Sild Hanns
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Biografie:
gestorben in Wien (Österreich)
Der Wiener Rechtsanwalt Dr. iur. Hanns Sild (1880–1937), auch: Hans Sild, Hannes Sild, Johannes Sild. Er war der Ehemann der bekannten Bergsteigerin Cenzi von Ficker (1878–1956), geborene Tschafeller. Das Ehepaar hatte drei Söhne: Ulrich „Uli“ Sild (1911–1937), Hans Henning Sild (1914–1943) und Meinhart Sild (1918–1944).
Wikipedia
Dr. Hanns Sild (+)
Am 15. November 1937 ist Dr. Hanns Sild einem schweren Leiden erlegen. Mit ihm ist ein edler Mensch, ein hervorragender Bergsteiger, ein tapferer Heimatschützer dahingegangen, der besonders in Innsbruck und Wien beliebt und bekannt war in akademischen wie Sportkreisen. Außer heimische Alpengipfel besuchte er auch mit seiner Frau — Zenzi v. Ficker, der Uschbabesitzerin — den Kaukasus. Seine kühnste Tat war aber die Verteidigung der Sextner Notwand, deren Eroberung den Italienern nicht gelang, so sehr sie sich darum bemühten. Dabei erhielt der mehrfach ausgezeichnete Kaiserjäger-Offizier Hanns Sil d einen Lungenschuß. Ein
schwerer Schlag, der sicher zu seinem Siechtum beigetragen hatte, traf ihn durch den Tod seines ältesten Sohnes Uli, in den Bergen. Nun ist er ihm gefolgt, zum Schmerze seiner Familie und seiner vielen Freunde, die des kerndeutschen Mannes und guten Menschen treu gedenken,
werden.
Quelle: DÖAV Mitteilungen 1938, Seite 41
Dr. Hanns Sild
Das Jahr 1937 hat zwei der besten Männer dem Ö.A.K. entrißen. Vater und Sohn Sild.
Uli, der Junge, fiel im Kampfe mit dem Berg im Frühling, Vater Hannes verließ uns im späten Herbst. Ihn hat leider nicht ein gütiges Schicksal jenen frohen raschen Tod finden lassen, der seiner heldischen Natur entsprochen hätte, als Soldat oder Alpinist im Ringen mit übermächtiger Kraft.
Hannes Sild war nicht nur landläufig gesprochen ein Leid, er war es voll und ganz, im wahrsten Sinne des Wortes.
Jenen, die wohl seinen Namen, ihn aber nicht persönlich kannten und von seinen Taten hörten, mögen diese Zeilen als schwacher Versuch erscheinen, ein Bild von diesem Manne zu geben, der aus dein besten und seltensten Holz geschnitzt war. Ein Streiflicht über sein Leben soll dieser letzte Gruß an einen meiner liebsten Freunde sein, den ich vor einem Menschenalter in den Bergen kennenlernte, eine Erinnerung für alle seine Freunde, ein Mahnruf zur Nacheiferung für unsere deutsche Jugend.
Sild stammte aus einer altbürgerlichen Wiener Familie, die in seiner Jugendzeit wenig Wert auf körperliche Übungen legte. Seine Kraftnatur aber forderte Betätigung von seinem starken Körper: er wurde Schwimmer, Turner, glänzender Fechter. Es erfüllte sich ihm eine große Sehnsucht, als er im Maturajahr den Großglockner mit Führer besteigen konnte. In Innsbruck, wo er 1906 seinen Studien oblag, trat er dem Akademischen Alpenklub bei. Damit begann seine eigentliche Bergsteigertätigkeit. Wir finden ihn als eifrigen Kletterer im Karwendel, in den Kalkkögeln, im Wetterstein, in den Dolomiten, als beginnenden Gletschermann in den Stubaiern und Ötztalern.
