Zettler Ernst,

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Biografie:
Am 15.Februar 1908 bestieg Ernst Zettler seinen ersten Gipfel. Zehn Jahre später war er mit dem „Kaiserpabst“ Franz Nieberl am Kopftörlgrat unterwegs. 1920 beging er mit Franz Klammer die Fleischbank-Ostwand. Es folgten Bergfahrten in die Westalpen bis zum Montblanc. Von 1907 bis 1931 bestieg er ca.900 verschiedene Alpengipfel.
In drei Büchern dokumentierte er seine Bergtouren.
1908 Best.Unterberghorn,1773m, (Kaisergebirge)
1919 Beg.Ellmauer Halt-Ostgrat „Kopftörlgrat“,III,1000 KM,2344m, (Wilder Kaiser)
1920 Beg.Fleischbank-Ostwand „Dülfer-Schaarschmidt-Führe“,V+,400 HM,2187m, (Wilder Kaiser)
G.Schauer

Ernst Zettler (+)
Anfang Mai 1945 löschte die Pistole in der Hand meines Bergkameraden und Freundes Zettler das Dasein von Frau und Kind und anderntags das eigene, reiche Bergsteigerleben aus. Er glaubte „mit den Seinen den seelischen Belastungen der Zukunft nicht gewachsen zu sein".
Eine furchtbare Tat, vielen wohl unverständlich. Wer ihn aber genauer kannte, mußte sich sagen: „echt Zettler", der nichts halb tat und als ausgesprochene Herren- und Führernatur auch vor der letzten Folgerung nicht zurückschreckte.
Zettler war, wie ich, Zöllner, und so trafen sich unsere Wege zunächst dienstlich und dann sehr schnell als Bergsteiger. Von 1909 bis zu seinem Ende waren wir ständig in Fühlung; er ist im Verein mit Ernst Schlemmer derjenige gewesen, der die meisten meiner großen Fahrten (Schweiz, Pyrenäen) mitgemacht hat. Unser Kleeblatt hat nach seinen eigenen Worten „einen vollen Scheffel Salz auf gemeinsamer Bergfahrt miteinander gegessen"
Vor mir liegen drei in graue Leinwand gebundene Bücher, die ein Bergkamerad aus Zettlers schönem Heim in Igls bei Innsbruck noch gerettet hat: „Mein Bergbuch 1907 bis 1918, 1919 bis 1920 und 1921 bis 1930." Die übrigen konnten in dem Chaos nicht mehr gefunden werden. Sie sind von Ernst selbst mit hübschen Zeichnungen und Lichtbildern geschmückt und enthalten die in den angegebenen Zeiträumen ausgeführten Gipfelbesteigungen, zum Teil sogar in Aufsatzform verzeichnet. Von seinem Fleiß und seiner Systematik im Bergsteigen mögen einige von ihm in Tabellen festgehaltene Zahlen sprechen.
Er bestieg im angegebenen Zeitraum 522 Gipfel zwischen 1500 und 2000 m Höhe, 709 Gipfel zwischen 2000 und 3000 m Höhe, 164 Gipfel zwischen 3000 und 4000 m Höhe und 58 Gipfel über 4000 m Höhe, zusammen also 1453 Berge, darunter 891 verschiedene. Da er, wie ich bestimmt weiß, bis 1945 alpin sehr tätig war, so darf ich, vorsichtig geschätzt seine erstiegenen Berge mit weit über 2000 in Anrechnung bringen. Diese Berge verteilen sich auf fast allen Gruppen der Ost-, auf sehr viele der Westalpen, auf Karpathen, Balkan und Pyrenäen.
Die angeführten Zahlen sind Maßstab für die Leistung, die Zettler alle Zeit hoch schätzte. Er bekannte sich immer offen als Anhänger der alpinen Tat. Hand in Hand damit ging seine etwa in den Jahren 1908 bis 1925 besonders betonte, fanatische Zuneigung zum Bergsteigen alten Stils und strenger Richtung. Er lehnte die Übererschließung der Berge, besonders die allzu üppig bewirtschafteten Hütten und die bequemen Alpenvereinswege in Wort und Schrift unzweideutig ab, wobei er mitunter im Übereifer über das gesteckte Ziel hinausgeschoßen haben mag, wie das ja meines Erachtens auch bei anderen vorgekommen ist. Aber der Grundgedanke, das Bergsteigen rein zu erhalten als Seelenstahlbad, als Mittel zur Gesundung von Körper und Geist, der lebte wahr und echt in diesem Feuerkops und kann „zur Nachahmung empfohlen werden"
