Schlemmer Ernst
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Biografie:
gestorben in Heidelberg (Deutschland)
Ernst Schlemmer (+)
Im Kriegsjahr 1941 sah ich ihn zum letztenmal. Noch heute steht er vor mir, wie er mit ein paar höheren Offizieren (er war selbst Berufssoldat) über einen Kasernengang in Kufstein daherkam. Er war damals mit der Aufstellung einer neuen Division voll beschäftigt, und dennoch: Mich erblicken, mit leuchtenden Augen die andern stehen lassen und auf mich zueilen war eins. Das letzte Plauderstündchen folgte.
Als er aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, konnte ich ihm noch bei Erlangung zuriickgelassenen Eigentums behilflich sein; das waren ein paar Briefe hin und her. Und dann kam die erschütternde Nachricht: „Am 21. Juni 1949 nach schwerem Leiden in Heidelberg überraschend von uns gegangen." Das traf mich tief.
Ich glaube ihn zu kennen. Bin ich doch mit ihm und Zettler u. a. von 1922 bis 1929 auf große Fahrt (Westalpen und Pyrenäen) gegangen; auf mehr als 50 Viertausendern stand ich mit ihm. Und als mir durch die vornehme Güte seiner Frau seine Fahrtenbücher zur Verfügung gestellt wurden, da hat sich mir das Bild dieses Mannes zu dem einmaligen Charakter gerundet, der er in Wirklichkeit war. Von der ersten bis zur letzten Seite riefen mir die Blätter zu: „So war er. Er hat geschrieben, wie er gedacht, gehandelt, wie er gelebt hat, unverbrüchlich wahr und sich selbst getreu."
In zehn Büchern, alle kräftig eingebunden und übersichtlich überschrieben, liegt da ein ganzes, reiches Menschen-, nicht nur Bergsteigerleben vor uns. Saubere Handschrift und eine vorbildliche Ordnung des umfangreichen Stoffes heben diese Urkunden eines reinen Lebens weit über die gewöhnlichen Fahrtenberichte hinaus. Bergfahrten, die ihn besonders bewegten, hat er in untadelige, druckreife Aufsatzform gebracht. Ich nenne nur seinen Absturz an der Lima Tosa 1912, seine Besteigung des Matterhorns, die Wanderung aus der Ruitorgruppe durch die Val Grisanche nach Aosta. Die Beurteilung seiner Bergkameraden hat er treffsicher, zuweilen mit mitleidloser Schärfe niedergeschrieben, wie anderseits wieder lautere Güte aus Zeilen hervorleuchtet, die einem Getreuen gelten.
Ich glaube, die Auffassung Schlemmers vom Berg und vom Bergsteigen am besten durch Anführung einiger Stellen aus seinen Tagebüchern beleuchten zu können.
1914 geriet er mit einem Begleiter bei der Überschreitung des Lärchecks und der Gamsfluchten infolge zu späten Aufbruchs in gefährliche Nachtarbeit. „Der Anfang der Tour war Hochgenuß, das Ende weit entfernt davon. Auch Bergsteigen muß man mit Vernunft und vorausrechnender Vorsicht betreiben. Es muß immer ein Hochgenuß bleiben."
Das Schlußwort zum Bergjahr 1919 ist ein Zeugnis für sein Selbstbewußtsein. „Die letzten Tage des Jahres verbrachte ich fast durchwegs zu Hause hinter dem warmen Ofen, und während es draußen regnete und stürmte, saß ich gemütlich hinter meinem "Keyserling" und versuchte, von höherer Warte aus mir ein geistiges ,Über-den-Dingen-Stehen' in unserer bewegten Zeit zu erwerben. Und so langsam kristallisierte sich etwas heraus, was ja schon längst in meinem ganzen Wesen und Unterbewußtsein geschlummert hatte: Mein
ruhender Pol sind und bleiben die Berge. Unbekümmert um alle Menschen, um ihr dummes Getriebe und Getue will ich stets versuchen, innerlich ober ihnen zu stehen. Bin ich nur selbst im Innersten stark und gegründet genug, dann soll und kann ich nicht umwerfen. Mein "Ich" gebe ich niemals auf, in welcher Form ich auch äußerlich lebe."
