Saar Günther von

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Biografie:
Günther Freiherr v. Saar.
Der Träger eines der klangvollsten Bergsteigernamen, Günther v. Saar , ist im Spätherbst vorigen Jahres in Innsbruck der Grippe erlegen, die gerade unter den Ärzten viele der Besten dahingerafft hat, nachdem sie die Gefahren und Entbehrungen des Weltkrieges glücklich überstanden hatten. Als K.K. Bataillonsarzt schon 1914 in russische Gefangenschaft geraten, verbrachte v. Saar zwei volle Jahre in Sibirien, wobei er in seinem Berufe rastlos tätig sein konnte, und stand dann noch als Korps-Konsiliarchirurg bei der Isonzoarmee. Erst im Frühjahr 1918 kehrte er an die Innsbrucker chirurgische Klinik und zu seiner Familie heim.
Als er im Sommer 1900 dem Vereine als ordentliches Mitglied beitrat, hatte er bereits von Graz aus, hauptsächlich mit seinem alpinen Lehrmeister und Freunde Dr. Viktor Wolf Edler v. Glanvell, zahlreiche schwierige Bergfahrten und Neutouren im Hochschwabgebiet, sowie in den Dolomiten ausgeführt. Schon 1898 bestieg er als Zwanzigjähriger die schwierigsten Gipfel der Palagruppe.
Bis 1903 war er mit Wolf v. Glanvell und anderen Mitgliedern der "Gilde zum groben Kletterschuh" in den Dolomiten und Karnischen Alpen erschließerisch tätig. Über 30 Erstersteigungen oder erste Begehungen von Bergseiten und Graten allein in der Karnia, darunter die Bezwingung des abenteuerlichen Campanile di Val Montanaia waren das Ergebnis.
Von bedeutenden Neuturen seien hier genannt : Nördl. Bullkopf, Dreischusterspitze v. S., Monte Vallon Bianco v. 0., Fanis¬turm, Gr. und mittl. Lagazuoi, Croda Camin, Croda d'Antrilles, n. ö. Vedorchiaturm, Cima di San Lorenzo, N. W. Flanke der ö. Cima Cadin , Cima a Sigaro, Campanile Gambet , Credon di Brica, Cima Fantolina, Cima Montanaia, Cima Meluzzo, S. Grat der Monfalcone di Montanaia und N.Turm der Punta Orticello ; ferner 1. führerl. Überschreitung des Antelao v. S.n N., 1. führerl. Erst. von Col Rosa—Ostwand und Saß Rigais—Nordwand, Ditta di Dio, Pisciadu Nordwand, Antermojakogel Nordwestwand, Östl. Tschierspitze Südwand. In den Steineralpen wurde die Nordwand der Vellacher Baba bezwungen.
Im Jahre 1905 durchstreifte er mit Ämilius Hacker und Hermann Sattler die Gletschergebiete der Klaas-Billenbay in Spitzbergen, wobei zehn der bedeutendsten Berge, darunter der dem Inlandeis entragende Terrier erstmals bestiegen wurden.
Auch als Schiläufer war Saar bahnbrechend tätig. In den Mürzzuschlager und Murauer Bergen, den Niederen Tauern und am Arlberg war er schon vor fast 20 Jahren im Winter zu Hause; 1901 gelang ihm mit K. Domenigg und E. Graff die erste Skitour auf den Großvenediger. Die beiden folgenden Sommer brachten wieder eine reiche Ernte von Neutouren in den Dolomiten, Karnischen Alpen und den südöstlichen Kalkalpen; von diesen in Begleitung von K. Doménigg, Fr. Jos. Gaßner, F. König und H. Sattler ausgeführten Ersteigungen seien hier aufgezählt: die 1800 m hohe Westwand des Sorapiß, N.W.-Flanke der Groß. Kreilspitze, Westl. Vedochia-Nordturm von N., Torre Both von N., Nordwand der östlichen Cima Cadin, Punta Pia (1 Üb. von S.W. nach NO.), Torre Scodavacca, N.W.-Wand der Cima d'Arade, Castellato von W., Grintovc-N.-Wand, Vellacher Kocna-S.W.- Wand und Skuta-N.-Wand.
Nachdem v. Saar zehn Jahre lang fast ausschließlich die schwierigsten Felsberge der Ostalpen besucht und im Felsklettern ganz ungewöhnliche Erfolge zu verzeichnen hatte, drängte es ihn, endlich auch in den großen Gletschergebieten der Westalpen sein Können zu erproben.
1908 kam er zum erstenmal, in meiner Begleitung, in die Schweiz. Wir führten folgende Besteigungen von Viertausendern aus: Alphubel (N.-Grat), Allalinhorn, Nadelhorn—Stecknadelhorn — Hohberghorn — Dürrenhorn — Hohberghorn — (Freilager) ¬Dom, Täschhorn über den Teufelsgrat (1. vollst. führerl. Erst.) und Monte Rosa-Ostwand; ferner Üb. des großen Aletschhorns und Finsteraarhorns.
1911 gelangen ihm mit Dr. Rich. Weitzenböck folgende bedeutende Touren in der Montblanc-Gruppe: Tour noir, Courtes (Üb.) Aig. de Bionnassay (ü. d. Tricotgrat)—Dome du Gouter — Montblanc, Aig. de Grepon (Üb.), Aig. de Petite und Grande Dru (Üb.).
Im Jahre 1913 glückten Saar in der Dachsteingruppe in Gesellschaft von Dr. Paul Preuß einige sehr schöne Neutouren, von welchen wohl die Bezwingung des jungfräulichen Däumlings die bemerkenswerteste ist.
Seine letzten Bergfahrten unternahm er im August 1918 bei herrlichstem Wetter in den Grödener Dolomiten, wobei er fast sämtliche Hauptgipfel der Geisler- und Langkofel-Gruppe auf schwierigstem Wege überschreiten konnte.
In den meisten Jahresberichten des Vereins sind über sämtliche Neutouren v. Saars klare und sachliche Wegbeschreibungen niedergelegt, die stets einen äußerst wertvollen Beitrag zum Tourenbericht bildeten. Zahlreiche Tourenschilderungen und belehrende Aufsätze aus seiner Feder finden sich in den verschiedensten alpinen Zeitschriften, illustrierten Zeitungen und Tagesblättern; in überaus gewinnender und natürlicher Weise wirbt er darin für den sportlichen Alpinismus und alpinen Schilauf, zu dessen vornehmsten Vertretern Günther v. Saar wohl immer gezählt werden wird. In vielen alpinen Vereinen war Saar ein stets gern gesehener Gast am Vortragstisch; eine hervorragende Rednergabe und seine sympathische Persönlichkeit gaben diesen Abenden einen besonderen Reiz.
Trotz vollster Hingabe an seinen ärztlichen Beruf — sein wissenschaftlicher Nachlaß umfaßt etwa 40 Arbeiten medizinischen Inhalts — hat er, auch nach seiner frühzeitig vollzogenen Vermählung, die Freude an frischem Wagen, „an der Bewältigung von Schwierigkeiten und Gefahren, die dem Kühnen Einblick verschafft in die herrlichsten Prunkstücke der alpinen Bergwelt" stets bewahrt. Möge sein Vorbild besonders auch in diesem Sinne sein Vermächtnis an den A.A.V.M. sein.
Hans Pfann.
Quelle: Der Akademische Alpenverein München im Kriege (1914-1918), XXIII. – XXVI.Vereinsjahr, Seite 67-69

