Wagner Eduard

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Biografie:
Zur Erinnerung an Eduard Wagner.
Von C. F. Hofmann, München.

20 Jahre ist er nun tot; unvergessen bleiben seine flammende Genialität und die Macht seiner Persönlichkeit. Einst Prags alpiner Stolz, zählte er in Österreich und in der Schweiz zu den kühnsten Bergsteigern, mit denen nur die Besten gingen: ein Brun, de Beauclair, Drasch, Fickert, A. v. Krafft, Lohmüller, Hans Lorenz, Riepmann, Norman-Neruda, Paulcke, Pfreimbtner, Hans Robert Schmid, Scholl, Wessely u. a. Santner und Purtscheller zogen ihn vertraulich ins Gespräch. Christomannos gesellte sich gern der fröhlichen Runde zu, die sich um Wagner scharte. Fanatisch hingen seine Freunde an ihm, wie auch erahnen unverbrüchliche Treue hielt, überall wurde er Mittelpunkt durch die Inbrunst seiner Bergliebe, durch sein mutiges und dennoch ernst bedachtes Können, durch überwältigende Heiterkeit und überlegene Intelligenz. In den Zillertalern vergötterte, in den Wallisern umschwärmte man ihn. Die Bergführerschaft betrachtete ihn anerkennend als „ihresgleichen". Auf den Höhen war er daheim. Fast scheint es, als ob nur dort seines Wesens Glück ganz gedeihen konnte.
Sieger in Eis und Felswänden, wußte er sich frei im Herrentum.seiner Kräfte. Stadt und Ebene machten ihn zum seelisch zerrissenen Mann, in dem Verstandeskühle, berufliche Gebundenheit, Gefühlsstürme und leidenschaftlicher Unternehmungswille nicht die innerste Geschlossenheit erleben durften. Vielleicht war das ein Kennzeichen seines echt germanischen Geblüts.
Entstammten ja seine Eltern einer urdeutschen Familie aus Kurhessen, von wo Vater Julius Wagner nach 1860 auswanderte. In Prag schuf er mit Franz Waldeck die nachmals berühmte Instrumentenfirma (Waldeck und Wagner), starb jedoch früh, 1875. Der Witwe hinterließ er blühenden Wohlstand, einen hochgeachteten Namen und die Sorge um sieben unmündige Kinder, darunter fünf Buben. Alle waren gescheit, alle wild, am ungebärdigsten der sehr begabte Zweitälteste, Eduard (geboren am 21. Februar 1870). 1880 bezog die Mutter ihr neues Anwesen an der Tonnengasse, dicht bei Breitfelds. Rege Nachbarbeziehungen entstanden, mit ihnen die innige Kameradschaft Eduards mit Karl Breitfeld (jetzt Prager Hochschulprofessor). Seinen wertvollen Mitteilungen über des Freundes Werdegang folge ich zunächst. Beide waren „ungeheuer begeisterungsfähig". Aber Musik, Wilhelm Busch und Goethe kamen sie auf Landschaft und Natur. Karl schwärmte für die Berge und meldete sich 1886 zur Sektion Prag, könnte aber Wagner nicht dafür gewinnen. Dieser, dem Turnen abhold, war so schwindelig, daß er es mied, aus offenen Fenstern des zweiten Stockes auf die Straße zu schauen. Rudersportler, trat er bald der heimatlichen „Fregatta" bei, diente auch seine Militärzeit, bis zum Reserveoffizier, bei den Pionieren ab. Oft und erbittert stritten beide um ihr Ideal: Hie Meer! — Hie Alpen! — Keiner gab nach.
1888 absolvierte Edu — sein gebräuchlicher Rufname — mit Glanz die Oberrealschule. Mathematisch hervorragend veranlagt, belegte er zum Herbst in seiner Vaterstadt die Hochschulfächer für Maschinenbau. Die Ferien zuvor versuchte er sich, nun fast schwindelfrei, von Schladming aus erstmals im Gebirge, nur die Dachsteinvorkämme, mit Führer und — einem ellenlangen Bergstock. Dessen Träger war nicht bekehrt. Trotzdem ließ er sich in die Stüdlsche Sektion einschreiben. 1889 machte er von Seefeld aus die Reiterspitze etwas „angewärmt". Karls Überredung brachte ihn endlich zur Begleitung ins Zillertal, auf die Berliner Hütte. Das schlechte Wetter hinderte an allem; doch betraten sie die Gletscher. Wagners Stunde war da. Die Gegnerschaft wich aufbrechender Entflammung. Breitfeld gebührt das Verdienst, diesen Höhenmeister dem Bergsteigen gegeben zu haben.
