Südwand - "Direkte"
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Routen Details:
Westliche Grasleitenspitze (2672m) auf völlig neuem Wege durch die Südwand. Am 2. August 1902 mit Führer Franz Wenter von Tiers.
Von der Grasleitenhütte über den Grasrücken zur Quelle der Hütten Wasserleitung. Wir umgingen die nächsten Wandabstürze nach rechts, traversierten sodann die Rasenbänder nach links hart an der Wand und verfolgten über leichte Schrofen das Band bis zu dem Punkte oberhalb der von der Hütte aus sichtbaren zwei schwarzen Flecke an der Wand. Hier Anlegen der Kletterschuhe und Zurücklassen der Pickel. Sodann ziemlich gerade über die Schrofen empor, rechts von einer Gratrippe bis zum breiten Bande, das schräg durch die Wand gegen die von der Junischarte herabkommende Schlucht ansteigt und einen Anstieg zur Junischarte vermittelt. Dieses Band wird dort betreten, wo es ziemlich steil gegen die Wand geneigt ist und einen gras bewachsenen Riegel bildet. Der Grasfleck ist von der Grasleitenhütte schlecht sichtbar, gut aber vom Wege zum Grasleitenkessel. Der grasige Rücken wird gerade gegen die Wand zu gequert. Wir stiegen zunächst aus der geröllbedeckten Mulde links von diesem Punkte in die Wand ein, wurden aber durch starke Überhänge zirka 20 Meter oberhalb zurückgeschlagen. Der Einstieg erfolgte sodann von jenem Grasrücken aus die steile Wand empor. Sie bietet zunächst gute Griffe und Tritte. Nach wenigen Metern wird sie senkrecht, nahezu überhangend. Griffe und Tritte sind spärlich und außerordentlich klein, aber fest. Die Wandkletterei ist äußerst exponiert. Nach Überwindung der schwersten Stelle wendeten wir uns etwas nach rechts, dann wieder schräg links gegen eine zur Linken befindliche Rippe. Gerade hinauf gegen den nun sichtbar gewordenen Kamin. Diesen schwierig empor, dann über leichtere Felsen schräg links zu einem breiten Sattel. Hier kurze Frühstücksrast Vom Sattel stiegen wir wieder in gerader Richtung hinauf, bis man einen scharfen, parallel zum Gipfelmassiv ziehenden Grat sich abheben sieht. Diesem strebten wir zu und über ihn hinauf zu einem scharfen, schwer ersteiglichen Kopf (sehr exponiert). Zur Rechten zieht eine große Schlucht herauf. Über den Grat, dann Traverse links zu einer Schlucht, die wir bis zum Beginne des zur Gratscharte führenden Kamines verfolgten. Einstieg in den Kamin schwierig. Nach kurzem Aufstiege in demselben kletterten wir, da er sich sehr verengert, rechts heraus und zirka 3 Meter die Wand empor, dann wieder in den Kamin zurück und kurze Zeit in ihm fort, sodann — wenigstens ich, Wenter blieb im Kamine — meist zur linken Seite desselben über gut gestuftenaber brüchige Felsen zur Gratscharte. Von dieser rechts direkt über den steil ansteigenden, scharfen und brüchigen Grat in zirka 20 Minuten zur Spitze.
Hütte ab 6 U. 17, Anlegen der Kletterschuhe 6 U. 32, Scharte zirka 10 U. IO, Gipfel 10 U. 3o. Mehr als 45 Minuten hatten wir mit dem verfehlten ersten Einstiege verloren. Abstieg auf dem gewöhn lichen Wege über den Ostgrat und die Couloirs zwischen Westlicher und Mittlerer Grasleitenspitze, welcher Weg bisher fälschlich als Weg über die Südwand bezeichnet wurde. Der neue Weg führt im allgemeinen etwas schräg von rechts nach links durch die Südwand, rechts von den vom Hüttenplatze aus sichtbaren Rippen. Die erreichte Gratscharte und der Schlußkamin sind von der Hütte sichtbar, der unterste betretene Kamin von hier nicht, wohl aber vom Wege zum Gras leitenkessel. Der neue Weg ist ein reiner Felsweg und nach meiner Beurteilung erheblich schwieriger und exponierter als der sonst übliche über den Ostgrat, aber bedeutend interessanter als jener, bei dem so viel Geröll zu überwinden ist. Er ist der direkteste Weg von der Hütte zum Gipfel der Westlichen Grasleitenspitze und ermöglicht in Verbindung mit dem ersteren eine äußerst lohnende und wohl die kürzeste Überschreitung des Berges. Der Weg ist von uns durch ziemlich reichlich gelegte Steindauben markiert.
Gustav von der Pfordten, Traunstein.
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1903, Folge 635, Seite 127
Datum erste Besteigung:
02.08.1902
Gipfel:
Grasleitenspitze Westliche (Cima Occidentale del Principe)
Erste(r) Besteiger(in):
Pfordten Gustav von der
Wenter Franz