Südostgrat

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Routen Details:
Aber die träge Ruhe war nicht nach meinem Geschmack und nach 25 Minuten erhob ich mich, um wenn möglich auch noch den Glödis zu ersteigen. Pfeilschnell, in sitzender Lage, was bei erweichtem Schnee allein möglich, glitt ich über die steilen Hänge hinab und durchmusterte genau die gegen Osten überaus wild, zum Theile völlig senkrecht abstürzenden, lawinendurchrissenen Wände des Gipfels. Düsteres Gewölk jagte über seine oberste Zackenkrone und Hess die schwarzen, drohenden Klippen um so furchtbarer erscheinen.
Die Ausspähung des Terrains hatte mich ca. 300 m unterhalb des Glödisthörl hinabgeführt; jetzt musste ich über eine ebenso hohe Schneelehne in nordwestlicher Richtung emporsteigen. Tief ausgetretene Staffeln bezeichneten meine Spur, aber jede Müdigkeit schien gewichen, denn der endliche Sieg konnte nicht zweifelhaft sein. Ich hielt mich wegen der Lawinengefahr ziemlich hoch in der Nähe eines vom Gipfel südöstlich herabziehenden Felsgrates; später sollte die Bergwand gequert und die sehr steil nach Osten abdachenden Plattenlager erklettert werden. Meine Befürchtung war, dass sich die Spitze einnebeln und mich zum Rückzuge nöthigen könnte. Plötzlich wurde die Stille durch ein lautes Krachen unterbrochen; es war ein riesiger Felsblock, der sich oben vom Gipfel abgelöst und in gewaltigen Sätzen und mit zahlreichen.Steinen über die Rinne herabgestürzt war, über die ich den Weg nehmen musste. Dies diente mir als ein Fingerzeig, die Rinne so rasch als möglich zu kreuzen und Einrisse und Kamine zu meiden. Indessen näherte ich mich den Felsen, mit möglichster Eile querte ich das gefährdete Terrain, wobei ich mich überzeugte, wie sehr hier die Zerklüftung und Abbröckelung des Berges vorgeschritten war. In der Rinne polterten fortwährend Steine, auch ein Bach stürzte hier herab, ein neuerlicher Beweis, dass dort, wo Wasser fiiesst, auch Steine den Weg zu nehmen pflegen. Nun stand ich an der bedenklichsten Stelle des Anstieges, vor der Plattenwand, doch waren die Hindernisse nicht unüberwindbar. Wohl erforderte jeder Schritt äusserste Vorsicht und Ruhe, jeder Vorsprung und Haltpunkt musste erst genau geprüft werden, und wenn auch da und dort das Fortkommen sehr schwierig schien, so fand sich doch immer wieder ein Ausweg. Erstaunt war ich, zwischen den steil aufgerichteten Schichten und Klippen eine reich entwickelte, blühende Alpenflora zu finden Lichtverklärtes Vergissmeinnichtblau, die Veronica alpina, die Gletschernelke, das Erigeron uniflorus, zierten den todten Felsen. Zusehends rückte ich dem Gipfel näher, die grosse Steilheit förderte das Fortkommen, nun kam der massive, etwa 1 1/2 m hohe Steinmann in Sicht, und um 2 Uhr 10 Minuten stand ich auf dem erstrebten Ziele. Hinter dem Steinmanne, auf der Nordseite, wölbte sich ein ca. 4 m hoher und 10 m langer Schneewall, den die Winter- und Frühjahrsstürme hier angehäjuft hatten. Rasch war auch dieser Schneewall erstiegen, um auch einen Blick in das Lesachthal werfen Aber zu einem längeren Aufenthalte — ich blieb nur 5 Minuten — waren die Witterungsverhältnisse nicht geeignet. Es tröpfelte und in jedem Augenblicke konnte mich der Nebel gänzlich einhüllen. Der Glödis gehört zu jenen seltenen, genau symmetrisch aufgebauten pyramidalen Gipfelzinnen, die, wo immer man dieselben erblicken mag, durch ihre schöne, regelmässige, scharf zugespitzte Form auffallen. Die vier nach den Zwischenhimmelsrichtungen gestellten Gratkanten laufen, mit Ausnahme des Nordgrates, der sich etliche Meter unterhalb des höchsten Punktes verflacht, genau auf der Spitze zusammen. Zwei Wochen später (10. August) wurde der Glödis von den Herren Dr, H. Helversen und JE. Philipp vom Lesachthal über den an der Nordwestseite'des Gipfels eingebetteten Gletscher uod den Südwestgrat und vier Tage darauf von den gleichfalls vom Lesachthal über das Kalserthörl im Vereine mit dem Hochschober erstiegen.')
Die erste Ersteigung des Gipfels führten, wie eine von der ersteren Gesellschaft aufgefundene Karte belehrte, die Herren Hutter und J. Pöschl am 13. Juli 1872 aus, welch letzterer damals so manche andere noch unbetretene kühne Spitze erkletterte. Der Abstieg erfolgte, da ich die alte Route nicht mehr einschlagen wollte, über den Südostgrat, der den natürlichsten Weg auf den Glödis darbietet. Anfänglich ging es rasch bergab, aber nach 10 Minuten hemmte eine tiefe, unüberschreitbare, quer in den Bergrücken eingerissene Schlucht das Vordringen. Es erübrigte nichts Anderes, als das Hinderniss links in der Richtung des alten Weges zu umgehen. Nachdem, ich etwa i5om abgestiegen war, steuerte ich wieder rechts auf den Felsgrat hinaus, der sich an seiner Südwestseite ziemlich sanft abdacht. Oberhalb setzt der Grat, beziehentlich die Felswand, hinter der sich die Schlucht eintieft, in röthlichen Abbruchen fast senkrecht ab, dieselben bilden ein gutes Kennzeichen beim Anstieg; von hier hätte man sich also rechts (nordöstlich) zu wenden.
Ein nach SW. abfallendes Schneefeld von beträchtlicher Ausdehnung nahm mich auf, dann betrat ich ein umfangreiches Blockkar, welches rechts mit der tief verschneiten Einsenkung des Kalserthörls, 2803 m, zusammenhängt. In diesem Blockkar fiel mir ein ca. 1 1/2 m im Durchmesser zählender rundlicher Block auf, der auf der faustgrossen Fläche eines anderen grossen Blockes aufruhte. Bei dem geringsten Kraftaufwande hätte ich denselben herabstürzen können, die Blöcke berührten sich nur an drei Punkten, und zwischen den Berührungspunkten leuchtete das Tageslicht durch. Die Ursache dieser eigenthümlichen Lagerungsverhältnisse der zwei Blöcke ist wohl in der einstmaligen Gletscherwirkung zu suchen. Um 4 Uhr 3o Minuten, also zwei Stunden nach Verlassen des Glödis, betrat ich wieder die Hütte der Hofalpe.
Herren G. Qeyer, J. Hossinger und einem Rheinpfälzer Touristen zu können.
Quelle: Zeitschrift des DÖAV 1891, Seite 304;
Datum erste Besteigung:
25.07.1890
Gipfel:
Glödis
Erste(r) Besteiger(in):
Purtscheller Ludwig
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