Sektion und Stüdl nahmen sich weiter an. In ihrem Bann und Geist erstarkte des Neulings alpiner Feuereifer, daß er sich schon 1890 im Zillertal erproben konnte. Dieses Hochtal, an dem die Prager mit aller Erschließungsliebe hingen, barg eine Fülle ungelöster Aufgaben für frische Draufgängerei. Es ward Edu zum Feld seiner Lehrzeit und Erstleistungen. Erfahrene Männer der Praxis, die trefflichen Führer Hörhager, Moser, Wechselberger, lehrten ihm neben dem sicheren, geübten Schritt die ungewöhnliche Ausdauer, Mäßigung und Vorsicht, die sein allzu heftiges Vorstürmen zügelten. Die gleiche Schule griff auf den jüngeren Bruder August über, der rasch zum ebenbürtigen Gefährten wurde. Jung, tollkühn, urwüchsig, frohgelaunt, waren sie überall willkommen. In Berliner-, Dominikus- und Furtschagelhütte zu Hause, galten sie beim Breitlahner Und auf Roßhag wie die eigenen Kinder. Da geldlich uneingeschränkt, wurden ihre Unternehmungen großzügig, so auch ihre Erfolge. Aus den gemeinsamen Anfangsjahren sind — außer Eduards Feldkopfanstieg aus der Floite — die wichtigsten der Greiner-Hauptgrat in Erstbegehung, die Erstersteigung von Stangenspitze und Thurnerostkamp, später (1893) die berühmte Überschreitung des Tuxer Hauptkammes vom Pfitscherjoch bis Mayrhofen, 14 Gipfel in 42 1/2 Stunden, wobei sich Hörhager nur mehr als Freund beteiligte. Die Brüder fühlten sich ausgelernt und beschlossen das Gehen ohne Führer. Ihr Gesellenstück war die große Grat-Überwanderung der Gelltalerkette 1893. Nun gab's kein Halten mehr, besonders für den Älteren. Die Zillertaler blieben ihm ein Herzensgebiet, das er bis in alle Winkel und Kare so gründlich durchmaß wie selten einer. Doch er strebte weiter. Wochenlang studierte er im Herbst, von Stabeler begleitet, mit bewußtem Ernst die Dolomiten. Dabei erwarb er sich die hohe Meisterschaft seiner nie versagenden Fels- und Gletschertechnik. Durch sie ward er zum unbedingten Vertreter führerlosen Steigens, einer damals im Alpinismus neu erwachten, früh bereits durch Zsigmondy, Purtscheller, Blodig u. a. verkörperten Richtung. Klein, aber auserlesen war die Schar ihrer Anhänger. Die Akademischen unter ihnen bevorzugten in jener Zeit Geisler- und Langkofelgruppe. Den alljährlichen Sammelplatz St. Ulrich im Grödnertal machten sie zum Hort hellster Lebensfreude. Dorthin paßte Wagner. Ihm lag diese straffe Hochsteigerung aller Kräfte, das selbständige Wagen und Gelingen schwierigster Ziele. Der nächste Sommer sah ihn wieder in den Dolomiten, fast täglich einen Gipfel oder eine scharfe Kletterei bestehend. Seit Oktober 1894 Student in Zürich, glückte ihm bald darauf (im August 1895) die Langkofel-Nordostwand mit dem Wiener Dolomitenkenner Hans Lorenz. Als Erste „auf dem heißumstrittenen Riesen, wurde hier ein Freundschaftsbund fürs Leben geschlossen". Sie sind „unzertrennliche Freunde geblieben in Freud und Leid" (Prof. Dr. Lorenz in seinem ergreifenden Nachruf 1913). Die beiden wurden ein Dioskurenpaar alpiner Taten. Als deren bedeutendste wären zu nennen die Erstbezwingung der Nordwände von Grohmannspitze und Villnösserturm, die gefährliche Grattur Langkofeleck—Langkofel und eine Neihe an Erst» und Nachstiegen, solange sie seltenes Erlebnis waren. Da die Dolomiten juristisches Allgemeingut zu werden schienen, wandten sich die Führerlosen den Wallisern zu, um sie von Zermatt aus