Krafft Albrecht von

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Biografie:
geboren in Rothenfels a.M. (Deutschland)
gestorben in Kalkutta (Indien)

Nicht immer schneidet derjenige die Frucht, der sie gepflanzt hat. Zu früh wird er zuweilen selber von dem mächtigeren Schnitter dahingemäht, bevor die Aussaat beendet ist. Dann kommen andere und ernten. Er selbst hat vielleicht nie an die Ernte gedacht. Ihm war die rastlose Aussaat das Leben. Solcher Art sind die eisernen Arbeitsnaturen, welche den Fortschritt auf allen Gebieten menschlichen Strebens in sich tragen. Sie sind die leuchtenden Beispiele mannhafter Tüchtigkeit, denen die That alles, das Leben ohne That nichts ist. Aber wer im Kampf der Vorderste, der fällt oft zuerst. Nur der Untüchtige schont sich; die Reihen der Tüchtigen decimiert das Verhängnis nach ewigem Gesetz.
Albrecht Krafft v. Dellmensingen war ein Mann solcher Art. Von seltenem Erfolge in allem Thun begleitet, am erfolgreichsten in seiner im idealsten Sinne fruchtbaren alpinistischen Thätigkeit, verheissungsvoll in seiner jäh abgeschnittenen wissenschaftlichen Laufbahn, als Mann die bewundernde Achtung und Sympathie aller im Flug erobernd, die ihn kennen lernten, ist er kaum jemals in die breite Oeffentlichkeit getreten. Ihm blieb dafür die neidlose Anerkennung der Besten und das Bewusstsein der That. Aus der Sicherheit im eigenen Wert entsprang seine liebenswürdige, ihm selbstverständliche Bescheidenheit. Rastlose Thätigkeit war ihm das Leben, dem der unerbittliche Schnitter auf der Schwelle des reifen Mannesalters ein Ziel gesetzt hat.
Am 17. März 1871 zu Rothenfels a. M. (Unterfranken) geboren, hat Albrecht v. Krafft seine Gymnasialzeit erst in Kempten, dann in München absolviert und 1889 die Hochschule bezogen. Er widmete sich zunächst dem Studium der Rechtswissenschaft auf der Münchener Universität und zeitweise zu Genf. In diese Jahre fällt die überaus reiche Entwicklung seiner alpinistischen Thätigkeit. Im Alter von dreizehn Jahren hatte er schon in Begleitung seines Vaters die Kleine Zinne erklommen. Weitere Anregung gaben ihm die glänzenden Erfolge Georg Winklers, und in der Nacheiferung dieses geistesverwandten, wenig älteren Genossen hat Krafft Ende der Achtzigerjahre eine Reihe bahnbrechender Touren im Wilden Kaiser ausgeführt, ein Gebiet übrigens, in dem er auch in späteren Jahren neue alpine Aufgaben gelöst hat. Nicht ohne Wehmuth werden wir künftighin in jenem ehrwürdigen ältesten Tourenbuch von Hinterbärenbad die zahlreichen klar und schlicht in kerniger Handschrift niedergelegten Berichte Kraffts neben denen Winklers lesen. Aber Krafft blieb kein einseitiger Sportkletterer, sondern er erkannte den höheren Wert des Alpinismus in der mehr als körperliche Sporttüchtigkeit erfordernden selbständigen Durchführung grosser alpiner Unternehmungen. Ein turnerisch im höchsten Masse durchgebildeter Körper mit einer athletischen Muskulatur, ein offenes Auge und ein fast unglaublicher Orientierungssinn, Entschlossenheit im Handeln und die unbeugsamste Zähigkeit des Willens befähigten ihn in ungewöhnlichem Masse dazu, und so wurde er gleich Zsigmondy und Purtscheller ein Pionier der „Führerlosen" in den grossen Gletschergebieten der Alpen: in den Bergen Zermatts bei der Bezwingung der meisten Hauptgipfel und grossartigen Unternehmungen, wie dieUeberschreitung des Matterhorns; in der Ortler Gruppe, wo nur die Riesenkammwanderung vom Piz Tresero zum Cevedale erwähnt sein mag; in fast sämtlichen Theilen der Dolomiten, beim Besuch der wichtigsten Gipfel wie bei der Ausführung der allerschwierigsten Kletterprobleme; bei einer grossen Reihe von Touren in verschiedenen sonstigen Theilen der Ostalpen, wie bei der erstmaligen führerlosen Erkletterung des Watzmanns von St. Bartholomä aus, bei der schwierigen Gratüberschreitung vom Hochtenn zum Wiesbachhorn, schliesslich bei einer Anzahl hervorragender Felswanderungen im Karwendelgebirge. Ueberall hat sich Krafft als glänzender Felsklimmer wie als vollendeter Gletschermann, als berufener Leiter seiner