Nitsche Kurt

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Biografie:
Kurt Nitsche (+)
Das Schicksal war nicht gnädig zu ihm. Er wäre auch der letzte gewesen, der um Gnade gebettelt hätte. Dazu war er zu aufrecht, zu gerade, zu kompromißlos. Aber wenn ein Mensch gerade und stolz steht wie eine hohe Tanne, erwartet man — fast wie ein Naturgesetz —, daß ihn das Schicksal fällt wie ein Blitz, vollem Leben ein jähes Ende
bereitend.
Dieses Los war Kurt Nitsche nicht bestimmt. Eine Operation, von der man nichts Schlimmes befürchtete. Ihr aber folgt keine Genesung, sondern wochenlanges Siechtum. Lebenswille und ein am Berg gehärteter Körper kämpfen gegen das Sterben. Dann steht nur mehr der Wille gegen den Tod: Das Pflichtgefühl gegen zwei unmündige Kinder, das gebieterisch das Leben des Vaters erfordert. Der Tod bleibt stärker, kommt zuletzt als Erlöser zu dem Achtunddreißigjährigen.
Dr. Kurt Nitsche war Bergsteiger, Höhensucher im besten Sinne des Wortes. Er war kein Virtuose, der die Berge in tänzerischem Spiel bezwang. Er gehörte zu den Meistern, deren oberstes Gesetz Verantwortungsbewußtsein hieß. Die Berge waren ihm nicht Tummelplatz für sportliche Rekordsucht, sondern Sinnbild eines männlich-kühnen Lebens. Kameradschaft war für ihn Selbstverständlichkeit, so selbstverständlich wie ein Eid, von dem es für Männer wie Kurt Nitsche kein Entbinden gab, selbst wenn die Erfüllung des Eides zum eigenen Verderben führen mußte. Auch einen Kameraden läßt man nicht im Stich, wenn die Treue den Tod, die Flucht aber die eigene, persönliche Rettung bringen kann.
So war Kurt Nitsche:
Diese verantwortungsbewußte, harte Seite seines Charakters kannten alle, die mit ihm zusammentrafen. Die andere, zartere, ja fast künstlerisch empfindsame Seele, die in ihm schwang, kannten nur wenige. Es gibt nichts Keuscheres als echte Männer, die echtes Gefühl vor der Außenwelt verbergen und behüten wollen. Hie und da in Briefen, in Aufsätzen, in Gesprächen am Berg, wo die Einsamkeit und die Größe der Umwelt den Menschen zur Offenbarung seines wahren Seins zwingen — in diesen seltenen Stunden ahnten seine Freunde, wie reich seine Gefühls- und Gedankenwelt war. Wenn Julius Kugy vom Bergsteiger verlangte, er müsse wahrhaft, vornehm und bescheiden sein — so erfüllte Kurt Nitsche restlos diese Bedingungen. Er verdiente das Adelsprädikat, das ihm von Geburt an mitgegeben war: Kurt Edler von Nitsche.
Seine Freunde stehen ergriffen an seiner Bahre. Sie wissen, daß hier mehr als ein Bergkamerad zu Grabe getragen wird — ein groß veranlagter Mensch. Und auch in dieser unbarmherzigen Zeit, da der Tod des Einzelnen so wenig zu zählen scheint, werden sie sein Andenken unauslöschlich im Herzen tragen.
Das Andenken. Die Erinnerung. Sie löst mit einer gütigen Geste die Klammer, die Trauer und Wehmut um Stirn und Herz gelegt haben. Ein Bild steigt vor mir auf, so sonnig und froh, wie es nur in früher Jugend sein kann ...
Sommer 1928. Kurt stand damals, als Achtzehnjähriger, gewissermaßen am Ende seiner alpinen Lehrlingszeit. Ich, der um knapp drei Jahre Altere, war — sagen wir — Geselle. Das Herz des Gesellen schlug hoch, das des Lehrlings noch höher, als uns beiden anläßlich der Zweitbegehung des Perner-Simonlehner-Weges durch die Dirndl-Südwand eine Wegänderung gelang. Eigentlich war es nur ein Verhauer, eine unwesentliche, wenn auch sehr schöne Variante. Damals sah ich in Kurts blauen Augen, auf seinem männlich kühn geschnittenen Gesicht das Leuchten der unsagbar reinen, stolzen Freude des Jünglings über seinen ersten alpinen Erfolg. Jener Freude, die kaum ihresgleichen hat, die nicht aus dem Beifall der Menge kommt, sondern aus einem unverdorbenen, mutigen Herzen geboren ist und wieder dorthin zurückstrahlt.
Ein anderes Bild. Bei Überschreitung des obersten Ostgrates des Dachsteins brach Kurt ein Block aus. Mein Stand war gut. außerdem war es mehr ein Gleiten als ein Sturz. Ich fühlte kaum den Ruck, als ich Kurt hielt. Noch ehe sein Körper zur Ruhe gekommen war, hörte ich schon: „Dank schön, Kurtl."