zu durchstreifen. Wagners stürmischem Wesen entsprach die wilde, ursprüngliche Pracht der Westalpen, die ihn zu höchster Verwegenheit aufstachelte. Das führerlose Gehen auch in der Schweiz zu stützen und auszubreiten, gründete er mit dem heutigen Luzerner Chirurgen Dr. Hans Brun, einem ausgezeichneten Hochalpinisten, und mehreren Gleichgesinnten den Akademischen Alpenklub Zürich. Tapferes Vorkämpfen ging von ihm aus; er hob Kletterkunst und -leistungen zur Überwindung ungeahnter Schwierigkeiten. Teils erfuhr er böse Anfeindung, ja offenen Hohn, und hatte schlimme Zeiten. Immer neu riß Wagner dann empor, ein echter Stüdl-Schüler, der aufopfernd half, dem jungen Verband gute Innenorganisation, Hüttenbau und Achtung nach außen zu erringen. Prof. Dr. Paulcke leitete dort in seinen Studentenjahren die „ersten alpin wertvollen Bierzeitungen". Aus seinen mir so liebenswürdig übermittelten Angaben schimmert die Erinnerungsfreude an den übersprudelnden Witz und Humor im Klub. „So etwas an sorgloser Fröhlichkeit und wirklich köstlichen Einfällen hat es nie wieder gegeben, und da war Edu die Seele des Ganzen." Wie hätte es anders sein können bei diesem funkelnden Heißsporn, der lachend, aus dem Vollen schöpfend, die Welt zu nehmen wußte. Treffer um Treffer warf sie ihm auch in der Schweiz zu, teils wahre Crstglanzstücke, wie die Nordwanderoberung der Großen Windgälle mit Hans Brun, das Täschhorn über den Teufels-, das Finsteraarhorn über den Südgrat, den Oberalpstock von der Westflanke her. Zermatt und sein mächtiger Firnkranz wurden Eduard zur halben Heimat. Wenige Gipfel mögen hier sein, die er nicht betrat, Sommers oder Winters. Er stand auf Bietschhorn, Obergabelhorn, siebenmal auf dem Matterhorn, worunter sein führerloser Erstsieg mit Lorenz über den Zmuttgrat. Mit Schiern grüßte er den Neujahrstag 1899 vom Breithorn. Das Weißhorn erstieg er über den „herrlichen Schalligrat" (Lorenz). Nicht aufzuzählen, was alles hochalpin auf Wagner fällt. Viel davon ward unter Hindernissen erkämpft. Oft forderte das berüchtigte „Eduwetter" die Umkehr. Nie erzwang er dann Unmöglichkeiten, obwohl er gefaßte Pläne nicht, ließ, sondern mit unheimlicher Energie wiederholte bis zum Gelingen. Daß er selbst in hinjagender Begeisterung die Besonnenheit nicht verlor, war die Größe seines außerordentlichen Talents. Damit bewahrte er sich und andere bei aller Waghalsigkeit vor Abstürzen, wie es so manchen der Kameraden traf. Bewundernd spricht Fräulein Olga Stüdl von seinem Meisterunterricht, den sie in harmlos heiterer Jugendfreundschaft auf gemeinsamen Kletterfahrten erhielt. Bestimmt erhofft sie in Wagners Onkel Heinz, der in ihrer herzensgütigen Erziehung aufwächst, ein Wiedererblühen dieses gewaltigen Talents. Sie hat ja selbst miterlebt, wie leidenschaftlich es Wagner nach den Bergen drängte. Im großen Zug hat er sie all die Jahre durch genommen, bald da, bald dort, mit dem, mit jenem steigend. Unersättlich ihrer kühnen Bilder, raffte er Bergschönheit in sich. Wie tief sie sein Eigen geworden, sagte er den wenigsten. Er war karg mit Vorträgen, karg mit seiner Feder. Nur vereinzelte Skizzen und eine Schilderung des Thurnerkamps weiß man gedruckt von ihm. Die Tat als solche galt ihm mehr denn ihre erinnernde Wiedergabe. Vielleicht war es nicht der Sinn seiner Art, seinen Erfolgen den Neichtum des Wortes anzufügen.