Gefährten bewiesen. Der Eindruck solcher Bergfahrten auf den empfänglichen Sinn des jungen Mannes hatte sich zur gesteigerten Hingabe an die majestätische Natur des Gebirges vergeistigt: wiederum ein wahrhaft idealer Erfolg des Alpinismus. Aber der Erfolg war ein doppelter: Kraf f t erkannte, dass ein naturwissenschaftlicher Lebensberuf allein imstande sei, das Streben seines Geistes voll und ganz auszufüllen. Aber — ein Zeichen classischer Energie und Strenge gegen sich selbst — erst nach Vollendung des erstgewählten Studiums und nach erfolgreich^ bestandenem Schlussexamen (1894) wandte er sich der geologischen Wissenschaft, seinem neuen Berufe, zu. Nach dreijährigen Studien, erst ein Jahr in München, dann zwei weitere Jahre in Wien, erwarb er sich hier 1897 die philosophische Doctorwürde und wurde im selben Jahre von der k. k. geolog. Reichsanstalt zu geologischen Aufnahmen in das Gebiet der Cima d'Asta entsendet. Er nahm übrigens auch an dem internationalen Geologencongress zu Moskau theil (Ausflug nach Livland). Die Urtheile seiner wissenschaftlichen Lehrer und Vorgesetzten sind einig über seine ausgezeichnete persönliche Eignung zu seinem Beruf wie über seine aus heissester Begeisterung und edelstem Ehrgeiz entspringende Hingebung an seine Wissenschaft: „Er war zum Feldgeologen wie geschaffen." Aber was in deutschen Landen eine Generation von Fachgelehrten zu thun übrig gelassen hatte, vermochte seinem intensiven Forschungsdrange nicht zu genügen. Nicht entzifferte Lettern zu commentieren, sondern jene geheimnisvolle Schrift der Schöpfungsgeschichte des Erdballes in ihrer jungfräulichen Majestät zu erkennen, das war ihm die höchste Aufgabe. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Eine erste ausserordentliche Gelegenheit war ihm durch ein Anerbieten des Herrn W. Rickmer-Rickmers gegeben, welcher ihn kennen und schätzen gelernt hatte und ihn aufforderte, ihn auf einer wissenschaftlichen Reise nach Centralasien, nach Bochara und zum gewaltigen Hochland von Pamir zu begleiten (1898). Herr Rickmers war der Letzten einer, welche Krafft genauer kennen gelernt haben; nach sechsmonatlichem Zusammensein verband beide ein inniges Freundschaftsverhältnis. Könnte man treffendere Worte finden zu einer Charakteristik Kraffts als das Urtheil dieses Freundes? „Ein Mann, der sich nach keiner Seite jemals eine Blösse gab; ein harmonischer Mensch im männlichsten und schönsten Sinne. Ein bewundernswertes Beispiel der Arbeitsfreudigkeit, ein wertvoller Berather in seinem Fache, auf den Bergen ein Bild ruhiger, selbstbewusster Gewandtheit und eine felsenfeste Stütze."
Von der bocharesischen Reise kaum zurück, erhielt Krafft von der englischen Regierung einen glänzenden Antrag zum Eintritt in den geologischen Reichsdienst für Indien. Seine endgiltige Berufung als Mitglied der Geological Survey of India erfolgte alsbald nach seiner persönlichen Vorstellung in London. Mit Schluss des Jahres 1898 verliess er den Boden Europas auf immer. Während seines Aufenthaltes in Indien hat er zwei grössere, je sechsmonatliche Himalayareisen ausgeführt. Sein Beruf hat ihn bis zu den Quellen des Ganges und mehrfach in Höhen von 19.000 Fuss geführt, er hat das Erhabenste gesehen, was ein Alpinistenherz bewegen kann. Im Jahre 1899 hatte er auch einen eigenen Herd begründet und Miss Mabel Bremner aus Edinburgh als Gattin heimgeführt. Freilich nur zu kurzem Glück. Nachdem eine Reise nach Tibet 1900 durch die chinesischen Wirren vereitelt war, betheiligte sich Krafft an einer Expedition in das südarabische Sultanat Oman. Eine weitere Berufung nach Belutschistan stand bevor. Aber ungeheure Strapazen auf der arabischen Reise hatten wohl den Todeskeim in seine Brust gelegt. Am 21. September war er nach Calcutta heimgekehrt, fieberkrank, doch froh, diese gefahrvolle Reise glücklich hinter sich zu haben. Am Tage darauf klagte er abends seiner jungen Gattin plötzlich über heftigen Schmerz in der Herzgegend, und im nächsten Augenblicke schon hatte eine Herzlähmung seinem jungen Leben ein jähes Ziel gesetzt.
