Nordwestwand

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Routen Details:
Cima Su Alto — Nordwest-Wand
Eine der schönsten, kühnsten und großartigsten alpinen Unternehmungen des Jahres 1938 ist unstreitig die Erstersteigung der Nordwest-Wand der Cima Su Alto. Dieser Gipfel gehört zu der mächtigen Felsmauer, welche sich vom Hauptgipfel der Civetta gegen Südwest erstreckt und der sich unmittelbar südlich der gewaligen Cima de Gasperi befindet, welche in Gestalt eines riesenhaften Turmes die Forcella del Lol Grean beherrscht. Die Cima Su Alto wurde zum ersten Male erstiegen von dem bekannten Münchner Kletterern K. Merek und H. Schneider, welche den Aufstieg über die Ostseite durchführlen, das heißt aus dem Val dei Cantoni. Die Westflanke der Cima
Su Alto hatte bisher vielen Bergsteigern allerersten Ranges Widerstand geleistet und mit ihren ungeheuren Überhängen den Ehrgeiz aller jener gedämpft, die Gelegenheit hatten, die prächtige Wand auf ihrer Wanderung durch das malerische Gebiet des Col Grean zu bewundern.
Die Nordwest-Wand der Cima Su Alto gehört wirklich zu den großartigsten Abstürzen der Alpenkette, denn sie ist eine außergewöhnlich ungegliederte Felswand von ungefähr 800 m Höhe. Die Besteigung einer so wundervollen Wand bildete eines der letzten und eindruckvollsten Probleme der modernen Kletterei und sicherlich auch eines der interessantesten, teils wegen der technischen Schwierigkeit, teils wegen der Großartigkeit des Gebiets. Ferner ist auch wohlbekannt, daß die Gruppe der Civetta den größten Komplex von schwierigsten Klettertouren umfaßt, nämlich solche des 6. Grades, nach der jüngsten Schwierigkeitsbemessung. Jetzt sind schon mehr als zwanzig Anstiege des 6. Grades in dieser Gruppe ausgeführt worden, aber dank der seltenen Erhabenheit ihres Aufbaues sind verschiedene andere überaus schwierige Probleme noch ungelöst geblieben. Die kürzlich erfolgte Bezwingung der Nordwest-Wand der Cima Su Alto löste eines dieser letzten Probleme in der Gruppe der Civetta und wurde durchgeführt von zwei Schwarzhemden der Klettergilde Lecco, Vittorio Ratti und Luigi Vitali. Beide haben sich schon durch andere außergewöhnliche Fahrten bekannt gemacht, besonders ersterer, welcher die Erstersteigung der Nordwand der westlichen Rinne, ferner die der Südost-Kante der Torre Trieste, des „Turmes aller Türme", und die erste Besteigung der Nordwand des Pizzo Badile zu seinen alpinen Taten zählen kann.
Diese beiden kühnen Bergsteiger verließen das Rifugio Vazzoler am Morgen des 25. August und als sie am Fuß der ungeheuren Wand standen, beschlossen sie deren Angriff, ungefähr um 1/2 10 Uhr. Nach Überwindung des Sockels der Wand, der keine besonderen Schwierigkeiten bereitete, wurde aber die Kletterei sofort äußerst schwierig. Gegen 8 Uhr abends, nachdem sie in überaus mühvoller und andauernder Arbeit ein gutes Stück der Wand bezwungen hatten, mußten die beiden Kletterer sich auf ein Biwak einrichten in einer Lage, die alles andere als bequem war. Am folgenden Morgen, um 1/2 6 Uhr, wurde die Kletterei wieder aufgenommen und am
Abend des zweiten Tages wurde die Spitze erreicht, nach 55 Stunden, wovon 25 reine Kletterei waren. Das zweile Biwak wurde auf dem Gipfel gemacht und am dritten Tag begannen die Kletterer den Abstieg über den Ostabhang, das heißt in der Richtung des Val dei Cantoni, indem sie sich ungefähr 700 m abseilten, und nach weiteren 50 Stunden im Fels betraten sie als Sieger das Rifugo Bazzoler.
Domenico Rudatis.
Wegbeschreibung
Cima Su Alto — Civetta-Gruppe (Dolomiten von Agordo). Erste Ersteigung über die Nordwest-Wand; Vittorio Ratti und Luigi Vitali aus Lecco.
Wenn man vom Rifugio Bazzler den Pfad zur Forcella del Col Grean verfolgt, erreicht man zuerst die kleine Alm im Piaw della Lora (ungefähr 3/4 Stunden). Immer in der Richtung des Col Grean ansteigend kommt man zu den Schutthalden unter der Nordwest-Wand der Cima Su Alto. Ist die Schutthalde des mittleren Sporns erstiegen, so beginnt, ein wenig rechts vom senkrechten Absturz des Gipfels, der eigentliche Einstieg auf der Kante dieses Sporns.
