Niederwieser Johann (Führer - vulgo Stabeler)

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Biografie:
geboren in Sand in Taufers (Italien)
gestorben am Schaflahnernock (Italien)

Ein Charakterbild von Theodor Wundt.
Wenn die alpine Welt in dem am 22. September am Schaflahnernock verunglückten Führer Stabeler einen Pionnier ersten Ranges betrauert, dessen Name mit der Geschichte der Erschließung der Ostalpen, insbesondere der Dolomiten unauflöslich verknüpft ist, so beklagen seine zahlreichen Touristen außerdem noch den herben Verlust eines wahren Freundes und Kameraden. Eines Freundes! Bei der eigentümlichen Stellung, welche der Führer seinem Brotgeber gegenüber einnimmt, erscheint es nicht überflüssig, hierüber zunächst einige allgemeine Worte zu sagen. Dort oben, auf den luftigen Bergen, angesichts einer unendlich erhabenen Natur, bei gemeinsamer Anstrengung und Entbehrung, gemeinsamer Gefahr und gemeinsamem Siege fallen die socialen Schranken rasch, schließen die höher schlagenden Herzen sich bald fest und eng zusammen. Steht doch hier der Mensch neben dem Menschen, Schulter an Schulter im Kampfe mit der Natur, in einem Kampfe, bei welchem nur die Tüchtigkeit etwas gilt: Mut, Kaltblütigkeit, Ausdauer, Standhaftigkeit, Körpergeschick, Geistesgegenwart. Das alles aber treffen wir bei tüchtigen Führern oft in hervorragendem Maße und lernen sie damit als Männer wirklich schätzen und verehren. Ja, seien wir offen! Manchmal in solchen Stunden gemeinsamer Tat müssen wir dem einfachen Älpler im Stillen auch das edlere Gefühl zuerkennen, das bei dem Naturmenschen meist lauterer und unverfälschter aus dem Innern hervorsteigt als bei dem Gebildeten, dessen Blick so oft durch Dinge aller Art getrübt ist. So fällt mir z. B., wenn ich von Unternehmungen im Gebirge höre, bei denen es sich um rein athletische Kraft- oder Dauerleistungen handelt, unwillkürlich immer wieder die kleine Erzählung Whympers von seinem buckligen Zeltträger ein, als derselbe zum erstenmale die Aussicht von den Südhängen des Matterhorns bei wolkenlosem Himmel betrachten konnte: „Der arme, kleine, verwachsene Bauer starrte sie eine Zeitlang schweigend und ehrfurchtsvoll an. Dann fiel er unwillkürlich wie anbetend auf ein Knie, schlug die Hände zusammen und rief begeistert: ,Oh, ihr schönen Berge!' Dabei waren seine Bewegungen so ungezwungen, wie seine Worte natürlich und Tränen zeugten für die Wahrheit seiner Erregung." Hony soit qui mal y pense! Aber auch der wahre, seiner Verantwortung bewußte Mut zeigt sieh bei dem Naturmenschen oft unverfälschter und reiner als bei dem Gebildeten, der wenigstens in unseren Tagen so leicht geneigt ist, blasierte Todesverachtung für ihn auszugeben, sie, die doch auf einer unendlich viel niedrigeren Stufe steht. Die Freundschaft, welche wir tüchtigen Führern entgegenbringen, ist deshalb nichts weniger als herablassendes Wohlwollen; sie beruht vielmehr häufig auf wirklicher Bewunderung und Wertsehätzung. ,