Er hatte jung geheiratet und dankte seiner Frau, einer Schweizerin, zwei Kinder, die er abgöttisch liebte. Mit gleicher Zuneigung hing er an seiner Mutter. Als sie nach Wien übersiedelte, war er ihr nachgezogen (1899). Der Stadt verhaftet, trieb die Sehnsucht nach ungebundenem Wandern und Höhengefahr. Unstet schrie das Blut. Er, der Gegenwartsmensch, verbrauchte sich daran. Das Herz zeigte sich der riesigen Turenüberanstrengung weiter nicht gewachsen. Bergverzicht drohte diesem Mann, dem Führer Führerloser, der im Settionsausschuß der „Austria" saß und als Besonderheit die Ehrenmitgliedschaft des Züricher Klubs tragen durfte. Bergverzicht für den tollen Draufganger, der nicht leben konnte ohne Wagnis und Gletscherluft! Da wandte er sich dem alpinen Vallonfahren zu, förderte noch den Verein für Tiroler Luftschiffahrt, errang das internationale Führerdiplom und überflog als einer der Anfänglichen im Herbst 1912 die Zentralalpen — die letzte Höhenleistung. Lungenkrebs durchwucherte den Körper. Alle Ärztekunst des eigenen Bruders und des treuesten
Gefährten Lorenz war umsonst. Sie konnte lindern, nicht retten. Trotz sorglichster Pflege ging es schnell zu Ende. Im März 1913 starb der Kranke, erlöst von Qualen und Ruhelosigkeit.
Viel war ihm gegeben gewesen. Seinen heißesten Wunsch nahm er ungestillt mit sich — als Leiter einer Expedition die Hochgebirge ferner Länder zu durchforschen. Nicht das Meer seiner Knabenträume, die Berge waren Sieger geblieben in Eduard Wagner.
Quelle: Mitteilungen des DÖAV 1934, Seite 56 - 58

1890 Beg.Feldkopf aus der Foite, (Zillertaler Alpen)
1891 1.Best.Hintere Stangenspitze von der Kasseler Hütte,3225m, (Zillertaler Alpen)
1891 1.Best.Turnerkamp-Ostgipfel über Ostgrat,III,3418m, (Zillertaler Alpen)
1891 1.Überg.Kleiner Greiner,2958m, zum Großen Greiner,3201m, (Zillertaler Alpen)
1891 1.Beg.Hintere Stangenspitze von Westen von der Kasseler Hütte,60°,3227m, (Zillertaler Alpen)
1893 1.Best.Vordere Stangenspitze,3127m, (Zillertaler Alpen)
1893 1.Best.Hohe Weiße,3278m, (Texelgruppe)
1893 1.Überschr.Tuxer Hauptkamm-vom Pfitscherjoch bis Mayrhofen,14 Gipfel, (Zillertaler Alpen)
1893 Überschr.Gelltaler Kette, (Rieserfernergruppe)
1895 1.Beg.Langkofel-Nordostwand "Lorenz-Wagner",III,1000 HM,3178m, (Langkofelgruppe)
1895 1.Beg.Grohmannspitze-Nordwand "Lorenz-Führe",III,450 HM,3126m, (Langkofelgruppe)
1896 1.Beg.Langkofel-Südostgrat vom Langkofeleck zum Langkofel-Hauptgipfel,3181m,
(Langkofelgruppe)
1896 1.Best.Langkofel-Südwestseite "Gletscherscharte",III,800 HM,3181m, (Langkofelgruppe)
1896 1.Beg.Cima delle Pòpe-Mittelgipfel-Ostflanke,2780m, (Rosengarten)
1896 1.Beg.Sass da Lec-Südwestgrat "Lorenz",II,2935m, (Meisulesgruppe,Sella,Dolomiten)
1896 1.Beg.Villnössner Turm-Nordwand "Arvay-Lorenz-Wagner-Führe",IV,2830m,
(Geisler-Gruppe,Dolomiten)
1898 Best.Süd Lenzspitze,4294m, (Walliser Alpen)
1898 Best.Nadelhorn,4327m, (Walliser Alpen)
1899 1.Skibest.Zermatter Breithorn,4163m, (Walliser Alpen)
1904 1.Beg.Lyfihorn-Nordwestgrat,3370m, (Ortleralpen)
1904 1.Beg.Lyfihorn-Ostgrat,3370m, (Ortleralpen)
1909 1.Beg.Maukspitze-Südgrat,2231m, (Wilder Kaiser)
Beg.Matterhorn-Nordostgrat ?Zmuttgrat?,IV,4478m, (Walliser Alpen)
Beg.Täschhorn-Teufelsgrat,4491m, (Walliser Alpen)
Best.Bietschhorn,3934m, (Walliser Alpen)
Beg.Weißhorn "Schalligrat",4505m, (Walliser Alpen)
1.Beg.Groß Windgällen-Nordwand,IV+,880 HM,3187m, (Glarner Alpen)
Beg.Finsteraarhorn-Südgrat,4274m, (Berner Alpen)
Beg.Oberalpstock-Westflanke,3328m, (Glarner Alpen)

Quelle: Gerhard Schauer, Isny im Allgäu

Geboren am:
21.02.1870
Gestorben am:
03.1913

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