Sein Lebensbild erinnert in mehr als einem Zuge an das Hermann v. Barths. Gleich diesem wurde er von einem tragischen Geschick mitten in seiner Wirksamkeit in fernen Landen ereilt, zu früh für seine Wissenschaft, welche für ihre grossen Aufgaben ganze lange Menschenleben erheischt. Indem Albrecht v. Krafft mit Barth und Winkler in Bezug auf die glückliche Sicherheit des Wollens und unbeugsame Energie und Stetigkeit des Willens, die wir als Genie bezeichnen dürfen, in eine Reihe zu stellen ist, indem er gleich jenen vorbildlich auf eine ganze junge Alpinistengeneration gewirkt hat, hat er die Erfolge eines persönlichen Wirkens in ungleich weiterem Kreise hinterlassen können. Er hat es verstanden, die Keime der alpinen Begeisterung, welche jene Vorkämpfer des Alpinismus zuerst in den jugendlichen akademischen Geistern erweckt hatten, in zielbewusster Weise zu pflegen. Im Banne seiner Persönlichkeit hat sich vor acht Jahren jenes Häuflein bergbegeisterter Musensöhne zusammengefunden, aus deren Mitte heraus sich unter der energischen Führung Kraffts der Akad. Alpenverein München begründete. Keine Section, aber doch in glücklicher Organisation dem D. u. Oe. Alpenverein untrennbar angegliedert, hat dieser- Verein im Geiste seines Gründungsvorstandes während acht Jahren einen idealen Alpinismus gepflegt, die Begeisterung dafür in immer weitere akademische Kreise getragen und die thatkräftige Jugend unserem grossen Gesamtverein als Mitglieder der verschiedensten Sectionen zugeführt. Dieses Werk knüpft sich an den Namen Albrecht v. Kraffts, es ist sein unvergänglichstes Verdienst um den D. u. Oe. Alpenverein, sein lebendiges Denkmal.
Er starb im fernen Lande, das seine sterblichen Reste empfangen hat. Nur wenige Freunde haben ihm auf seinem letzten Gange das Geleite gegeben. Aber in denen, welche ihn schätzen gelernt, lebt sein Name und sein Bild. Ins lautere Gold treuen Freundesandenkens hat sein eiserner Mannescharakter Spuren geprägt, welche nicht verlöschen sollen.
Ernst Platz.
Quelle. Mitteilungen des DÖAV 1901, Seite 253-254

Krafft Dellmensingen von Albrecht Dr., * Rothenfels a.M. (Unterfranken),
später Kempten,München,Wien,+ Kalkutta (Herzversagen)
Am 12.11.1892 gründete Krafft mit elf Gleichgesinnten den Akademischen Alpenverein München (AAVM).Er war Pionier der „Führerlosen" in den großen Gletschergebieten der Ost-und Westalpen, bei den Besteigungen der meisten Hauptgipfel in fast sämtlichen Gebieten der Dolomiten.