1908 vermählte er sich mit der allbekannten Alpinistin Cenzi v. Ficker, die sein alpines Leben in große Form brachte. In diesem Jahre wird gemeinsam unter anderem der Grubenkargrat, die Grubenkarspitze bestiegen. 1909 erstieg Sild das Matterhorn. Für 1910 war eine Fahrt in den Kaukasus geplant. Wegen der in Südrußland herrschenden Cholera wurde die Expedition verschoben und nach Amerika gereist. 1911 kamen die Dolomiten wieder an die Reihe, 1912 war hauptsächlich den Winterhochturen auf Skiern in den Zentralalpen und Norwegen bestimmt, wo der Slogen und die Skahla bestiegen, der Hardangergletscher befahren wurden.
1913 wird der Kaukasus besucht. Frau Cenzi will ihren Mann die vor zehn Jahren begangenen Wege führen. Von Datum geht die Fahrt über Kutais nach dem Lailapaß und dem Lailagipfel, sodann nach Swanetien, über Betscho nach dem Bagsantal und dem Elbrus, der bis zur Scharte (5200 m) bestiegen wird. Zurück nach Swanetien über den Dongusorunpaß, nach Norden ein Ausflug auf den Zannergletscher und -Paß, sodann über den Latparipaß zurück nach Kutais. Die weitere Reise geht nach Samarkand, zurück über die südliche Kaspisee an die anatolische Küste und über Konstantinopel heim.
Ich lernte Hannes auf der Kleinen Zinne am 4. August 1908 kennen. Ich wollte eben durch den Zsigmondykamin mit Seilhilfe herabklettern. Das doppelt genommene Seil reichte jedoch nicht. Da rief jemand von unten herauf: „Längen Sie das Seil einfach an und kommen Sie herunter. Wir benützen es hinauf und machen es dann los."
„Wer ist denn unten?"
„Doktor Sild mit Gefährten! Und oben?"
„Leutnant Rosman allein!"
Wir reichten uns auf luftigem Stande flüchtig die Hände.
1910 erneuerten wir unsere Bergbekanntschaft in Floridsdorf im gastlichen Haus Am Spitz, wo mein Bruder, der
mit Familie Ficker und Dr. Sild von Innsbruck her befreundet war, häufig zugegen war. Eine Reihe gemeinsamer Bergfahrten gehört zu meinen schönsten Erinnerungen.
Der Weltkrieg warf seinen Brand zwischen die Völker.
Hannes Sild, der wegen eines fast erblindeten Auges nicht beim Militär gedient hatte, war unter den ersten, die sich freiwillig zum Kriegsdienst meldeten. Wenn er jemals „Protektion" in Anspruch genommen hatte, so war es damals, um nur überhaupt und rasch an die Front zu kommen. Geradezu lästig wurde er wegen seines Protektionshaschens, und die Türschnallen und Fernsprecher bei meinen Brüdern, die zu Kriegsbeginn in Wien auf einflußreichen militärischen Posten waren, wollten nicht zur Ruhe kommen, so dringend war dem Hannes das Einrücken.
Endlich hatte er es erreicht. Er kam zum 1. Tiroler Kaiserjägerregimentskader nach Innsbruck zur Ausbildung und anfangs 1915 auf den russischen Kriegsschauplatz.
Nun geschahen seine ersten militärischen Taten in rascher Aufeinanderfolge. Sie sind um so höher zu werten, weil sie nicht in den Bergen erfolgten, ein dem Alpinisten vertrautes und geliebtes Gebiet, sondern in den düsteren galizischen und russischen Niederungen, die uns Alpenmenschen unheimlich abstießen und deren Anblick uns das Herz umdrehte vor Sehnsucht nach den Bergen.
Am 2. Mai 1915 vollführte er als Fähnrich seine erste große militärische Tat, die ihm am 9. Juni die goldene Tapferkeitsmedaille brachte, die höchste Auszeichnung im österreichisch-ungarischen Heer für einen Angehörigen des Mannschaftsstandes, der er als Fähnrich war.