Ernst verstand es auch meisterhaft, das auf der Bergfahrt Gesehene und Erlebte mit der Feder in formvollendete Darstellung zu bringen; er hat nicht allzuviel, aber alles sehr schön und begeistert geschrieben und dabei nicht ungern seine humoristisch-sarkastische Art des Denkens und Beobachtens zu Wort kommen lassen. In stiller Stunde hat er mir auch Gedichte vorgelesen, die ich für formvollendet halten muß.
Auch zwei Führer, durch die Berchtesgadener und durch die Allgäuer Alpen, stammen von ihm. Ersteren stellte er 1922 zusammen als Neuauflage des „Zeller-Führers"; letzteren schrieb er 1925. Vorbildliche Genauigkeit und peinliche Ordnung zeichnen die beiden Bücher aus.
Auf der Bergfahrt übernahm er im Gehgelände fast immer den Vortritt; er war den Gefährten besonders auf Schifahrten nicht nur um Nasenlänge, sondern weit voraus. Er ist dabei allezeit nach vorher festgelegtem Plan und unter meisterhafter Benutzung des Kartenmaterials gegangen und hat sich äußerst selten in der Beurteilung von der Gangbarkeit des Geländes getäuscht. Wenn es die äußeren Umstände zuließen, hat er die von ihm im voraus in ihrem Umfang festgesetzte Bergfahrt auch unbedingt durchgeführt. Trotz dieser bestimmten Härte gegen sich und andere war er aber ein Gefährte, wie man sich ihn nur wünschen konnte, ein vorbildlicher Kamerad. Auf der Hütte übernahm er, wo es irgendwie anging, sehr gerne das Amt des Kochs. Und Ernst verstand zu kochen wie nur eine gute Hausfrau. Er war insbesondere Erfinder geheimnisvoller, aber wunderbar
schmeckender Suppen (seine Potage du Midi und á la Vallot, mit den denkbar einfachsten Mitteln erstellt, erweckt heute noch meine Bewunderung). Und wenn dann der gemütliche Teil des Hüttenabends anhub, da war keiner lustiger, ja ausgelassener als Ernst, der uns zur Klampfen mit angenehmer Stimme Lied um Lied jeglicher Schattierung sang und Reden hielt, daß wir uns alle vor Lachen bogen. Gutmütiger Spott verband sich bei ihm
mit durchdringender Schärfe der Logik oft zu erstaunlicher Leistung in der Unterhaltung und ernste Gespräche über alles mögliche Menschliche und Allzumenschliche vermochte er so anschaulich und überzeugend zu führen, daß seine Kameraden daraus stets Anregung und Nutzen schöpfen konnten. Rechne ich dazu sein gutes Talent zum Zeichnen und Malen, das sich in Karikatur wie auch in ernsten Stoffen gleichmäßig äußerte, seinen erlesen guten Geschmack in Auswahl von Büchern, bei der Einrichtung seines wunderschönen Heims auf der Terrasse von Igls u. a., so rundet sich damit das Bild eines Bergsteigers und Menschen von seltener Vielseitigkeit. Er war, wie wir ihn gerne nannten und wie er sich auch gerne nennen ließ, bei uns „der Herr Berge" . Um solchen Kameraden und Menschen vorzeitig trauern zu müssen, ist hart. Aber hell strahlt uns, die wir ihn gekannt, über diesem Trauerdunkel der lichtvolle, unbestechlich gerechte, in jeder Beziehung anständige Mann, geradezu ein Vorbild für unsere Jugend, der ich an dieser Stelle den Schluß seines Vorwortes zum Berchtesgadener Führer zur Kenntnis gebe:
„Und nun, neuer Führer, zieh hinaus; mögest du stets Solchen Pfade weisen, die den Bergen in Ehrfurcht und Liebe nahen, die auch mit dem Herzen über den Niederungen stehen, wenn ihr Auge von ragender Höhe über Täler Tiefe blickt."
F. Nieberl
Quelle: Österr. Alpenzeitung 1950, Folge 1250, Seite 089-090

Gestorben am:
05.1945