1923, 25. August. Aufstieg zur Schwarzegghütte von Grindelwald-Bäregg. Die Eintragung zeigt den feinfühlenden Naturbeobachter: „Die tiefsten Tage in den Bergen sind unbestreitbar jene, wenn tagelang der Kampf der Elemente getobt und schüchtern, wie von einem reifen Werk von Künstlerhand, der Schleier langsam zögernd zur Erde niedergleitet und eine reine Welt voll klarster Schönheit und erhabener Größe dem tiefempfänglichen Gemüt sich offenbart. Wie ein befreiender, mitreißender Gedanke erhebt Ihr Euch aus des Wetters Ungemach und, umbrandet noch von seinen letzten Wehen, schaut Ihr hernieder auf alles, was klein ist und Euch nicht dauernd zu binden vermag."
1923, 2. September. Aufstieg zum Furkapaß. „Zwei Berge sind es, die mir gleich Perlen in der Erinnerung dieses Morgens stehen: Das Finsteraar- und das Weißhorn. Das eine, nahegerückt, unglaublich steil und schwarz und mächtig, mit leichtem Neuschneeschleier; das andere fern, im Ebengleichmaß seiner Linien, ein Silberberg, der schönste in den Alpen. Erfüllung. Sehnsucht stehen nebeneinander, zwei Dinge, die sich Haffen. Wie Wasser und Feuer, wie Tod und Leben. Du bist mir einzig wertvoll um des Kampfes willen, der mich auf deinen Scheitel hat geführt, doch du, mein Berg der Sehnsucht, um der Sehnsucht willen, mit der mir Gott einst schlug die Seele."
Am 1. August 1927 wurde nicht nur seine, sondern unseres ganzen Kleeblatts Sehnsucht gestillt.
Ich muß es mir versagen, weitere Aussprüche dieses ebenso bescheidenen wie auch am rechten Ort wieder selbstbewußten, restlos getreuen und bienenfleißigen Edelmannes sonder Furcht und Tadel hier zu bringen.
Ich sage „bienenfleißig". Er war das im Beruf und ganz besonders am Berg. Am Schluß des Jahres 1943 stellte er das Ergebnis seines Bergwallens auf:
In den Jahren 1908 bis 1943 erstieg er 2693 Gipfel. Hievon waren: Viertausender 62; Dreitausender 332; Zweitausender 1512; Höhen über 1500 m 787. überflüssig zu sagen, daß er ein ausgezeichneter Bergschiläufer war; seine Fahrten führten ihn in fast alle Gruppen der Ost- und in sehr viele der Westalpen sowie in die Pyrenäen.
Zettler ist von mir gegangen; Schlemmer ist ihm gefolgt, beide noch in unternehmungsfrohem Alter; ich bin zurückgeblieben und gedenke heute als 75jähriger der Stunden, die ich mit diesen beiden echten Bergmenschen verlebt, bin stolz, ihr Kamerad mit Seil und Schi gewesen zu sein. Den jungen, Heranwachsenden Bergsteigern wünsche ich ebensolche Kameraden, die über Kamin und Eisbruch, über Mauerhaken und Schi hinaus noch etwas anderes in den Bergen sehen können, denen das Auge leuchtet, wenn es heißt: hinauf! Und allen Jungen möchte ich noch ein bekennendes Wort Schlemmers ins Merkbuch ihres Lebens legen, das er gelegentlich seiner „8. Winterfahrt 1923" geprägt hat:
„Bergsteigen ist das Schönste, was der Mensch sich neben seiner Arbeit wählen kann. Tausend Ziele liegen immer wieder vor ihm, und ist er ein Mensch der Sehnsucht und des Wanderns, so gibt's keine Rast; immerfort treibt's ihn zu neuem Wunsch!"
F. Nieberl.
Quelle: Österr. Alpenzeitung 1950, Folge 1250, Seite 087-089
Gestorben am:
21.06.1949
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