Ich will jetzt seinen Regimentskommandanten, den damaligen Generalstabsobersten und jetzigen ungarischen General der Infanterie v. Soos, sprechen lassen. Ich könnte keine schöneren Worte finden, als die des nüchtern denkenden Vorgesetzten, der nichts von dem Menschen Sild wußte, sondern nur den unbekannten Fähnrich beurteilte:
„Fähnrich der Reserve Dr. Hanns Sild der 9. Komp, des 1. Tiroler Kaiserjäger-Regiments steht seit Jänner dieses Jahres freiwillig im Frontdienst vor dem Feinde. Von edler Begeisterung für Kaiser und Vaterland beseelt, verrichtete Fähnrich Dr. Sild mit geradezu bewundernswerter Kaltblütigkeit und Tapferkeit eine Reihe schwieriger und glänzender Waffentaten.
Als am 2. Mai 1915 der linke Flügel der 9. und Teile der 5. Komp, in der Hufeisenstellung (Offensive Gorlice. Anmerkung der Schriftleitung) einbrachen und hart an einem noch besetzten russischen Schützengraben in dessen Verlängerung von diesem flankiert und mit Handgranaten beworfen, in sehr gefährlicher Lage angelangt
waren, Mann für Mann fiel oder schwer verwundet wurde, sammelte er aus eigener Initiative die noch überlebenden Leute und führte sie mit äußerster Kühnheit zu einem Gegenstoß gegen den russischen Gegenangriff.
Durch diese außergewöhnlich beherzte und kühne Tat wurde nicht nur der beinahe erschütterte Flügel wieder hergestellt, sondern auch in der Folge zähe behauptet, so daß der Feind schwerste Verluste erlitt.
Fähnrich Dr. Sild hat hiedurch zweifellos sein Bataillon aus kritischer Lage mit glänzendem Erfolg herausgerissen.
Im Felde, 20. Mai 1915.
Soos m. p., Oberst.
Goldene! 9.6.1915. Erzh. Joseph Ferdinand m. p., G. d. J."
Ich habe bald danach mit Offizieren des Regiments gesprochen und sie maßen der Waffentat des Dr. Sild eine überaus wichtige taktische Bedeutung bei.
Weiterhin hat sich Sild bei den folgenden schweren Kämpfen in Rußland verschiedenttich ausgezeichnet und wurde am 30. November 1915, also schon nach elf Monaten Frontdienst, außerturlich zum Leutnant ernannt. Eine leichte Verwundung am Arm konnte ihn nicht veranlaßen, den Frontdienst zu unterbrechen.
Die Rußen waren vorläufig geschlagen. Nun waren die alpenländischen Truppen, vor allem die Tiroler Kaiserjäger, für die Verteidigung ihrer Heimat frei.
Als hervorragender Alpinist und kühner, aber überlegender Soldat wurde Leutnant Dr. Sild mit der Führung des alpinen Detachements II im Travenanzestal im Gebiete der Tofanen betraut. Sein Kampfabschnitt, die Fontananegra-Stellung, war einer der schwierigsten der Tiroler Front, ein sogenannter „verlorener Posten", den sogar die vorgesetzten Kommandanten zur Auflaßung beantragten. Vom Feind überall eingesehen, von der durch die Italiener besetzten Tofana I überhöht und im Rücken beschoßen.
Diesen Posten konnte nur ein Sild halten. Überall war der Leutnant, bei Tag und bei Nacht, bei Lawinensturz oder im Gefecht, immer war er dabei, wenn es etwas „auszufreßen" gab, aber nicht mit dem Mund, sondern persönlich, allen voran mit dem Stutzen und dem Pickel in der Faust.