Wenn bei irgend jemand, so war dieß gewiß bei Stabeler der Fall. Alle seine Touristen sahen in ihm ausnahmslos einen wahren und wirklichen Freund. Er zwang ihnen ihre Wertschätzung gewissermaßen ab, als eine selbstverständliche Sache, über die es keinen Zweifel geben konnte. Ja, goldklar lag diese kreuzbrave, ehrliche und tapfere Natur vor jedermanns Augen da. Aus den treuherzigen hellblauen Augen, dem scharfgeformten Gesicht mit seinem mächtigen blonden Vollbart, den buschigen Augenbrauen, dem wirren Haar sprach ein Naturkind von unverfälschter Treue zu uns, ein echter und rechter Tiroler, wie man ihn charakteristischer sich nicht denken konnte, und zwar ein Südtiroler, der wenigstens uns Deutschen auf den ersten Blick beinahe zu lebhaft erschien. Da war alles gleich Feuer und Flamme, die Arme gestikulierten in der Luft herum, ein drastischer Ausdruck folgte dem anderen und doch lag darin in Wahrheit keinerlei Übertreibung. Man sah, das alles steckte tatsächlich in dem Manne drin, mußte mit Naturgewalt heraus. Der erste Zug seines Charakters war eine unbegrenzte Gutmütigkeit und Treue, verbunden mit einem außerordentlich feinen, natürlichen Taktgefühl, das ihn niemals verließ. Daß er in der Stunde der Not das letzte Stück Brot, den letzten Schluck Wein hergeben wollte, war ja selbstverständlich. Aber auch im alltäglichen Leben, in den langen, mühsamen Stunden, in denen man auf die Dauer so leicht mißmutig wird, war ihm nichts zu viel, kein Rucksack zu schwer, kein manchmal unnötiger Weg zu lang. Stets blieb er, auch in seinen Forderungen, bescheiden und war guten Willens. Nach einer Berninabesteigung z. B. hatte ich ihm erlaubt, das viele überflüssige Gepäck in der Bovalhütte zu lassen', da ich beabsichtigte, über den Piz Morteratsch nach dem Eosegtale zu gehen. Dasselbe sollte später direkt vom Tale aus abgeholt werden. Als sich dann herausstellte, daß er doch alles mit sich geschleppt hatte, meinte er: „Jo, schwer ist's schon, aber dös macht jo nix! Was sollen S' do no weiter Geld ausgeben!" Ein andermal, als wir nach einer Besteigung des Großglockners im Herbste Zweifel hatten, ob das Glocknerhaus noch offen sein werde, rannte er ohneweiters voraus nach Heiligenblut, um den Schlüssel zu holen; fünf gute Stunden hin und zurück. Und wie oft kletterte er, um mir eine interessante photographische Aufnahme zu ermöglichen, fröhlich auf die schwierigsten Zacken und Türme hinauf, ließ sich am Seil in Spalten hinab oder schlug stundenlang Stufen abseits vom Wege, ohne je auch nur ein Wort darüber zu verlieren! Diese Gutmütigkeit konnte sich direkt in Hilflosigkeit verwandeln, wenn er sich im Unrecht wähnte. So habe ich es erlebt, wie er auf der Seißeralpe von einer hochnäsigen Sennerin gestellt wurde, die sich, völlig mit Unrecht, von ihm beleidigt fühlte. „Was willst denn Du, so a lumpiger Bergführer, der nix is und nix hat und alltag um sein Brot gehen muß" u. s. w. Wie verdonnert stand der brave Kerl, der nicht das geringste getan hatte, da, ohne ein Wort sagen zu können. Es schien ihm, als müsse er sich jetzt wirklich schämen, bis er durch unser homerisches Gelächter sich selbst und den Humor wieder fand, diesen Guß ruhig über sich ergehen zu lassen. Und dieser Humor war so prächtig, so unverfälscht und echt, so unversiegbar. „Stabeler," pflegte ich zu ihm zu sagen, wenn er irgend etwas besonders fein gemacht hatte, „was hast Du denn da wieder angestellt?" „Jo, schauen S'," meinte er dann, „i bin halt a bissei dumm, wie die Leut' bei uns so san. Wir Tiroler werden sonst mit vierzig Jahren g'scheit, da tut 's a Pfnatscherl. Dös hab' i überhört und hab' zwanzig Jahr' Verlängerung 'kriegt." Natürlich hatte er auch seine „ständigen" Witze. Beim ersten Zusammentreffen im Jahre wurde man unweigerlich gefragt, ob man auch gutes Wetter in der „Flaschen" mitgebracht habe, und nie versäumte er es, wenn man sich unmittelbar einem Gipfel näherte, zu sagen, „in aner Stund' san wir g'wiß oben".
