des Ringkamp (2153m) eröffnete er am 30. Juni 1929 mit Otto Fastl, Radinsky und Fritz Wetzelsberger.
1923 1.Beg.Hochschwab-Südostverschneidung „Variante Dobiasch-Dobiasch-Schilhan“,2278m, (Hochschwab)
1926 40.Beg.Großer Ödstein-Nordwestkante,2335m, (Ennstaler Alpen) 18. August 1926;
1926 1.Beg.Burg (Brennte Wand)-Veitschalpe-Westwand,1981m, (Mürzsteger Alpen)
1926 1.Beg.Torstein-Südwand „Gipfelausstiegsvariante",IV,1000 HM,2947m, (Dachsteingebirge)
1929 1.Beg.Ringkamp-Südostwand „Dobiasch-Fastl-Radinsky-Wetzelsberger“,2153m, (Hochschwab)
1930 1.Beg.Schwabenkopf-Unmittelbare Nordwand „Dobiasch-Peringer-Führe“,3379m, (Ötztaler Alpen)
Wien (Wahlheimat Veitsch)
Sporthausbesitzer
sein Bruder hieß Willi;
Führte im Gesäuse und Dachsteingebirge schwierige Klatterfahrten und Erstbegehungen durch.
Erste Begehung der Westwand der Burg (Brennte Wand) Veitschalpe mit Willi Dobiasch, Leo Kaufmann und Fritz Gogiotti am 27. Juni 1926;
40. Begehung der Großer Ödstein Nordwestkante mit Willi Dobiasch am 18. August 1926;
Erste vollständige Begehung der unmittelbaren Südwand des Torstein (2926m) am 28. August 1926 mit dem Bergführer H: Mayerhofer, Hermann Knaus und Willi Dobiasch;
Neuer Weg durch die Südostwand am des Ringkamp (2153m) am 30. Juni 1929 mit Otto Fastl, Radinsky und Fritz Wetzelsberger;
Quelle: Archiv Proksch (Österr. Alpenklub)
Sepp Dobiasch zum Gedächtnis
Nach seines kühnen Bruders Willy tragischem Ende, dem der Tod schon vor vierzehn Jahren auf einer Parsenntour so lange hinterherfuhr, bis er ihn noch knapp oberhalb der Schneegrenze fällte, ist nun auch Sepp von uns gegangen.
Uber sein Ende berichtet seine Frau: „Sepp kam zu Ostern 1945 zu uns in die Prein zu Besuch und konnte infolge der Ereignisse dann nicht mehr zurück. Er hat dann in den folgenden Wochen im Volkssturm gekämpft. Mit der 6. Armee kamen wir in das große Lager von Braunau. Hier brachen wir nach etlichen Tagen aus, da bei den Kindern bereits Ruhrverdacht bestand. Zu Fuß dann nach Bayern zu meiner Schwester. Nach München durften wir nicht mehr hinein und hätten ja auch zu einem so weiten Fußmarsch nicht mehr die Kraft besessen. Wir bekamen Gewandläuse und wurden darauf alle krank. Gepäck hatten wir ja keines mehr, konnten aber bei der Körperschwäche nur mehr 3 bis 6 km im Tage zurücklegen. Nach weiteren Hungerwochen trat dann bei Sepp wolhynisches Fieber auf, und zwar ganz schwer. Das dauerte vier Monate. Eine Folge davon war eine Herzkrankheit und dann schleichende Herzklappenentzündung. Er lag dann von Weihnachten 1946 bis August 1947 im Krankenhaus in Nymphenburg. Da wir die nötigen Medikamente nicht bewilligt bekamen, konnte er nicht gerettet werden. Eine Woche vor seinem Tode wurde er dann noch ins Krankenhaus nach Neumarkt a. d. Rott übergeführt, wo er am 26. August starb. An seinem 51. Geburtstag wurde er ganz still zur Ruhe gelegt."
Sepp Dobiasch stammt aus dem Egerland und kam bald nach dem ersten Weltkrieg in die Steiermark, wo er sich gleich seinem Bruder in der Veitsch im Mürztal niederließ, um in den dortigen Magnesitwerken dem Broterwerb nachzugehen.
Mit den Tiroler Kaiserjägern zog er 1915 ins Feld und wurde bald nachher bei einer der ersten Durchbruchs- und Materialschlachten des Ostens durch einen Granatsplitter sehr schwer verletzt. Nach zweijährigem Lazarettaufenthalt verließ er dieses mit einem geschwächten und steifgebliebenen Bein. Sein später erschienenes und mit der ihm verliehenen, seltenen Gestaltungskraft geschriebenes Buch „Kaiserjäger im Osten" fand in der von unermeßlichem Leid erfüllten Atmosphäre eines Kriegslazarettes seinen Ursprung und
Niederschlag.
