Suldengrat - "Langer Suldengrat" - (mit Mitschergrat)

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Routen Details:
Königsspitze 3854m,
erste Ersteigung vom Suldenjoch
(Payerjoch), der Einsenkung zwischen Königsspitze und Zebru über den Suldener Grat am 6. Juli 1877 durch die Herren Julius Meurer aus Wien und Markgraf Alfred Pallavicini mit den
Führern Peter Dangl und Alois Pinggera . Der Suldener Grat führt in südöstlicher Richtung vom Joch zum Gipfel. Nach Aussage der Führer ist dies die schwierigste aber interessanteste Partie in der Ortler-Gruppe.
Quelle: Mitteilungen des DÖAV 1878, Seite 167


Vom Gipfel der Königsspitze senkt sich ein Grat nach Nordwesten zum Suldener Joch hinab, auf den schon Tuckett als eine mögliche Route aufmerksam gemacht hat. Halbwegs zwischen Gipfel und Suldener Joch entsendet dieser Grat einen Kamm nordostwärts, welcher in ein Schneeplateau ausläuft und in Steilwänden gegen den Suldenferner abstürzt. Über diesen Kamm und die obere Hälfte des Suldengrates erreichten Markgraf Alfred Pallavicini und Julius Meurer aus Wien am 6. Juli 1878 die Königsspitze.1) Sie waren um 3 U. morgens mit den Führern Alois und Johann Pinggera und Peter Dangl von der Schaubachhütte aufgebrochen und überquerten den Suldenferner in südwestlicher Richtung, direct auf jenen secundären, auch Königswandgletscher genannten Eisstrom zusteuernd, der von der Königsspitze selbst auf den Suldenferner herabfliesst und durch einen mächtigen Felssporn von dem kleinen, steil abfallenden Gletscher getrennt wird, welcher vom Suldener Joch kommend sich ebenfalls in den Suldengletscher ergiesst. Die Wanderer drangen direct in den Eiskatarakt ein, stiegen eine Weile hinan und wandten sich bald den Felsen zur Rechten zu, auf welchen sie so lange aufwärts kletterten, bis sie wieder oberhalb der Seracs den hier befirnten Gletscher um 6 U. betreten konnten. Der die beiden Gletscherarme scheidende Felssporn setzt oben in einem firnbedeckten Plateau ab, das die Firnplateaux der beiden erwähnten-Secundärgletscher verbindet und sich in einer steilen, nach oben immer schmäler werdenden, dreieckig geformten Halde mit einem Schneekamme vereinigt, welcher den zum Suldener Joch herabziehenden Königsspitzgrat beiläufig in seiner Mitte trifft. Dies war der sichtlich vorgeschriebene Weg, und nachdem um 7 U. 30 der Scheitel der Felsrippe erreicht war, wurde unter fortwährendem Stufenhauen über die steile Halde und den Schneekamm der Suldener Grat gewonnen. Man stand nur mehr 15o m. unter dem Gipfel, aber da der Grat hier wenig geneigt ist, trennte noch eine bedeutende Horizontaldistanz die Ersteiger von dem Ziele ihrer Wünsche. Der erste Theil des Weges von hier ab wurde auf der Kammhöhe selbst zurückgelegt, bis ein mächtiger, unübersteiglich scheinender Felsblock, welcher aus dem Firngrat ragend schon früher Bedenken erweckt hatte, sie zwang, die Südseite der Königswand aufzusuchen und auf dieser das Hinderniss zu umgehen. Die Südseite zeigte sich mit Neuschnee bedeckt, und da bei der enormen Neigung die Lawinengefahr eine grosse war, begannen sie mit grösster Vorsicht von der Kammschneide herabzusteigen.
Das nächste Ziel war jener Felsrücken, der von dem erwähnten Blocke nach abwärts führte. Diese Felsrücken, deren man später noch viele zu überklettern hatte, waren aber so vereist, dass Alois Pinggera nun zum Rückzuge rieth, während Dangl vorschlug, es doch zu probieren, sich vom Seile losband und, um zu recognoscieren, die nächste Felsrippe überkletterte. Sein ermunternder Ruf bewog die Übrigen zu folgen, und unter grossen Schwierigkeiten näherte man sich wieder dem Grate. Als man ihn betreten hatte, waren die Felsthürme im Rücken, in Form eines blendenden Firngrates lag der Weg vor den Beschauern und streckte sich dem nunmehr ganz nahen Gipfel zu. Um 12 Uhr 30, 9 1/2 Stunden nach Verlassen der Schaubachhütte, wurde der Gipfel erreicht und der Abstieg zum Königsjoch angetreten.