Seine allgemeinen Kenntnisse waren gleich Null. In die Schule war er nur kurz gegangen, da er schon in seiner frühesten Jugend Gaißbub wurde. Mit dem Lesen und Schreiben stand er deshalb auf sehr gespanntem Fuße. „Wissen S', dös Schriftliche, dös macht mei Frau". „Was steht denn do oben?" pflegte er zu fragen, wenn man an einem Wegweiser vorbeikam, „schauens, i siach halt nimmer gut." Dagegen machte er stets mit seinen italienischen Kameraden Konversation. „Bello tempo heut', gelt?" oder beim Abschied „also adies; altera volta!"
Stabeler war ein sehr fleißiger Mann. In den Zeiten, in denen die Führertätigkeit ruhen mußte, im Frühjahre oder im Herbste übte er die Maurertätigkeit aus und sowohl er, wie sein Bruder Jörgl waren gesuchte Maurer, die mit dem gleichen Eifer und Kraftaufwand arbeiteten, als wenn sie Stufen zu hacken hätten. Im Winter war Hansl als Holzarbeiter tätig. Wenn er trotzdem nicht viel erhausen konnte, so war das nicht seine Schuld.
Doch beschäftigen wir uns nun mit dem Führer! Hier lagen die Dinge bezüglich der Kenntnisse anders. Stabeler hatte vor allem ein Pfadfindertalent, wie man es wohl überhaupt nicht mehr findet. Er brauchte nur an einen Berg heranzukommen, um sofort zu wissen, wie er bestiegen werden mußte. Er wußte genau, was möglich war, was nicht und auch bei den kompliziertesten Touren auf ihm fremden Bergen konnte er in dem größten Gewirre von Felszacken oder Eistrümmern genau angeben, wo man sich befand, wie man gehen mußte, wie weit man noch zum Gipfel hatte u. s. w. Nur so erklären sich seine überaus zahlreichen Erstlingstouren, die er meist gewissermaßen im Handumdrehen machte. Ich selbst habe keine solche mit ihm gemacht und kann in dieser Beziehung nur auf eine Besteigung des Zinal-
ßothorns verweisen, die ich vor zwei Jahren ausführte. Er hatte den Berg noch nie bestiegen und ließ sich am Vorabend der Tour im Trifthotel von einem Lokalführer erklären, wie sie ungefähr ausgeführt werde. Ich selbst stand neben ihm und.hörte die ganze Unterredung mit an, aber da man den Berg selbst nicht sehen konnte, war es mir ein Ding der Unmöglichkeit, aus all den Erörterungen klug zu werden. Stabeler dagegen schien nicht die geringsten Zweifel zu haben und es war ein wirklicher Genuß, diesen durchgeistigten Kopf mit den leuchtenden Augen zu betrachten, zu sehen, wie er die Sache verarbeitete und sich bald völlig Klarheit verschaffte. Während der ganzen Nacht fiel dann Neuschnee und im Verlaufe des Vormittags erhob sich ein wütender Sturm, was dazu führte, daß an diesem Tage sämtliche Zermatter Partien, welche nach anderen Bergen ausgezogen waren, ihr Ziel nicht erreichten. Stabeler aber dachte nicht an Umkehr, auch als zum Schlusse die Lage eine überaus schwierige wurde. Bei der bekannten Traversierstelle, an welcher einst der Führer Biner abstürzte, gerieten wir angesichts des etwa einen Meter tiefen, verwehten Schnees in Meinungsverschiedenheiten, wie lange die Traversierung noch zu dauern hätte und wann der Aufstieg wieder fortzusetzen wäre. Während ich sofort in die Höhe steigen oder umkehren wollte, bestand Stabeler, trotz der scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeiten, auf seiner Ansicht, daß man noch weiter traversieren müsse, und er hatte die Genugtuung, nach einer langen und bangen halben Stunde eine Seilschlinge aus dem Schnee hervorziehen und damit beweisen zu können, wie recht er hatte. In dieser Weise hat er zahllose