Aus dem Örtchen Veitsch also, das er oft nachher als die ihm vom Schicksal zugedachte Wahlheimat bezeichnete, führt nun der Weg auf die Höhen der umliegenden Bergwelt und dann immer weiter fort in die Ferne. Die Brüder Schilhan, Dr. Leo Kaufmann, Franz Kieslinger, sein Bruder Willy, vor allem aber sein getreuester und anhänglichster Berggefährte Otto Feidl, zu denen sich dann auch der Verfasser gesellte, waren die ständigen Begleiter Sepps. Die steirische Seite der Rax, Schneealpe und Veitsch, vor allem aber die Vielseitigkeit der weiten Schwabenflächen und Berge waren die Domäne, innerhalb welcher wir uns immer wieder zusammenfanden, zu zweit, zu dritt, zuweilen bis zu einem halben Dutzend, immer und zu allen Anlässen voll jugendlichen Frohsinnes und zu allen Streichen bereit; zweifellos die glücklichste Zeit, die uns das Dasein zum Leben offenhielt ... Inmitten seiner zumeist rauhen Kumpane schritt Sepp Dobiasch, der steirische Dichter und Bergphilosoph, einher, fast immer ein still vergnügtes Lächeln in seinem oftmals erkenntliche Zerstreutheit zeigendem Antlitz zur Schau tragend.
Aus ungezählten Wander-, Kletter- und Schitagen, welche dieses obersteirische Bergfähnlein zu einem festen Begriff werden ließen, folgen für Sepp dann von selber große und gewaltige Aufgaben sowie Erfolge in den Bergen. Kühne Wände und Flanken, Grate und Türme, darunter die Hochtor- und Reichenstein-Nordwand auf Pfannls Wegen, Odstein- und Roßkuppenkante, Dachstein-Südwände, Steinerweg, Torstein, Windlegergrat,
und ein neuer Weg durch dessen Südwand. In den Dolomiten erstieg er die Kleine Zinne auf Fehrmanns Weg über die Nordwand, überschritt die Valojettürme, stand nach der Schleierkante auf der Madonna und auf manch anderem begehrtem und hart erkämpftem Gipfel. Im Kaunergrat, dem er seine besondere Wertschätzung und Liebe schenkte — und wiewohl ihm das Gehen auf Eis infolge seiner Kriegsverletzung besonders mühevoll fiel —, gelangen ihm beinahe alle großen und bekannten Bergfahrten, darunter die Watzespitze über den langen Westgrat, ferner der Schwabenkopf über die Nordwand. Silvretta, Ötztal, Stubaier, Zillertal, Glockner und Venedigerberge besuchte er wiederholt.
Mit Otto Feidl weilte er auch in der Bernina, und als Krönung seiner Höhensehnsucht erstieg er im Schneesturm den Montblanc, doch ging ihm diese Willensleistung beinahe über sein körperliches Vermögen, da, wie er selber, sagte, die langen Gletschermärsche allzusehr anstrengten. Sepp hat sich seine Bergfahrten überhaupt ungleich schwerer erringen müssen, als dies normalerweise geschieht. Wieviel an innerer Kraft und welch unermeßliche Liebe zu den Höhen mußten in diesem Menschen wurzeln, um bewußt und von vornherein die Mühsal so vieler weg- und pfadloser Zu- und Abstiege auf sich zu nehmen?
Sepp war auch ein eifriger Schiläufer, und wiewohl er es bei dieser Betätigung ebensosehr schwer hatte, erstieg er seit 1921 eine Reihe schöner Gipfel. Ein Beweis, daß er auch dem Schilauf selber echte Freuden abgewinnen konnte, liegt darin, daß er die Parsenn während eines Davoser Aufenthaltes täglich mehrmals fuhr.
Vielleicht waren es aber nicht einmal so sehr die von ihm bewältigten schwierigen Fahrten, die er oftmals führend bezwang, die den Bergsteiger Sepp Dobiasch schufen. Was ihn für seine Umwelt so wertvoll gestaltete, war seine große Gabe, Erlebtes wiederzugeben, seiner inneren Schau in Wort und Schrift beredten Ausdruck zu verleihen.
Sepps Berufung war die eines Schriftstellers. Alle Wege, die ihm sein Geschick abseits dieses inneren Wollens und Müssens zu gehen zwang, waren Flickwerk, bestenfalls ein Notbehelf. Er kehrte seinem kleinen Beamtenleben im Veitschergraben den Rücken — trennte sich von seiner ersten Frau, die, in der klaren Erkenntnis seines Unvermögens, sich mit dieser Tätigkeit zu bescheiden, deshalb sicherlich keinen Stein nach ihm warf — und zog wieder fort, nicht aber deshalb, um irgendwo anders besser zu leben, sondern das
Sprungbrett zu finden, von dem aus er . endlich seiner wirklichen, echten Berufung seiner irdischen Sendung folgen durfte...