In der Nacht vom 6. auf den 7. März 1916 wurden 33 seiner Leute von Lawinen verschüttet. Sild arbeitete unter höchster Lebensgefahr an der Rettung seiner Mannschaft und konnte trotz starken feindlichen Feuers und nachstürzenden Lawinen im rasenden Schneesturm mit eigener Hand alle bis auf einen retten. Er erhielt für diese aufopfernde Rettung aus Bergnot im feindlichen Feuer das Offiziersehrenzeichen des Roten Kreuzes. Am 20. März 1916 wurde die Fontananegra nach zweistündigem starken Artilleriefeuer und unausgesetzter Beschießung mit schweren Minen und Maschinengewehren in Front und rechter Flanke angegriffen. Zahlreiche Lawinen gingen nieder und bedrohten die kämpfenden Männer auf das äußerste.
Wegen der eminenten Lawinengefahr schickte Sild die Mehrzahl seiner Mannschaft in sichere Unterstände und blieb nur mit wenigen kühnen Jägern in der Stellung. Er verhinderte das Eindringen des übermächtigen Feindes in die Front und schlug einen überraschend gegen die ungeschützte Flanke angesetzten Angriff mit vollem Erfolg zurück.
Sein damaliger Kommandant, der dort später gefallene Kaiserschützenhauptmann Barborka, schilderte Sild in seinem Antrag für das Militärverdienstkreuz als einen besonders tapferen Offizier, der durch seine kühne und geschickte Gefechtsleitung die Kampffront in äußerst schwieriger Lage gehalten hat.
Von allen Vorgesetzten wird immer die ganz besondere Tapferkeit des Leutnants Sild betont.
Er erhielt das Militärverdienstkreuz und bald darauf die Militärverdienstmedaille. Der Sildstein nördlich der Wolf-Glanvell-Hütte im Travenanzestal trägt ihm zu Ehren den Namen.
Ab Juli 1916 finden wir Sild als Kommandanten auf der Rotwand bei Sexten, dem einzigen Grenzberg des wichtigen Pustertales, der noch ganz in österreichischem Besitz war. Denn überall, auf dem Elfer, der Hochbrunner Schneid, dem Paternkofel, auf den Zinnen waren die Italiener in verhältnismäßig günstigen Positionen eingenistet.
Der Besitz der Rotwand war für die Österreicher von entscheidender Bedeutung. Das wußte Sild. Er sah mit seinem weitreichenden militärischen Blick, daß der Verlust der Rotwand die Kreuzbergstellung zu Fall bringen mußte, wo der Feind an der guten Straße größere Massen ansetzen konnte. Der Italiener wäre dann im Besitze des Pustertales, der Bahnlinie, und könnte bei richtiger und energischer Aussnützung des Erfolges die ganze österreichische Front in Südtirol ins Wanken bringen.
Das wußte selbstverständlich auch der Kommandant der angreifenden italienischen 1. Infanteriedivision, General Caputo, der in zäher Beharrlichkeit mit großer Übermacht und reichlichsten Mitteln einen wichtigen Felsenposten nach dem anderen in seine Gewalt zu bringen trachtete.
Sild klammerte sich mit der ihm eigenen unerhörten Energie an die Felsen der Rotwand, die ihm nicht nur die zu haltende Stellung, sondern den Schild seiner Heimat und des ganzen deutschen Volkes bedeutete.
Er und sein Freund Leutnant Ebner waren unermüdlich in der Kampffront, kletterten zu jedem Posten, suchten neue Möglichkeiten und entfalteten ihre hervorragenden soldatischen Fähigkeiten und alpinen Kenntnisse.
Sild faßte den kühnen Plan, den nach ihm benannten Sildturm durch einen etwa 50 m langen Stollen zu durchbohren, um so die feindliche Stellung in der Flanke zu fassen. Besonders machte den Rotwandmännern der Südturm des Berges zu schaffen. Diese Felsenfestung sollte durch den Angriffsstollen zuerst zu Fall gebracht und die Vorbedingungen für einen weitreichenden Angriff geschaffen werden. Dieser tiefe Riß wäre für die Italiener auf die Dauer nicht tragbar gewesen. Die Sprengarbeiten wurden sofort begonnen. Sie erlebten aber nur den Beginn. Das Wunder von Karfreit tat seine Wirkung und die italienische Dolomitenfront wankte und brach. Die Rotwand hatte unbesiegt ihre schwierige Aufgabe erfüllt, ihr Kommandant wurde jedoch, knapp bevor sich die großen Ereignisse vollzogen, auf seinem Posten fast zu Tode getroffen.