Gipfel in allen Teilen der Alpen ohne Lokalführer bezwungen. „Oh mein Gott," sagte er, „do is kei' Berg in de Dolomiten, wo i net schon oben g'wesen bin. Tauern, Stubaier, Ötztaler, Zillertaler, Adamello, Ortler, Silvretta hab' i durchg'macht, und in der Schweiz alles nacheinander, vom Engadin bis zum Paradis. Bloß in der Dauphine" bin i nit g'wesen. Do hätt' i a' schon können hingehen, aber i hab nit wollen. Man muß nit überall g'wesen sein. Jo, dös könnt Ihnen mei uralts Führerbuch alles derzählen, wenn 's nit in aner Spalt aufm Suldengletscher lag." (Anhang *) Geradezu staunenerregend war seine Kenntnis der Alpen. Über alles wußte er Bescheid und konnte die klarste Schilderung jedes Berges und jeder Anstiegsroute geben. Sein körperliches Geschick, seine Eistechnik und seine Kletterkunst waren absolut erstklassig, obgleich ihm ein Daumen an der rechten Hand fehlte. „Den hob i mir halt * amol aus Dummheit auf der Jagd wegg'schossen. Jo, wan i nur net immer jagen müßt! 's war viel g'scheiter, i tat im Winter schaffen." Welcher Art sein Mut war, das habe ich am besten bei der Matterhornkatastrophe im verflossenen Jahre kennen gelernt. Wir waren am 23. Juli über den Theodulpaß nach Breuil gegangen und daselbst um 6 U. abends eingetroffen. Da erfuhren wir, daß am Matterhorn ein Engländer, zwei junge Damen und ein Führer abgestürzt seien. Eine Hilfskarawane schickte sich eben zum Weggange an. Auch wir erklärten uns bereit, auf die Suche zu gehen, und folgten den anderen nach einer halben Stunde. Gegen 10 U. nachts trafen wir sie wieder. Sie hatten eine Dame und den Führer gefunden, beide am Leben, aber verletzt. Was aber nun? Nach Aussage der Dame befanden sich die beiden anderen Verunglückten hoch oben an dem Berge an einer brüchigen Wand, welche nach Ansicht der Lokalführer erst bei Tagesanbruch erklommen werden konnte. Durften wir so lange warten? Stabeler erklärte sich sofort zum Weitermarsche bereit und so wurde derselbe in Begleitung eines der Lokalführer versucht. Er machte wegen der Dunkelheit und des brüchigen Gesteins überaus große Schwierigkeiten, bis wir nach zwei Stunden um Mitternacht vor einer Felswand ankamen, die senkrecht und glatt vor uns in die Höhe stieg. Der Lokalführer erklärte jedes Vorwärtskommen für unmöglich. Man müsse eben bis Tagesanbruch warten. „Dös will i erst amol sehen," meinte Stabeler, ließ sich allein das Seil umbinden und rekognoszierte, um bald darauf in einer Schlucht die Gesuchten als Leichen zu finden. Angesichts solchen unzweifelhaften Mutes, der vor nichts zurückschreckte, ist es doppelt anzuerkennen, daß er die Grenze zur Waghalsigkeit, vielleicht mit einer Ausnahme (am Totenkirchl), nie überschritt. Seine größte Tugend war vielmehr eine unbedingte Vorsicht und Sicherheit. Man hatte bei ihm das Gefühl, daß einem absolut nichts passieren könne, und zwar ließ er diese Vorsicht auch an den leichtesten Stellen nie außer Acht. Es ist mir unvergeßlich, wie er seinem Sohne, den er mir während der letzten zwei Jahre zur Ausbildung überließ, Verhaltungsmaßregeln gab. „Mach' keine Dummheiten, paß' bei jedem Schritt auf, auch an de leichten Berg, do passiert 's meist', und schlag mir gute Stufen!" Gerade auf das letztere hielt er außerordentlich viel. Die etwas ängstliche Frau eines bekannten Alpinisten, der viel mit ihm gegangen ist, konnte deshalb mit Recht sagen: "Mit Stabeier kann mein Mann machen, was er will, da bin ich vollkommen ruhig."