Prof. Dr. Günther Freiherr v. Saar (+)
In Innsbruck ist am 11. Dezember nach ganz kurzem Krankenlager Dr. G. Freih. v. Saar einer mit Lungenentzündung verbundenen schweren Grippe erlegen. Diese Trauerbotschaft wird in allen Bergsteigerkreisen aufrichtige Teilnahme erwecken und Saars nähere Freunde mit tiefstem Schmerz erfüllen; war der so plötzlich Verschiedene doch einer der hervorragendsten Hochalpinisten unserer Zeit und zugleich als Mensch von so einnehmendem Wesen, dass er alle Herzen für sich gewann. Saar hat als Stabsarzt den österreichisch-russischen Feldzug mitgemacht und geriet schon früh mit seiner Division in russische Gefangenschaft. Als moderner, erstklassiger Chirurg machte er sich auch in der Gefangenschaft nützlich und gelangte dadurch nicht nur zu einer weit besseren Behandlung als viele seiner Berufsgenossen, sondern es gelang ihm auch, bei einem Gefangenentausch wieder nach Österreich zurückzukommen, wo er sofort wieder ins Feld ging, und zwar auf den italienischen Kriegsschauplatz. Nach Beendigung des Krieges hatte er wieder seine menschenfreundliche Tätigkeit in Innsbruck aufgenommen und hiebei sich in Ausübung seines Berufs den Todeskeim geholt.
Mit Saar verliert die Wissenschaft einen Vertreter, dem eine erfolgreiche Laufbahn sicher war, und in die Reihen der Hochalpinisten reißt sein Tod eine Lücke, die nicht auszufüllen ist. Den Lesern unserer Schriften ist Dr. v. Saar aus zahlreichen Beiträgen bekannt; in der Geschichte der Erschließung unserer Alpen wird sein Name leuchtend fortleben, denn die Zahl bedeutender Türen und bemerkenswerter Erstersteigungen, die v. Saar ausgeführt hat, ist eine sehr große. Möge ihm die Erde leicht sein!
Quelle: Mitteilungen des DÖAV 1918, Seite 155


Gestorben am:
11.12.1918

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