Sein Freund Ebner schildert in seinem Rotwandbuch den ergreifenden Augenblick, wie der todwunde Sild mit der Seilbahn, auf ein schwankendes Brett gebunden, in der Dunkelheit zu Tale fährt.
Bald darauf erhielt Sild für seine Umsicht und Tapferkeit als Verteidiger der Rotwand zum zweitenmal das Militärverdienstkreuz.
Mit der Sextner Rotwand ist sein Name für immer verknüpft. Sie ist dem Soldaten und Alpinisten Sild ein ewiges wunderbares Denkmal, wie unser Präsident, Ing. Langl, so schön sagte, als wir von unserem Freund Abschied nahmen.
Nach seiner Genesung wurde Sild Adjutant des Sturmbataillons Nr. 49 in Tione, wo er die Besten der Division für diesen schweren Kampfzweig ausbildete.
Ich machte ihn wiederholt aufmerksam, daß er als Besitzer der Goldenen aus der Front könne, denn der Staat wollte die letzten der noch lebenden besten Männer erhalten wissen. Aber er konnte sich von der Front, von den bedrohten Bergen nicht losreißen. Er kehrte als Oberleutnant mit Kriegsende heim.
Mit aller Energie baute sich Sild nach dem Kriege sein Dasein auf, arbeitete rastlos für das deutsche Volkstum als dessen mutiger, unerschrockener Anwalt.
Und vergaß dabei die Berge nicht. Mit seiner Frau kletterte Hannes im Karwendel, erstieg den Grubenkar- und Warte-Südgrat, in den Kalkkögeln die Türme, machte die Zinnenüberquerung, den Meindlgrat, die Marchreisenspitze immer als Erster. Seine geliebten Dolomiten besuchte er 1933, führte Frau und Söhne auf die Felsennester, wo er gekämpft und zuletzt geblutet hatte.
Mit 54 Jahren, im Jahre 1934, schloß er seine alpine Laufbahn durch eine Tur auf die Rosengartenspitze mit Frau Cenzi und Uli ab. Die glühende Schönheit des von der Abendsonne überfluteten Berges stand als letztes alpines Erlebnis in seiner Seele.
Im April 1936 nahm er mit einem Ausflug auf den Hochschneeberg Abschied für immer von den Bergen. Alle Pracht und Herrlichkeit, die ein Berg verschenken kann, gab er damals als letztes Angebinde an Hannes Sild.
Wenn ich nun nach seinem Wegschreiten aus dieser Welt die Briefe seiner Freunde lese, wie sie ihren Sild im Leben gesehen haben, wird seine Gestalt verklärt durch die Fülle an Liebe und Verehrung, mit der man ihn umgeben hat und ihn in brennender Erinnerung weiterhin umgibt. Alle Zeitferne steigert noch sein Wesen. Solch ein Mann wird größer und wirkt ausrüttelnder, je länger man seiner gedenkt, als ein Licht deutscher Kraft und deutscher Arbeit, als Vorbild männlicher Treue und menschlicher Anständigkeit.
Wir kennen Sild als Soldaten, als Alpinisten, als Leiden durch seine Taten. Der Mensch Sild war jedoch schwer zu erfassen. Jeder sah ihn anders, aber jeder schaute zu ihm bewundernd und vertrauend auf. Die merkwürdigsten Gegensätze haben ihn zu einer ganz eigenartigen Erscheinung gemacht. Unbeugsame Härte neben weichster Güte, ablehnende Schroffheit neben einem Höchstmaß von zartestem Mitempfinden, kalte Zurückweisung gegen jeden, den er als unfair empfand, von wärmster Einsatzbereitschaft für den richtig Gewertetem.
