Aus der westlichen Fermedaschlucht
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Routen Details:
Fermedaturm (2867 m). I. Ersteigung aus der westlichen Fermedaschlucht am 9. September 1904.
Mit Ernst Euringer.
Wir erzwangen zunächst einen direkten Aufstieg durch die Schlucht, indem wir den von Kaminen durchrissenen Abbruch derselben durchkletterten. (Regensburgerhütte ab 7 U., Einstieg 7 U. 45.) Da der unterste Kamin, mit welchem die Schlucht mündet, zum Stemmen zu weit ist, umgingen wir denselben durch eine in den Felsen zur Rechten eingelagerte, steile, zirka 60 Meter lange Grasrinne, welche schon ein gutes Stück tiefer beginnt. Oben Traverse in die Schlucht. Der folgende, zirka 10 Meter hohe Kamin ist ebenfalls zu weit; wir kletterten daher über grasdurchsetzten Fels rechts vom Kamine empor und traversierten am Fuße senkrechter Wände nach links, zuletzt etwas absteigend, in die Schlucht zurück. Nun folgte ein 3o Meter hoher, enger, stark mit Moos bewachsener Kamin, welchen wir in Stemmarbeit erkletterten. (In der Mitte zwei sehr schwere Überhänge, beim unteren Spreizen mit Gesicht nach außen! Zuletzt spreizend hinter einem eingeklemmten Blocke durch und auf ihn hinauf.) Nun ging es ein Stück bequem in der Schlucht weiter, bis sie neuerdings durch einen großen Block gesperrt wurde. Hier links durch einen zirka 15 Meter hohen, stark überhangenden, brüchigen Karnin, welcher
oben in einen Riß übergeht, äußerst schwierig empor. (Außen stemmen, später spreizen, zuletzt Wandkletterei mit Hilfe des Risses!) Der als Zweiter Gehende umging diesen Kamin, indem er am Beginne desselben nach rechts traversierte, ein seitlich stark hinausdrängendes Wandl erkletterte und über ein steiles, griffarmes Band an der Seitenwand des Hauptkamins emporstieg; es erscheint indes fraglich, ob diese Stelle ohne Seilversicherung von oben riskiert werden darf. (11 U. 15 bis 45.) Weiter über einige leichtere Wandstufen in den geröllerfüllten Teil der Schlucht und in ihr empor (steingefährlich, namentlich, wenn Turisten in der Gratrinne klettern!) bis zu den auch bei der Ostwandroute auf die Kleine Fermeda hervorgehobenen, auffallend roten Felsen.
Oberhalb dieser Felsen wird die Westwand des Fermedaturms von einem Kamine durchrissen, in welchem ein Seil hing. Dieses stammte von einem Turisten, welcher sich im Frühsommer 1904 beim Abstiege vom Fermedaturme verstiegen und sich in die Schlucht abgeseilt hatte. (Er wurde von Führern geholt, welche, soweit wir deren Angaben richtig verstanden haben, von den Felsen unterhalb der „Platte“ gerade abstiegen, das von mir gelegentlich der neuen Türen auf die Kleine Fermeda benützte Band in seinem letzten Teile gewannen und mit dem Turisten auf demselben Wege zurückkehrten.) Der Kamin bricht gegen die Schlucht zu ab, wir traversierten daher an sehr steiler, kleingriffiger Wand von links her in den Kamin hinein, welcher anfangs nur stark geneigt ist, bald aber senkrecht wird und sich mit Überhängen durchsetzt. Wir überwanden ihn, anfangs stemmend, dann weit außen spreizend, zuletzt unter dem abschließenden Blocke nach rechts herauskletternd — sehr schwierig; das fixe Seil, das wir natürlich mitnahmen, wurde hierbei absichtlich nicht benützt, um eben die Möglichkeit, den Kamin frei zu erklettern, zu konstatieren.
Vom Blocke aus über steiles Geschröfe, dann an einer Verschneidung, deren unterer Teil ein höchst eigentümliches, ganz glattes Band bildet, und wiederum über Schrofen rechts aufwärts und Traverse um eine Kante herum nach rechts in Platten. Diese bilden die nordwestliche Fortsetzung der „Platte“ des gewöhnlichen Weges. Wenige Meter rechts von der Kante, welche mit gelben Überhängen seitlich hereinbricht, zirka 20 Meter hoch gerade empor zu einem kleinen Gufel (etwas schwerer als an der „Platte“, doch ganz ähnlich). Von hier kletterte der Vorangehende nach links zu einem in der Kante befindlichen Köpfel, um in die zum Grate ziehende schwarze Steilschlucht Einblick zu gewinnen, und traversierte von hier oberhalb des Gufels nach rechts, dann — äußerst schwierig — rechts aufwärts zu dem Punkte der Südwestroute, wo die kurze Traverse nach links oberhalb der „Platte“ ihr Ende erreicht und man in die Gratrinne ansteigt. Der Zweite kletterte vom Gufel direkt — ebenfalls äußerst schwierig — über die griffarmen Platten 25 Meter rechts aufwärts zu diesem Punkt. (3 U. 15 bis 25.). Auf dem SW.-Wege vollends zum Gipfel 3 U. 45. Dieser Anstieg ermöglicht im Zusammenhänge mit
der Ostwandroute an der Kleinen Fermeda, welch letztere im Abstiege wesentlich leichter sein dürfte als im Aufstiege, einen direkten Übergang zwischen beiden Gipfeln.
Dr. Georg Leuchs-Miinchen.
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1905, Folge 692, Seite 190
Datum erste Besteigung:
09.09.1904
Gipfel:
Fermedaturm (La Peles)
Erste(r) Besteiger(in):
Euringer Ernst
Leuchs Georg