Betrachten wir nunmehr kurz seine Laufbahn. Stabeler wurde am 8. August 1853 in Sand-Taufers geboren, wo er kurze Zeit die Schule besuchte, denn schon sehr frühzeitig kam er nach Weißenbach als Hirte. Der Vater, welcher ein kleines Anwesen in Sand besaß, starb frühzeitig. Die Mutter, eine sehr tatkräftige Frau, behauptete sich auf dem Besitze und wußte alle ihre Kinder zu ordentlichen Leuten zu machen. (Anmerkung **) Als Schaf hirte konnte sich Stabeler alle Eigenschaften eines tüchtigen Gebirglers aneignen; zudem wurde er ein eifriger und geschickter Gemsjäger. Er wurde nach einer entbehrungsreichen Jugend 1877 als Führer autorisiert, ohne daß zunächst ein günstiger Stern über seiner Laufbahn gewaltet hätte. Durch den Unglücksfall Welter im Jahre 1880 wurde er vielmehr infolge verschiedener Umstände diskreditiert. Es ist hier nicht der Ort, auf diese Sache näher einzugehen; Stabeler hat ja zur Genüge bewiesen, was in ihm steckte. Aber wenn man seine Schilderungen über den Fall hörte, so hat er sich dabei vor allen anderen Beteiligten wie ein Mann gehalten, der mit Gefahr seines Lebens das äußerste tat, um den in einer Gletscherspalte Verschütteten zu retten, bis infolge eines schweren Sturzes seine Kräfte schwanden und er bewußtlos liegen blieb. Später widerfuhr ihm dann, insbesondere durch Emil Zsigmondy Gerechtigkeit, und er hatte Gelegenheit, auf Touren mit Karl Diener, Heilersen und Ludwig Darmstädter sein Geschick zu zeigen. Insbesondere mit dem letzteren zog er bald von Sieg zu Sieg und vollführte seine hauptsächlichsten Erstlingstouren. In den Dolomiten allein sollen dieselben über 25 betragen. Neben 11 Erstbesteigungen in den Monti Marmarole machte er solche insbesondere in den Sextener Bergen, der Pala und der Rosengarten Gruppe. Zu seinen Haupttaten gehören die Auffindung eines steinsicheren Weges auf den Cimone della Pala, die Erstersteigung der westlichen Grasleitenspitze und des Zahnkofels mit Darmstädter, diejenige des Stabelerturmes, welcher nach ihm seinen Namen trägt, mit Helversen, und die Überschreitung des Totenkirchls mit L. Treptow. In Anerkennung seiner hervorragenden Führereigenschaften wurde ihm auch die von der Wiener alpinen Gesellschaft „Altenberger" gestiftete Fünf Dukaten-Prämie zuerkannt, bei welcher Gelegenheit Stabeler die Kaiserstadt am Donaustrande besuchen durfte, von der er gern erzählte.
Wie aber konnte dieser Mann fallen? Es ist für alle, die ihn kennen, ein Rätsel, denn daß er es an der nötigen Vorsicht hätte fehlen lassen, ist bei ihm so gut wie ausgeschlossen. Nur einem tückischen Zufalle kann es zugeschrieben werden, der eben auch dort oben waltet wie hier unten, dem wir nirgends entgehen können, wenn einmal ein unglücklicher Stern über uns waltet. Aber so ernst auch die in diesem Tode liegende Warnung uns zur Vorsicht mahnt, so wollen wir uns andererseits doch die Lust an den Bergen dadurch nicht verdrießen lassen, erzieht sie doch Männer wie den unvergeßlichen Stabeler.
Anmerkung (*):
Die ersten Führertouren des Johann Niederwieser (Stabeler) waren, nach einer freundlichen Mitteilung des Herrn Hofrates Dr. Daimer, die folgenden:
1876, 18. August: Fleischbachspitze vom Jagdhaus, Lenkstein von Süden, Abstieg nach Rein, mit A. v. Lemmen, E. und J. Daimer.