Wunderbar praktischer Sinn, organisatorische Gestaltungsgabe war mit reichem theoretischen Wissen und Ehrfurcht vor wahrer Wissenschaft und echter Kunst gepaart. Er war großzügig und doch peinlich genau in kleinen Dingen. Er hatte ein so unendlich feines Empfinden, ein unfehlbar sicheres Urteil über Recht und Unrecht, das ihn immer sicher und aufrecht, ohne je zu straucheln, auf der schmalen Schneide gehen ließ, die Recht und Unrecht trennt. Das Kennzeichen eines ganz Großen! Er war ein Mensch, der einem den Glauben an die Menschheit wieder geben konnte.
Alles, was in der Natur groß und mächtig ist und auf ihn einstürmte, erregte seine Bewunderung und auch seinen Widerstand, den Drang zum Kampf. So die Berge, vor allem die winterlichen, der Krieg, das Meer, nicht das südliche weiche, sondern die kalte nördliche See.
Wie er seinen Feinden auf der Walstatt die Achtung abgewann, weist der Brief seines tapferen Gegners auf der Rotwand, des ehemaligen italienischen Leutnants Lunelli, der in ergreifender Art seinen einstmaligen im Kampf gefürchteten, aber hochgeschätzten ritterlichen Gegner, den österreichischen Kaiserjägerleutnant Hannes
Sild im Tode ehrt:
Trient, 18. November 1937.
Verehrte gnädige Frau!
Die ruhmreich für ihr Vaterland gekämpft haben, haben immer unsere unbedingte Bewunderung erweckt, auch wenn sie unsere Feinde waren. Und darum erfahre ich tiefbewegt vom Tode von Hanns Sild, der auf der Rotwand in den Stellungen mir gegenüber kämpfte und zu besten Ehre der Sildturm benannt ist.
Aus einem feinen Gefühl heraus lud mich der verdiente ehemalige österreichische Kämpfer Oswald Ebner im Sommer 1936 ein, mit ihm die Rotwand zu besteigen, das vielumstrittene Kampffeld während des Krieges, wo wir uns in den Stellungen gegenüberlagen. Ich nahm diese freundliche Einladung, die Zeugnis war für das aufrechte Denken eines tapferen Mannes, gerne an, und auf dem einst so heißumkämpften Gipfel reichten wir uns die Hände. Ich schlug vor, meinem tapferen Gegner Hanns Sild einen Gruß zu schicken, was wir auch machten.
Da hörten wir von ferne leises harmonisches Glockengeläute, es waren die Glocken von Sexten, und es schien uns, als stimmten sie eine Hymne der Liebe, der Dankbarkeit und der Eingabe an alle Gefallenen der Rotwand an. Leute werden die Glocken von Sexten für den tapferen Sild läuten, und die Kämpfer, Freunde und ehemalige Feinde, werden mit bewegtem Gedenken bei ihm sein, dem Tapferen.
Aber alle, die ihren Wert im Kriege leuchten ließen, haben auch ihren Lieben einen Adel verliehen, der der schönste überhaupt ist, den Adel des Ruhmes.
Empfangen Sie den Ausdruck meiner tiefgefühlten Teilnahme an Ihrem Schmerz mit den besten Wünschen für Ihre edle Familie.
Italo Lunelli.
So wollen wir, seinem mannhaften Sinn entsprechend, Hannes nicht beklagen. Er hat nun die Ruhe und ist nicht ohne Hoffnung auf die Erfüllung seiner Ideale hinübergegangen.
Möge er schlafen an der Seite seines Uli und träumen mit ihm von der Schönheit ihrer Berge und der Größe ihres über alles geliebten deutschen Volkes.
Hermann Rosman.
Quelle: Österr. Alpenzeitung 1938, Folge 1189, Seite 7 ff
Quelle: Der Bergsteiger 1937/38, Seite 239 f
Geboren am:
1880
Gestorben am:
15.11.1937