Henninger Ernst

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Biografie:
Ernst Henninger
*18. Juli 1942 — (+)7. Juli 1974
Es war im September 1962, anläßlich einer Vortragsreise durch Deutschland, als ich Ernst Henninger kennenlernte. Bei der Sektion Schorndorf des DAV sprachen mich drei Jungmannschaftsangehörige an, ob ich nicht zum Wochenende mit ihnen auf die Schwäbische Alb zum Klettern möchte? Ich wollte, und es wurden zwei schöne Tage im Fels vom Reußenstein und Donautal. Aus diesem Wochenende aber wurden auch Freundschaften, die mich bis zum Tode der drei mit ihnen verband. Der erste, Ingo, starb schon ein Jahr darauf bei einem Verkehrsunfall, Eberhard schied im Winter 1974, nachdem wir noch beim Rupoldinger 50-Kilometer-Silvesterlanglauf gemeinsam die Jahreswende gefeiert hatten, freiwillig aus dem Leben, und kaum fünf Monate darauf ereilte Ernst der Bergtod in den Bolivianischen Anden.
Vor allem Ernst Henninger war in diesen dreizehn Jahren zu einem meiner beständigsten Tourengefährten, zu einem meiner besten Freunde geworden. An seinem zwanzigsten Geburtstag am 20. Juli 1962 durchstiegen wir gemeinsam mit Ingo Reinschmidt, Egbert Eidher, Dr. W. Ehrle und Dr. H. Regele die Aletschhorn-Nordwand. Dies war der Beginn einer ganzen Serie großer Touren. Noch im selben Jahr folgte die Triolet-Nordwand und später Les-Courtes-Nordwand, der östliche Nordwandpfeiler und Bumiller-pfeiler des Piz Palü, die Scerscen und Cambrena-Eisnase, Gran-Paradiso-Nordwestwand, Tödi-Nordostwand, Aig.-Chardonnet-Nordwand, Brenvaflanke, Aig.-du-Geant-Südwand, Grepon-Überschreitung, Ecandies-Überschreitung und Kletterfahrten in der Hohen Tatra.
Als ich Ernst in die Westalpen einführte, war er aber trotz seiner Jugend bereits ein fertiger Bergsteiger, zumindest im Sinne des Felskletterns. Im Kaiser, im Wetterstein und in den Dolomiten hatte er mit Ingo bereits schwierigste Routen durchstiegen, so zum Beispiel die Jean-Couzy-Gedächtnisführe in der Westlichen-Zinne-Nordwand und mehrmals die Nordwand der Großen Zinne.
Neben dem Klettern liebte Ernst auch das Abenteuer der Ferne. So unternahm er einmal eine mehrmonatige Reise mit einem VW-Bus durch die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas. Zweimal war er im Hindukusch. 1967 gelang ihm dort gemeinsam mit Karl Golikow und Ing. Frieder Gölz die erste Ersteigung des Langusta-i-Barft-Südgipfels, 7017 m, und 1973 stand er mit mir und noch drei Klubkameraden am Gipfel des Noshaq, 7492 m.
Wer aber nun glaubt, Ernst hätte locker in den Tag gelebt und nur alpine „Gammlerreisen" unternommen, der irrt. Er war von Beruf Tischler; arbeitete zumeist in der Schweiz, in Pontresina, einerseits um mehr zu verdienen, vor allem aber, um den Bergen näher zu sein. Nebenbei holte er die mittlere Reife nach und ging dann, als er genügend Geld gespart hatte, in Rosenheim auf die Staatliche Ingenieurschule für Holztechnik; dies zum Beispiel zur Zeit seiner ersten Hindukuschexpedition. Kaum zurück, arbeitete er den Rest der Ferien wieder in Pontresina, um noch etwas zu den Ersparnissen und dem Stipendium für das nächste Schuljahr dazuzuverdienen. 1970 machte er seinen „Ingenieur" und war später in leitender Stellung als Projektingenieur tätig.
Als er im vergangenem Frühjahr für seine Firma ein Werk in Budapest einzurichten hatte, kam er fast jedes Wochenende von Ungarn nach Wien, um mit uns am Peilstein, Schneeberg und auf der Rax zu klettern. Blechmauerverschneidung, Gratkamine und Richterweg waren hier zum Beispiel seine Touren, und auch seine ersten Wildwasser-versuche auf der Schwarza im Höllental fielen in diese Tage. Knapp vor der Abreise nach Südamerika, er hatte die Tätigkeit in Ungarn endlich erfolgreich abgeschlossen und
war auf der Heimreise, war er mit Ing. Kremslehner nochmals in der Stadelwand klettern. Danach in Kaiserbrunn ein beinahe etwas überstürzter Aufbruch. Ernst hatte noch etwa 700 Kilometer heimzufahren, und wir wollten nochmals die Schwarza hinabpaddeln. Ein rascher Händedruck: „Mach's gut in den Anden!" — „Ja, und im Herbst kommt ihr zu uns ins Donautal."
Sein Andensommer verlief erfolgreich, und als Krönung sollte am letzten Expeditionstag, während die anderen bereits packten, da die Träger schon bestellt waren, noch die Ancohuma-Südwand durchstiegen werden. Ihr Bergschrund wurde ihm zum Schicksal. Beim Überschreiten brach eine Schneebrücke von sechs Metern Breite und dreißig Metern Länge zusammen. Der führende Ernst Henninger stürzte mit den gesamten Schnee- und Eismassen etwa 15 Meter in die Tiefe und wurde von den Trümmern erdrückt. Tags darauf konnten die herbeigeholten Gefährten unter der Leitung unseres Klubkameraden Frieder Gölz nur mehr Ernst Henningers Leiche bergen.
Wir, seine Freunde, können nur hoffen, daß er aus dem Leben so leicht ging, wie er der Gefahr so oft gelassen entgegengesehen hatte. Ich denke hier an eine Begebenheit in der Chardonnet-Nordwand. Von einem Sérac hing ein ganzer Vorhang zentnerschwerer Eiszapfen herab. Ernst stellte sich darunter und lutschte an einem dieser Eisschwerter; plötzlich meinte er lächelnd zwinkernd zu mir: „Was meinst, wo der wohl rauskommt, wenn er jetzt abbricht?" Ja, so möge ihm auch der Abgang aus diesem Leben gelungen sein, aus einem Leben, das zwar nur 32 Jahre währte, aber doch voll ausgefüllt war.
Erich Vanis
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1975, Mai/Juni, Folge 1401, Seite 58-59


Geboren am:
18.07.1942
Gestorben am:
07.07.1974