Kienzel Erich
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Biografie:
Erich Kienzel
Ich lernte ihn vor gut zehn Jahren kennen. Es war unten auf der Zinnenhlltte, wo sich wieder einmal eine Bande zünftiger Gesellen versammelt hatte. Er fiel mir zunächst gar nicht auf, da er sich still und bescheiden abseits hielt. Ich wußte nur, daß er Erich Kienzel hieß. Als ich später mit ihm ins Gespräch kam, merkte ich, daß er lebhafte, klare, verläßliche Augen hatte und sein kräftiges Kinn von Willenskraft Zeugnis gab. Und nach kurzer Zeit hatten
wir den Jungen, der in den Bergen noch nicht so zu Hause war, ins Herz geschlossen.
Wenige Tage später saßen wir zu viert in einem der vielen Unterstände des Zinnenplateaus und warteten auf Besserung des Wetters. Unser Ziel war der Dülferweg durch die Nordwand des Schwalbenalpenkopfes. Erich Kienzel war auch dabei. Die drohenden Nebel und die zeitweise niedergehenden Regenschauer waren nicht dazu angetan, die Kletterfreudigkeit zu heben. Ich beobachtete den jüngeren Gefährten. In seinem Gesicht stand nichts von Beklommenheit oder gar Furcht. Aber auch nichts von jenem gleichgültigen Draufgängertum, das dem Leichtsinn oder der Unwissenheit entspringt. Kienzel kannte die Berge noch nicht, aber er ahnte sie. Und er ahnte sich ihnen mit jener stolzen Demut, die sich nie nach oben hin beugt, aber auch jede freche Überheblichkeit ausschließt. Als wir dann eine Stunde später die Wand angingen, konnte man an den ruhigen, sicheren Bewegungen Kienzels erkennen, daß hier ein Bergsteiger heranreifte.
Erich Kienzel wurde Bergsteiger. Im besten Sinne des Wortes. Bergsteiger sein heißt: Verantwortungsbewußtsein haben, heißt: einsatzbereit sein, heißt: Kameradschaft üben bis zum letzten. Diese Bedingungen erfüllte Erich Kienzel restlos. Wen er am Seile in die Berge führte, der konnte seines Lebens sicher sein. Wenn es galt, fremden Kameraden aus Bergnot zu helfen, so gab es für ihn kein Zaudern. Und sein letztes Stück Brot, sein letztes Stück Schokolade, das teilte Erich nicht mit dem Gefährten, sondern gab es ihm ganz. Die Berge waren ihm Symbol eines männlich starken, aufrechten Lebens. Daran konnte auch die Zeit der Arbeitslosigkeit, die auch er hart zu fühlen bekam, nichts ändern. Die Berge führten ihn aus der Enge der Großstadt, aus der Not, die jeder empfand, der einen klaren Kopf, einen eisernen Körper hatte und doch keine Arbeit fand. Als Skilehrer und Bergführer ermöglichte er Hunderten von Menschen in der reinen Wert des Hochgebirges Entspannung und neue Kraft zu finden. Er übte diesen Beruf so gewissenhaft aus, wie er alles im Leben getan hat. Es lag nicht in seinem Wesen, etwas halb zu tun.
Als Grenzlanddeutschen lag ihm die Liebe zu seinem Volk im Blute. Und als der Krieg um die Freiheit und Zukunft des Reiches tobte, sahen wir Erich Kienzel im grauen Kleid der deutschen Wehrmacht. Er hielt als Soldat, was er als Bergsteiger versprochen hatte. Seine Auszeichnungen (E.K. I und II), seine Beförderung zum Feldwebel innerhalb kurzer Zeit, erzählen deutlich von seiner Frontbewährung.
Noch einmal konnte er das, was ihn die Berge gelehrt hatten, in den Dienst der Kameraden stellen. Er wurde Führer eines Skispähtrupps. Am 7. März 1942 traf ihn das verderbenbringende Geschoß. Die beiden Tage, die er trotz der schweren Verwundung noch lebte, trug er mit jener stolzen Beherrschtheit, die den echten Mann auszeichnet.
Sein Grab liegt in russischer Erde. Der Wind der unendlichen Ebene braust darüber hinweg. Seine Melodie klingt anders als die des Sturmes in den Bergen. Aber sie erzählt uns von jenen Männern, die die kleinere Heimat verließen um die größere zu verteidigen, die starben, weil sie die Liebe zu ihrem Volk höher stellten als die zu sich selbst.
Kurt Maix
Quelle: Österr. Alpenzeitung 1942, Folge 1227, Seite 61-63
1932 1.Beg.Paternkofel-Nordostwand „Demuth-Führe“,VI,2744m, (Sextener Dolomiten)
Gestorben am:
09.03.1942
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