Lebel Hugo Wolfgang

(Bearbeiten)
Foto gesucht!
Biografie:
Dr. med. Hugo Wolfgang Lebel (+)
Am 12. August 1950 trugen wir unseren jungen Klubkameraden Dr. Lugo Wolfgang Lebel in Lanzenkirchen zu Grabe. Ein kaum erst beginnendes Menschenleben ein auf seinem Höhepunkt stehender Bergsteiger, die Hoffnung seiner Eltern und seiner Freunde ist zu Ende.
Selten bin ich einem so bergbegeisterten Jungen begegnet, wie Hugo es war als er — es ist nun schon etliche Jahre her — zu mir als Kletterlehrling kam. Seine bergstelgerischen Erfolge haben ihn in die Reihen der Bergsteigergruppe im Österreichischen Gebirgsverein geführt, und erst seit einigen Monaten trug er stolz das Zeichen des ÖAK. Sein Leben galt den Bergen und seinem Studium. Beides erfüllte ihn ganz; Hugo
kannte nichts Halbes. Er fühlte sich berufen, zu helfen — Arzt zu werden. Am 14. Juli d. J. wurde er zum Doktor der Medizin promoviert.
Mit Staunen verfolgte ich Hugos Erfolge in den Bergen. Gleich einer lodernden Flamme war seine Begeisterung für alles Große und Schöne in ihm hochgeschlagen fasziniert und hingerissen griff er nach den höchsten Zielen. In den letzten Jahren konnte er folgende namhafte Bergfahrten durchführen: Im Hochschwab: Stangenwand-Sudwestwand, Schartenspitzkante, Winkelkogelpfeiler; im Gesäuse: Hochtor-Nordwand (Jahnweg, Pfannlweg), Roßkuppenkante, Roßkuppen-Nordwand, Peternschartenkopf-Nordwand, Planspitze-Nordwestwand, Reichstein-Nordpfeiler, Kalbing (Südgrat, unmittelbare Westwand); im Dachstein: Dachstein-Südwand (Steinerweg, Pichlweg, Goedelweg), Torstein (gesamter Windlegergrat, SO.), Hohe Schneebergwand, unmittelbare Nordwand, 4. Beg., Windlegerspitz, Südostschlucht, 1. Beg., Hochkesselkopf-Südwestverschneidung, Niedertürlspitz-Südwand (Goedel-Steiner-Weg), Großer Koppenkarstein, unmittelbare Südwand, 10. Beg.; im Gosaukamm: Große Bischofsmütze, Südwand (Jahniveg, Schneiderweg), Däumling-Südostkamine, Niederes Großwandeck, Fingerkante, Angerstein (Salzburgerpfeiler, östl. Riesenkamin), Mannlkogelkante; im Wilden'Kaiser: Fleischbank-Ostwand, Christaturm (Ostwand, Südostkante), Totenkirchl-Westwand (Dülfer), Predigtstuhl (Nordkante, Westwand: Schüle-Diem- und Westverschneidung), Leuchsturm-Südwand, Bauernpredigtstuhl, Rittlerkante; in den Berchtesgadener Alpen: Watzmann-Ostwand (alte Route); in den Ötztaler Alpen: Weißkugel-Südostkante; Großglockner: Pallavicinirinne und in den Dolomiten die Überschreitung der Vajolettürme.
Um solcher Siege willen lohnte sich wohl das Leben. An jenem Unglückstag, als Hugos bester Gefährte, das Glück, ihn verließ, stieg er zu viert am Seil, von der Rostocker Lütte in der Venedigergruppe zum Maurertörl.
Neuschnee überdeckte alle Spalten, und als die Partie das Maurertörl, in der Absicht, zur Warnsdorfer Hütte zu gelangen, überschritt, tobte bereits ein heftiger Schneesturm und verwehrte jede Sicht. Hugo als erster am Seil sondierte vorsichtig und gewissenhaft das Gelände. Er kannte den Weg von den Tagen vorher und wußte, daß er nun vor einer größeren Spalte stehen mußte. Plötzlich fühlte er unter seinen Füßen den Neuschnee abrutschen. Aus diesem Grunde mußte er unverzüglich zum Sprung ansetzen, ohne eine Sicherung und Seilbedienung von seiner nachfolgenden Gefährtin abwarten zu können, Hugo erblickte in diesem Sprung seine Rettung; er ahnte nicht, daß er geradeaus in sein Verderben sprang, denn auch der gegenüberliegende Spaltenrand war überwachtet und brach bei seinem Aufsprung sofort ein. Hugos Sturz riß seine Begleiterin bis an den Rand der Spalte; er selbst verkeilte sich mit seinen zwölfzackigen Steigeisen im Eis. Vergeblich bemühte sich sein Freund und langjähriger Berggefährte, Hugo aus der furchtbaren Lage zu befreien, doch das Seil hatte sich bereits tief in den Firn eingeschnitten. Fruchtlos scheiterten alle Bemühungen, Hugo wieder an das Licht des Tages zu bringen, das Schicksal war gegen ihn. Das Wetter wurde immer schlechter, und die beiden Damen,
von Hugos Sturz zutiefst beeindruckt, konnten des Freundes Hilfe kaum unterstützen. Schweren Herzens verließ der Gefährte die Unglüsstelle; doch es galt, die zwei Damen zur Hütte zu bringen und Hilfe zu holen. Zu all dem befanden sich zu dieser Zeit keine Bergsteiger in der Rostocker Hütte. Der Freund eilte ins Tal, kam mit wackeren Männern wieder, doch trotz übermenschlicher Anstrengungen gelang es ihnen am folgenden Tage nicht, zum Maurertörl zu gelangen. Der Schneesturm wütete unaufhörlich, und somit war Hugos Schicksal besiegelt; er ist in der Spalte erfroren. Ein unvollendetes Leben war zu Ende.
Erst am dritten Tage konnte, im Scheine der Sonne, die Leiche geborgen werden. Hugo hatte viele Freunde, und diese können ihn nicht vergessen. Gewiß, es ist hart, um einen solch aufrichtigen Menschen trauern zu müssen, der erst den Beginn eines glücklichen und erfolgversprechenden Lebens kaum überschritten hatte, allein wir wissen, daß es solche Männer, wie Hugo einer war, geben muß, sonst würden vielleicht auch wir in der Kleinheit des bürgerlichen Alltags den Sinn für alles Große und die Helle Begeisterung für alles Schöne verlieren.
Peter Fiktorovits.
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1950, Folge 1253, Seite 155-156

Gestorben am:
08.1950

Erste Route-Begehung