Hier steigt man aufwärts längs der Kante dieses Sporns, welcher zwei Schluchten trennt, die sich tief in den Sockel der Wand einschneiden. Die ersten 500 m bieten nur mäßige Schwierigkeiten (3. Grad). Angesichts eines charakteristischen rotbraunen Flecks fängt der gewagte Teil der Fahrt an. Wan quert ansteigend nach links ungefähr 50 m (5. Grad) und erreicht den Beginn einer Einsenkung, die man direkt erklimmt, 40 m (6. Grad) und kommt damit zu einem Riß, der die Wand horizontal einschneidet und der oberhalb dieser Platten trägt, welche mit 8 bis 10 m Überhang vorspringen und welche jede Möglichkeit eines direkten Anstiegs ausschließen. Dieser
horizontale Einschnitt wird ausgenützt um etwa 50 in nach rechts zu gelangen (diese äußerst ausgesetzte Querung ist von absolut äußerster Schwierigkeit wegen des Mangels an Griffen und wegen der Unmöglichkeit fest sitzende Mauerhaken zur Sicherung einzuschlagen, womit sie eine der heikelsten Stellen des Anstiegs bildet); am Ende dieser 50 m ist eine Fortsetzung der Querung ausgeschlossen, da der obere Rand des Einschnittes so überhängt, daß ein Aufstemmen der Füße am unteren Rand unmöglich ist. Daher muß man ungefähr 4 m schräg nach rechts ansteigen. An dieser Stelle nun, wo der felsige Wulst des oberen Randes so überhangend ist und das Gestein von solcher Beschaffenheit, daß ein direktes Weilerkommen ausgeschlossen erscheint, hier muß man freiwillig hinauspendeln, um den horizontalen Einschnitt wieder zu erreichen, welcher in seinem weiteren Verlauf die anfängliche Schwierigkeit beibehält (6. Grad — obere Grenze). Noch weitere 10 m Querung in gleicher Schwierigkeit, dann kommt man zu einer Windung, die eine Rast gestattet. Von dieser Stelle steigt man direkt aufwärts etwa 40 m durch eine rissige Verschneidung (6. Grad — obere Grenze), deren Ende eine Platte abschließt, die man mit Mauerhaken bewältigt (6. Grad — obere Grenze). Hierauf wieder 30 m senkrecht aufwärts über eine überhangende und glatte Wand (6. Grad) und noch eine Platte (Gebrauch von Mauerhaken, 6. Grad — obere Grenze); nach weiteren 20 m in gleicher Schwierigkeit erreicht man dann einen
Rastplatz.
Hier beginnt nun der zweite Quergang, bei welchem jedes Sicherungssystem durch die Festigkeit des Gesteins versagt. Nur mit Ausnützung der winzigen Griffe für die Hände gelingt es die 15 m Länge dieser Querung zu bewältigen und die charakteristische, hakenartige Platte zu umgehen, welche man schon vom Fuß der Wand bemerkt.
Man kommt zu einer konkaven Nische, die senkrecht erklommen wird, und zu senkrechten Felsrippen, 50 m (6. Grad), welche unter eine Abdachung führen. Man erklettert sie (Mauerhaken, 6. Grad — obere Grenze) und immer weiter direkt ansteigend über eine glatte Wand immer in äußerster Schwierigkeit, ungefähr 40 m, erreicht man neuerdings eine Platte, welche den Schlüssel zur Ersteigung darstellt. Hier ist weder Querung noch ein Pendeln möglich, mit dem Aufgebot aller Kräfte muß man diese Platte erzwingen, welche nach Art einer Dachrinne ungefähr 5 in vorspringt. Die Beschaffenheit des Gesteins an dieser Stelle ist charakteristisch, es sieht aus wie ein Mosaik aus glatten und winzig kleinen Würfeln, welche keinen Griff für die Hände bieten. Man ist daher zum Steigbaum gezwungen und muß sich einem Haken anvertrauen, der horizontal eingetrieben ist (6. Grad — obere Grenze). Mit äußerster Anstrengung noch weitere 15 m beschwerlichster Überhang (6. Grad — obere Grenze) und dann erreicht man eine plattige Verschneidung deren Verlauf etwa 50 m (6. Grad) zu einer kleinen Nische führt. (Freilager.)
Von diesem Biwakplatz geht es wieder senkrecht empor, ungefähr 60 m (6. Grad — obere Grenze) bis zu einem sehr geneigten Schuttplätzchen, das man seiner Länge nach ausgeht, etwa 20 m, dann kommt man neuerdings unter die überhangende und grifflose Wand. Da man direkt über diese nicht weiter kann, steigt man links schräg an ungefähr 70 m (6. Grad — obere Grenze). Auf diese Weise erreicht man das große Couloir, das sich an der orographisch linken Seite der Wand herabsenkt.
Dieses Couloir, welches den einzig möglichen Aufstiegsweg ergibt und das viele Platten versperren, muß nun zur Gänze durchstiegen werden, etwa 150 m (6. Grad — obere Grenze). Dabei ist zu merken, daß man am Ende des ersten Drittels des Couloirs auf eine prächtige Platte stößt, die man durch ein Loch von etwa 40 cm Durchmesser überwindet und das sich genau in der Mitte der Platte öffnet.
Verwendete Haken: gegen 50.
Davon in der Wand gelassen: 15.
Reine Kletterzeil: 25 Stunden.
Höhe der Wand: etwa 800 m.
Schwierigkeit: 6. Grad — obere Grenze.
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1939, Folge 1206, Seite 166-168
Datum erste Besteigung:
1938
Gipfel:
Su Alto Cima (Hochemporspitze)
Erste(r) Besteiger(in):
Ratti Vittorio
Vitali Germano Luigi