Macholt Karl
(
Bearbeiten)
Biografie:
Karl Macholt (+)
Ein schwerer Tag geht seinem Ende zu. Was hat er jedem gebracht? Einer kleinen Schar von Bergsteigern, die hoch oben am Obergabelhorn, auf dem Arbengrat, im Abstieg sind, hat dieser Berg nur wenig Gipfel- und Bergglück geschenkt. Es stürmt schon seit langem - es schneit. Wolken schlagen immer wieder um die Wände, das Wetter erscheint trostlos. Wo ist die richtige Spur, der beste Gratweg? Nichts ist mehr zu erkennen. Die kleine Schar aber rückt dennoch tieferwärts; sie kämpft um den Abstieg ins Tal. Da reißt es auf im Nebelgrau — ein tiefer Abgrund wird sichtbar, liegt unmittelbar unter ihnen. Es geht nicht mehr weiter — verirrt! Sie müssen wieder ein Stück zurück, und jetzt sehen sie den zuoberst Stehenden abrutschen und lautlos verschwinden. Karl Macholt stürzte zu Tode. ...
Nach den Spuren wird gesucht, aber alles bleibt erfolglos, der Kamerad kann nicht mehr gefunden werden. Die furchtbare Gewißheit, den harten Schlag nehmen die übrigen der Schar mit über den Grat hinunter. Sie müssen sich selbst in Sicherheit bringen. Neuschneelawinen stürzen in der Wand, dichte Sturmwolken ziehen über Grat und Berg.
Die Nacht bricht herein. Der 30. Juli ist zu Ende. Die kleine Schar sitzt am Arbengrat im Biwak, Karl Macholt schläft bereits den ewigen Schlaf oben in der Wand oder unten irgendwo auf dem Gletscher. Zu dem gestürzten Körper neigen sich die Schneemassen und bedecken ihn fürsorglich, gar bald hat er seine Totenhülle gefunden.
Die starken Schneefälle halten durch, Stürme jagen um die Gipfelwelt der Walliser Höhen. Es wird immer ärger, das Wetter zeigt seine furchtbarsten Wirkungen. Die Berge sind seit Tagen unangreifbar geworden, Und dennoch suchen brave Bergkameraden, Klubkameraden, im hohen Neuschnee bei gefahrdrohenden Verhältnissen, unter Einsatz aller Hilfsbereitschaft und Opferwilligkeit — um dem Berg sein gefälltes Opfer zu nehmen.
Es ist umsonst, alle Mühe vergebens, die Spuren sind verdeckt, die grausame Tat ist verwischt. Verschollen bleibt Freund Macholt. Ebenso wie unsere Seilgefährten Herrmann und Fickert. Hier am Obergabelhorn, damals am Zinalrothorn; in beiden Fällen ist Schlechtwetter die unmittelbare Schuld. Wir alle, die auf Berge steigen, wir wissen, was es heißt, um sie zu kämpfen. Wir wissen auch, was uns unsere Gipfelwelt schenkt, wie uns Bergsteigern das Leben dadurch ausgefüllt wird. Erkennen wir aber auch richtig die andere Seite dieser Geschenke, wo sie gerade gegenteilig ausfallen und uns Schmerz, unersetzlichen Verlust zufügen. Teures zu verlieren ist immer schwer, bitter, vom Liebgewonnenen Abschied zu nehmen.
'Wenn aber die Berge die Ursache sind, dann schleicht sich wohl auch die Frage ein: War es klug, was wir getan? Der 24jährige Karl Macholt war viele Jahre Mitglied der Bergsteigergruppe der Sektion Österr. Gebirgsverein und seit wenigen Wochen Mitglied unseres Klubs. Zum erstenmal trug er unsere silbernen Edelweißblüten hinaus in die Berge, seinem ersten Viertausender entgegen. Da wollte es auch schon das Geschick, daß es nur bei diesem ersten Hinausziehen bleiben sollte. Die vielen vorherigen Erfolge (Gesäuse- und Dachsteinturen), seine schönen Bergfahrten im Dolomitenfels (Civetta-Nordwestwand, Pelmo-Nordwand,
Saß-Maor-Ostwand, Schleierkante, Marmolata-Südwand, Einser-Nordwand u. a.) ließen auf gleichwertige Ausbeute hoffen. Mit größter Freude bereitete er seine erste Westalpenfahrt vor, wußte sich Ratschläge einzuholen und war hocherfreut, als endlich die letzte Arbeitsstunde schlug. Der Urlaub war da. Sehnsucht der Jugend, die Ersteigung von Matterhorn, Weißhorn u. a. sollte Erfüllung finden. Taten, ähnlich denen, die schon hinter ihm lagen, sollten dann folgen. Da brachte es eine kleine Eisrinne am Arbengrat zustande, daß sein stürmendes Bergsteigerherz für ewig zum Stillstand kam.
Im Klub war Karl Macholt wohl noch unbekannt geblieben, doch im Kreise der Bergsteigergruppe hatte er seine Freunde, mit denen er sich aufs beste verstand. Groß ist die Lücke, die sein Scheiden in unsere Reihen gebracht hat, und wir stehen noch immer tiefergriffen dem Ereignis gegenüber. Einer unserer Besten war er, der gutherzige Karl, der jeden Spaß, jede ernste Lage verstand. Ganz gleich, wo er war, sein gewinnendes Wesen warb unbemerkt für ihn.
Oben am Berg liegt nun der Kamerad in ewiger Ruhe. Immer, wenn die Sonne aufgehen wird in seinem Reiche, werden von neuem Flammenlicht die Berge ringsum erglühen. Eiswände werden funkeln und Gipfelwächten leuchten, Lawinen und Steinschläge donnern, und das Matterhorn ist ihm, wie vielen anderen in seinem Reiche, zum erhabenen Grabmal geworden.
Hubert Peterka.
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1936, Folge 1175, Seite 272-273
Gestorben am:
1936