1876, 23. August: Gänsebichljoch von Rein nach Antholz, mit Dr. v. Zwiedineck-Südenhorst, Freih.v.Seckendorf und Freih.v. Jessin aus Graz.
1876, 4. September: Schwarzenstein und Gr. Löffler an einem Tage, Aufstieg von Ahm, Abstieg in s die Floite, mit Dr. V.Hecht aus Prag.
1877, 31. Juli: Schneebiger Nock über den Nordnordostgrat, mit E., J. und R. Daimer.
1877, 30. August: Gr. Mostnock von Bojen, Abstieg nach Rein, mit Fräulein Herma Groß, Marianne Fischer und J. Daimer.
1877, 31. August: Schneebiger Nock mit denselben.
1878, 25. Juli: Rotlöffelspitze vom Röttal, Abstieg nach Jagdhaus, mit E., J. und R. Daimer.
1878, 12. Juli: Sagernock mit Prof. Seyerlen.
1878, 17. Juli: Morgenkofel mit Prof. Seyerlen und Prof. Reuschli aus Stuttgart.
1878, 20. Juli: Kahlgeifel mit Prof. Seyerlen.
1878, 8. August: Hochfeiler und Hochferner mit Prof. Seyerlen und Stephan Kirchler.
1878, 25. September: Magerstein von der Rieserfernerhütte, Abstieg über das Fernerköpfl ins Geltal, mit J. und K. Daimer.

Anmerkung (**): * Diese und andere freundliche Mitteilungen verdanke ich Herrn Prof. Dr. v. Ottenthai.

Stabeler-Gedenktafel. Die S. Chemnitz beehrt sich, zu der feierlichen Enthüllung der Gedenktafel für den am 22. September 1902 in der Nähe der Chemnitzerhütte verunglückten Bergführer Johann Niederwieser (Stabeler-Hans) für Montag den 18. Juli d. J. freundlichst einzuladen. Am 17. Juli abends findet eine zwanglose Zusammenkunft der Teilnehmer im Gasthause „zum Elefanten" in Taufers, am 18. 5 U. früh der Aufstieg nach der Chemnitzerhütte statt; 11 U. vormittags Enthüllung der Gedenktafel, sodann einfacher Imbiß, dargeboten von der S. Chemnitz.
Quelle: Mitteilungen des DÖAV 1904, Seite 162

Johann Niederwieser, genannt Stabeler
(*1853, + 22. 9. 1902)
Geboren in Sand im Tauferer Tal. Schafhirte, gelernter Maurer. 1877 autorisiert. Namhafte Touristen: Carl Diener, Ludwig Darmstädter. Theodor von Wundt nannte ihn seinen Leibführer. Von erstmaligen Unternehmungen seien genannt: 1878 Hochferner, Floitenturm, Olperer-Nordostgrat, Abstieg über die Löffler-Nordostwand und 1890 die Hochgall-Südwand mit Carl Luber. Stabeler hackte 1000 Stufen. »Eine der hervorragendsten Touren in den Zentralalpen.« In den Dolomiten gelangen ihm 25 Neutouren, meist mit Darmstädter. 1889 neue Route auf den Cimone della Pala und Zahnkofel, 1890 und 1891 in den südlichen Sextner Bergen und in der Marmarolegruppe. Sein Denkmal, der Stabelerturm, 1892 mit Hans Helversen. Er kam auch in die Westalpen: 1891 Montblanc, 1901 als Führer Wundts vom Ortler zum Montblanc, Matterhorn und Rothorn. Im Führen war er »über jedes Lob erhaben« (Eduard Wagner), im Lesen und Schreiben wie Michel Innerkofler »mangelhaft«. 1902 kam er mit seinem Sohn vom Matterhorn heim, als ihn noch ein Tourist für den Hochfeiler engagierte. Bei einer Trainingskletterei am Schaflahnernock verunglückte er tödlich.
Quelle: der Bergsteiger 1982, Heft 8, Seite 34





Geboren am:
08.08.1853
Gestorben am:
22.09.1902

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