Erst am 17. August 1892 wurde diese Tour von H. Ravenstein aus Frankfurt a. M. mit den Führern Andreas Gumpold aus Neustift und Josef Angerer aus Sulden wiederholt. Von der Schaubachhütte 3 Uhr 30 abgehend, nahm die Expedition denselben Weg wie Pallavicini, stieg indessen wegen Steinschlages nicht direct zu jener Einsattlung — der nordöstlich herabziehenden Felsrippe — auf, sondern erreichte ungefähr 10 Minuten näher gegen Sulden den Rücken des Grates. Von der Sattlung aus wurde nach dreistündigem Stufenschlagen die Vereinigung mit dem Suldener Grate erreicht. Bei der jetzt folgenden Gratwanderung boten die Felsthürme, an denen die erste Expedition fast gescheitert wäre, keine nennenswerthen Schwierigkeiten. Um 2 Uhr 15 wurde die Spitze erreicht. Der Abstieg erfolgte über das Königsjoch zur Schaubachhütte.
Dieser Aufstieg über den Suldener Grat wurde am 17. September 1892 von A. Swaine aus Strassburg mit den Führern A. Kuntner und Hans Sepp Pinggera wiederholt, eine Expedition, die dadurch bemerkenswerth ist, dass sich auch der Abstieg auf der gleichen Route vollzog.²) Die Genannten verliessen um 3 Uhr 50 die Baeckmannhütte,³) steuerten gegen den Fuss des Königswandgletschers hin und erreichten die oberen Partien desselben nicht durch die damals ungangbaren Eisbrüche, sondern dadurch, dass sie über die im Sinne des Anstieges rechts liegende Firnschlucht und sodann 20 Minuten über die Felsen hinankletterten. Um 6 Uhr 15 wurde der erwähnte Ferner, um 9 U. 16 der erste Felsthurm des Suldener Grates erreicht und der zweite bald darauf folgende Zacken nicht, wie von den ersten Ersteigern, auf seiner Südseite umgangen, sondern vorne überklettert. Der Gipfel der Königsspitze wurde um 9 Uhr 55 betreten und nach einem Aufenthalte von 25 Minuten auf dem gleichen Wege abgestiegen. Etwas nach 2 Uhr 30 zogen die Wanderer wieder in Sulden ein. Infolge der guten Schneeverhältnisse übte der eigentliche Grat auf die Besteiger keinen so unangenehmen Eindruck aus als jenen, welchen die ersten Besucher nach ihrer Schilderung empfangen zu haben scheinen. Die grosse Steilheit und die zur Mittagsstunde eingetretene Erweichung des die Felsen bedeckenden Schnees geboten während des Abstieges erhöhte Vorsicht, doch wird die Tour in Ansehung des fortwährenden Wechsels von Schnee und Fels im Vereine mit den jähen Abstürzen und fesselnden Ausblicken als in hohem Masse interessant bezeichnet.
Die dritte Ersteigung auf dem gleichen Wege erfolgte sechs Tage später 4) durch Dr. Th. Christomannos mit den Führern A. Kuntner und F. Reinstadler von Sulden aus in 9 Stunden. Wegen Unwetters und Nebels wurde der Abstieg über das Königsjoch und die Schaubachhütte unternommen.

1) Oe. A. Z. 1879, 49.
²) Oe. A. Z. 1892, 279, und M. A. V. 1892, 261.
³) Diese am Fusse des Hinteren Grates gelegene Schutzhütte liess Staatsrath C. Baeckmann aus eigenen Mitteln errichten. Sie bietet Raum für acht Personen und ebensoviele Führer und wurde am 27. August 1892 eröffnet.
4) M. A. V. 1892, 261.
Quelle: Auszug aus Eduard Richter: Erschließung der Alpen, Band II, Seite 115-117

Datum erste Besteigung:
06.07.1878
Gipfel:
Königspitze (Gran Zebru)
Erste(r) Besteiger(in):
Dangl Peter der Ältere
Meurer Julius
Pallavicini Alfred Markgraf
Pinggera Alois
Pinggera Johann (Führer)