Nordwand

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Routen Details:
Künzelspitze (2307m). I. Ersteigung über die Nordwand am 29. September 1903.
Mit Ing. Hugo Rhomberg ab Bad Hopfreben im Bregenzerwalde 6 U. früh. Zum Badhause hinab und in Ermanglung eines Steges die hier seichte Bregenzerache oberhalb ihrer in der Spezialkarte deutlich eingezeichneten scharfen Biegung durchwatend auf das linke Ufer, wo ein versteckter Fußpfad über die bewaldete, steile Böschung zu den Almböden und von dort südlich weiter über einen sehr steilen Schutthang zur höchsten Alpe führt. Nun über die steilen Grashänge zum Kar „zwischen den Künzel« (man unterscheidet Hochkünzelspitze [2307 m] und Niederkünzelspitze [2153 m); 2 Stunden.
Trinkwasser erhält man am Eingange ins Kar, aus dem ein Bach der Ache zufließt, und noch weiter oben links in den Felsen.
Nach halbstündiger Rast stiegen wir gegen den nietenförmigen großen Turm auf der Südseite des Künzeljoches an. Beim Beginne der steilen Schuttreise, die sich als Rinne bis in die Scharte auf der Südseite des Turmes fortsetzt, schwenkten wir links ab zu den Felsen der etwa 400 Meter hohen Nordwand der Künzelspitze.
Einem teils überhangenden Wandgürtel entlang in die große Rinne, 9 U, 20. Dieselbe hat vier Steilstufen. Die erste (eingeklemmter Block) wird am besten rechts umklettert, die zweite und dritte nimmt man direkt, und bei der vierten schlüpft man hinter einem eingeklemmten Blocke durch, worauf man ein breites, in die Wand hineinführendes Schrofenband betritt (eine halbe Stunde). Etwa zwei Seiilängen östlich schwach ansteigend, dann direkt aufwärts über leichte Schrofen auf die zweite Terrasse.
Von dieser durch einen hübschen 10 Meter hohen Kamin auf die dritte Terrasse. Über festen, plattigen Fels stiegen wir nun direkt zu der steilen Schlußwand, die uns immer mehr westlich drängte. Eine senkrechte, schwierige und ausgesetzte Stufe brachte uns auf eine kleine Schutterrasse, auf der ein auffallender spitzer Felszacken steht, hinter dem man gut sichern kann. Eine Seillänge weiter östlich kletternd (brüchiges Gestein), erreichten wir die Ostschulter des langen Gipfelgrates und über letzteren leicht die Spitze (3 Stunden 40 Min. vom Einstiege).
Auf dem markierten Wege nach Südwesten hinab und über das Künzeljoch nach Hopfreben zurück (2 Stunden 30 Min.).
II. Ersteigung über die Nordwand auf teilweise neuem Wege am 23. Oktober 1904.
Mit Herrn Christian Goetzger-Lindau am 22. Oktober nachmittags 3 U. ab Bregenz mit der Bregenzerwaldbahn nach Bezau und von dort (ab 5 U. 45) auf dem Zweirade nach Hopfreben (an 8 U. 20). Erst kurz vor Hopfreben, wo der Weg steil zur Villa Maund hinaufführt, muß das Rad auf kurze Zeit geschoben werden.
Am 23. Oktober früh 4 U. ab Hopfreben. Wie früher ins Kar „zwischen den Künzel", dann noch auf den Ostgrat der Niederkünzelspitze (3 Stunden) behufs photographischer Aufnahme der Hochkünzelnordwand. 9 U. Einstieg in letztere und auf der alten Route bis auf die dritte Terrasse (1 Stunde). Nun etwa 10 Meter gerade empor und auf gutem Felsbande nach rechts in die plattige Rinne und zum Fuße des mächtigen Kamins, der schon von Hopfreben aus mit freiem Auge sichtbar ist. Er besteht aus fünf senkrechten Stufen, deren Gesamthöhe etwa 30 Meter beträgt.
Während die unteren drei Stufen, von denen die erste leicht an der plattigen Wand rechts umgangen wird, keine besonderen Schwierigkeiten bieten, sind die obersten zwei ziemlich schwierig. Die vierte hat sehr kleine, spärliche Griffe und Tritte und wird am besten stemmend und spreizend überwunden (Kletterschuhe). Durch ein Felsfenster, an dem man sich gut abseilen könnte, gelangt man zum Fuße der letzten und schwierigsten Stufe, die über die östliche Kaminwand bezwungen wird, wo zuoberst ein guter Griff für die linke Hand ist, mittels dessen man sich über den Überhang hinaufstemmt.
Man verläßt den Kamin über ein plattiges Felsband nach Westen und klettert zunächst in plattigem, schönem Fels, der in brüchige Schrofen übergeht, schräg rechts steil auf einen nördlichen Seitengrat, den wir etwa 80 Meter unter dem Gipfel betraten; 12 U. 25 bis 12 U. 45. Wir bauten hier einen Steinmann und versahen denselben mit einem Fetzen roten Tuches. Um 1 U. erreichten wir den Gipfel.
Auf dem gewöhnlichen Wege in 2 Stunden nach Hopfreben zurück und auf dem Zweirade in 1 Stunde 30 Min. bis Station Schwarzenberg der Bregenzerwaldbahn.
Als prächtiger Aussichtsberg ist die Künzelspitze längst bekannt, doch wurde sie infolge ihres entlegenen Standpunktes, vielleicht auch wegen der Nähe des berühmteren und was Aussicht anbelangt auch lohnenderen Widdersteins (2554 m) bisher verhältnismäßig selten besucht. Dank der Bregenzerwaldbahn liegen die Verhältnisse nun günstiger, so daß man die Tur unter Zuhilfenahme des Zweirades von Bregenz aus bequem in 1 1/2 Tagen und, wenn es nicht anders geht, auch in einem Tage machen kann. In letzterem Falle empfiehlt es sich, in Schoppernau zu übernachten und durch das Grasalpental an zusteigen.
Wer über mehrere Tage Zeit verfügt, der steige von der Künzelspitze ins Metzgertobel ab, wo er in der sauberen Alphütte des Leo Türtscher gute Aufnahme findet. Vom Metzgertobel aus lassen sich mehrere sehr lohnende Türen ausführen, so die Überschreitung des Kammes Bratschenwand—Hirschenspitze und zur Freiburgerhütte, Hochlichtspitze—Löffelspitze—Braunarlspitze—Kleinspitze und nach Lech oder über den Spulersee nach Langen. (Siehe „Hochturist", Band 1.)
Die Ersteigung der Künzelspitze über die Nordwand gehört zu den schönsten Kletterturen in den Lechtaler Alpen.
Viktor Sohm-Bregenz
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1905, Folge 690, Sete 164-165


Datum erste Besteigung:
29.09.1903
Gipfel:
Hohe Künzel (Hochkünzelspitze)
Erste(r) Besteiger(in):
Rhomberg Hugo
Sohm Viktor