1884 Best.Kleine Zinne,2857m, (Sextener Dolomiten)
1888 5.Best.u.1.Beg.Totenkichl-Nordostwand „Krafftkamin“,zur 1.Terrasse,IV-,100 HM,2190m,
(Wilder Kaiser)
1888 1.Beg.Totensessel „Krafft-Führe“,1745m, (Wilder Kaiser)
1889 2.Best.Winklerturm-Südostwand,IV+,150 HM,2800 m, (Rosengarten)
1889 1.Beg.Ortler-Ostnordostgrat „Marltgrat“,III,bis 50°,3905m, (Ortlergruppe)
1890 3.Best.u.1.Beg.Fleischbank über die Nordwestseite vom Schneeloch „Krafftriߓ,IV,50 HM,2187m,
(Wilder Kaiser)
1890 1.Beg.Fleischbank-Krafftriß (aus der Fleischbankscharte),2187m, (Wilder Kaiser)
1890 1.touristische.Best.Klein u. Mitterkaiser-Hauptgipfel von Süden „Normalweg“,2007m,
(Wilder Kaiser)
1890 1.Best.Hintere Karlspitze-Nordflanke vom Schneeloch,III,400 HM,2283m, (Wilder Kaiser)
1890 1.Beg.Östliche Simonyspitze-Südflanke „Variante",3488m, (Venedigergruppe)
1890 1.Überg.Östliche Simonyspitze,3488m, zur Westlichen Simonyspitze „Schartenabstieg",3488m,
(Venedigergruppe)
1891 1.Best.Goinger Törlspitze aus dem Griesner Kar,2193m, (Wilder Kaiser)
1891 1.Beg.Hintere Nonnenspitze-Westgipfel von Norden,3254m, (Ortler Alpen)
1891 1.Überg.Caterina Rocca S.,3529m, zur Cima di Peio,3549m, (Ortler Alpen)
1891 1.Überg.Punta Taviela zur Cima di Peio (Punta di Peio),3549m, (Ortler Alpen)
1891 1.Überg.Cima di Peio (Punta di Peio),3549m, zur Caterina Rocca S.3529m, (Ortler Alpen)
1891 1.Beg.Vertainspitze-Westflanke des untersten Gratkopfes des Südwestgrates,3541m,
(Ortler Alpen)
1891 1.Best.Madritschspitze über Nordwestflanke,3265m, (Ortler Alpen)
1891 1.Überschreit.Cevedale,3778m,-Punta San Matteo,3678m, in 21 Std., (Südliche Ortler Alpen)
1891 1.Überschr.Veneziaspitze II,3371m, und III,3356m,von Ost nach West, (Ortler Alpen)
1892 1.Best.Hintere Schranspitze über Ostsüdostgrat,3357m, (Ötztaler Alpen)
1893 1.Beg.Kleinkaiserl-Südwestwand,2216m, (Kaisergebirge)
1893 1.Beg.Treffauer-Ostgrat,III,2304m, (Wilder Kaiser)
1893 1.Überschr.Vordere Madatschspitze3184m,- Mittlere Madatschspitze,3313m,-
Hintere Madatschspitze,3432m, (Ortler Alpen)
1893 1.Überschr.Königspitze,3859m,-Zebrú,3740m,-Ortler,3905m, (Ortler Alpen)
1893 1.Beg.Übergang Pizzo Tresero,3594m,-Cevedale,3778m, (Ortler Alpen)
1893 1.Überschr.Cima del Forno von Ost nach West, (Ortler Alpen)
1894 1.Beg.Schafkarspitze-Südwand,2513m, (Karwendelgebirge)
1894 1.Beg.(Alleinbeg.)Grohmannspitze „Krafftkamin“,IV,3126m, (Langkofelgruppe)
1895 1.Best.Barthspitze,2661m, (Karwendel)
1895 1.Führerlose Beg.Watzmann-Ostwand „Kederbacher Weg“,IV,2713m, (Berchtesgadener Alpen)
1895 6.Beg.Watzmann-Ostwand „Kederbacher Weg“,IV,1800 HM,2713m, (Berchtesgadener Alpen)
1895 1.Beg.Spritzkarspitze von Norden aus dem Eiskarl,2605m, (Karwendel)
1895 1.Beg.Spritzkarspitze von der Eng durch die Eiskarln,2605m, (Karwendel)
1896 9.Beg.Watzmann-Ostwand „Kederbacher Weg“,IV,1800 HM,2713m, (Berchtesgadener Alpen)
1898 Teiln.Bochara-Pamir-Expedition, (Zentralasien)
2.Beg.Winklerturm-Südostwand „Winklerriߓ,IV+,120 HM,2800 m, (Vajolettürme,Rosengarten)
Überschr.Matterhorn,4478m, (Walliser Alpen)
Überschr.Piz Tresero,3594m, zum Cevedale,3778m, (Ortler Alpen)
Überschr.Hochtenn,3318m, zum Wiesbachhorn,3570m, (Hohe Tauern)
Gerd Schauer, Isny im Allgäu




Geboren am:
17.03.1871
Gestorben am:
22.09.1900

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