Neun unter zehn Menschen hätten in derselben Lage zuerst an sich gedacht. Kurt Nitsche dachte auch in dieser Situation zuerst an den Gefährten. Ich habe dieses „Danke" nicht vergessen. Es schuf in mir das Charakterbild eines Mannes.
Ein drittes Bild. Es ist nicht mehr sonnig, froh, unbeschwert. Eine unbarmherzige Zeit verdüstert es, die Schatten menschlicher Tragik hängen über ihm. Frühsommer 1947.
Mallnitz ... .
Umlauf und Chladek, die beiden erprobten Bergsteiger, die Kameraden aus den Gründungstagen der Austria-Bergsteigerschaft, stürzen am Westgrat des Säulecks zu Tode. Der dritte dieser seilfrei gehenden Partie lebt, der Freund und Kamerad muß dem tödlichen Fall der beiden Gefährten zusehen, ohne helfen zu können. Als Leiter einer von Mallnitz aufsteigenden Rettungsmannschaft treffe ich den dritten, den überlebenden: Kurt Nitsche. Seine rauhe Stimme klingt fremd: „Kurtl, du kommst zu spät."
Die Umstände sind zu tragisch, um eine Freude des Wiedersehens nach so viel Jahren aufkommen zu lassen. Während Kurt in langsamen abgerissenen Sätzen erzählt, gleitet sein Blick immer wieder zum Berg, wo er die toten Freunde weiß ...
Drei Männer treffen sich. Der Zufall führt sie zusammen. Drei alte Kameraden aus vergangenen starken Jugendtagen. Das Leben hat ihnen hart mitgespielt. Aber nun sind sie beisammen. Die Berge stehen noch. Die Welt ist doch noch schön ...
Die große Fahrt — würdig erfahrener echter Bergsteiger, die Sturm und Drang längst hinter sich haben —,
, die Überschreitung von der Maresenspitze bis zur Hochalm ist geplant. Es wird ein herrlicher Gang — bis zum Säuleck-Westgrat ...
Dort reißt ein in einem Kamin verkeilter Block — auch geübten Augen eine sichere Stufe vortäuschend — zwei Männer aus glühendem Leben jäh in den Tod.
Als Kurt tief unten in der Südwestwand die Körper der Gefährten findet, kann er an den Tod nicht glauben. Er erfaßt noch nicht, daß dies das Ende einer glückhaft neu aufgeblühten Freundschaft sein soll. Er handelt wie im Traum, legt Verbände an, wo Herzen längst aufgehört haben zu schlagen, er ruft, steigt durch die Wand ab, kommt zur Lütte. Dort trifft er einen Arzt, der noch nie einen Felsen mit der Land berührt hat, will ihn zwingen, in die Wand zu steigen, sieht dann selbst das Unsinnige dieser Forderung ein, steigt allein wieder empor, hält stumme Zwiesprache mit den Toten, bis ihn die Dämmerung abwärts treibt.
Nein, es ist kein glückliches Wiedersehen mit Kurt. Ich sehe, wie der Freund leidet, erkundige mich, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, nach seiner Familie, nach der Frau und den Kindern. Für Sekunden huscht ein hellerer Schein über sein Gesicht: „Martha und den Kindern geht es gut. Eigentlich lebe ich nur mehr für diese Menschen..."
Oh, das Schicksal versteht zu treffen. Vierzehn Tage später trägt Kurt seine Frau zu Grabe. In wenigen Tagen hat die Kinderlähmung die prächtige Frau und Gefährtin hinweggerafft.
Lachen und Sonne sind im Gesicht des Freundes gestorben. Aber die Pflicht hält ihn aufrecht. Die Kinder. Für sie muß er sorgen. Er arbeitet unermüdlich, sucht sich eine Existenz aufzubauen für die Kinder. Viele Tore sind ihm verschlossen. Aber sein Wille zwingt das Schicksal. Und es ist nicht Untreue gegen die tote geliebte Frau, sondern Treue zu seinen Kindern, als er nach mehr als Jahresfrist seine Hand zum Ehebunde einer anderen Frau reicht, die ihm Gefährtin, seinen Kindern aber eine Mutter sein wird.
Und als das Schicksal sieht, daß der rauhe Mann mit der empfindsamen Seele sich kraft seines Willens immer wieder aufrichtet, erschlägt es ihn selbst. Kurt Nitsche, wir werden Dich nicht vergessen!
Kurt Maix.
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1950, Folge 1251, Seite 85-87

Gestorben am:
1950

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