Sepp Dobiasch hat seine Erlebnisse und Empfindungen und sein Verhältnis zur Bergwelt in Aufsätzen sonder Zahl niedergeschrieben und in fast allen Zeitschriften, Blättern und Werken der deutschsprachigen alpinen Literatur veröffentlicht. Frühzeitig trat er auch an den Vortragstisch, und da er sich mit der Zeit durch das alpine Schrifttum bereits einen guten Namen gemacht hatte, sah man auch seinen Vorträgen gerne entgegen. Meine frühe Kritik, dass man ihn eher lieber lese als höre, nahm er gerne hin. In eigenen Vortragsreisen hat er durch seine lebendige Gestaltungskraft viel tausend Menschen die Berge und deren Schönheit näherzubringen vermocht. Mir sagte er einmal: „Weißt du, je näher dem Meere und dem Flachlande zu, um so dankbarer werden die Zuhörer für ein Thema, welches sich mit dem Berge befaßt."
In diese zahlreichen Vortragsreisen fällt auch sein Entschluß, sich in München dauernd anzusiedeln. Dort heiratet er wieder und kommt mit Familie wieder nach Wien und arbeitet als Schriftsteller für ein kleines bekanntes Wiener Blatt, welches in der Hauptsache von den in den Wiener Industriebezirken lebenden Menschen gelesen wird. Sepp hatte selbst eine harte Jugend hinter sich, kam in seiner Zeit im Magnesitbergbau dem Arbeiter und dessen Welt aus eigenster Anschauung sehr nahe und war nach Veranlagung das, was
einen guten Menschen ausmacht. Haß, Neid, Gewinnsucht waren ihm fremd, er war Idealist und ein Denker. Selbst in hohem Maße sozial veranlagt, war er bestrebt zu helfen, wo er konnte.
Für seine Zeitung als Berichterstatter wirkend, lernte er im zweiten Kriege fremde Länder und Völker kennen, weilte unter anderem auf Kreta und später an der Eismeerfront. Aber letztere hielt er im Oktober 1944 im zusammengeschrumpften Klubkreis einen lebendigen Vortrag. Dadurch, daß er jedes persönliche Pathos vermied, fand er ungeteilten Beifall. In der inzwischen erschienenen Kritik fand dieser Vortrag von berufener
Serte die verdiente Würdigung. Damit hatte sich Sepp Dobiasch seinem ihm ans Herz gewachsenen Alpenklub ganz unbewußt ein letztes Mal zur Verfügung gestellt.
Seine letzten Berge waren bekannte Gesäusegipfel, die er im Jahre 1943 mit Dr. Kheh einmal betrat. Ich hoffe für Sepp, daß es zu seiner ungetrübtesten Freude geschah, wenn er sich im warmem Schein der Herbstsonne in der Runde umsehen und sich dabei an die vielen schönen frohen Klettertage der Vergangenheit erinnern durfte...
Lieber Sepp! Ich habe ja nur flüchtig dein Lebensbild gezeichnet, und wir müssen Abschied nehmen. Dein Leben war zu bunt, bewegt und überreich, als daß es in dieser Art festgehalten werden könnte. Das ist auch nicht wichtig, denn die, die dich kannten und dir im Leben und in den Bergen wirklich nahestanden und mit dir gleichen Schrittes einhergingen, wissen um dein wahres Wesen, um deine Lauterkeit und werden um dich aufrichtigen Herzens trauern. Wo Licht ist, muß auch Schatten sein. Wir wollen in Liebe derer gedenken, die uns im Leben etwas bedeuteten und die uns bereits vorausgegangen sind. Deine tapfere Frau und deine unversorgten Kinder werden dich am schwersten missen, denn du mußtest sie zurücklassen in einer Zeit, die kein Erbarmen und kein Mitleid offenläßt für die Nöte des einzelnen.
Dir selbst hat es der Allbezwinger Tod noch leicht gemacht, denn es ist wahrscheinlich, daß du dich in der Welt von heute nimmer zurechtgefunden hättest. Du hast zu viel gedacht, und dies ist keine Waffe mehr in einer Umwelt von Zank, Neid und Egoismus. Du selbst hattest es dir nie leicht gemacht oder das Leben machte es eben dir ein wenig schwer. Lebwohl!
Gogiatti.
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1949, Folge 1244, Seite 72-74
Gestorben am:
26.08.1949
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