Gerin Richard

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Biografie:
Richard Gerin
Auch er war ein Kluboriginal reinsten Wassers! - Focht der besinnliche Mürzzuschlager seine alpinen Fehden aus dem Handgelenk zu Ende, der Kraftmeier Gerin schwang sein alpines Schlachtschwert übermütig lachend mit beiden Händen zum Sieg. Und nicht nur das alpine, sondern auch jedes Sportgerät, dem im Männerkampf die Siegespalme winkte. Bob oder Skeleton am Semmering, Einser oder Achter auf der Donau, Pferderennen oder Parforceritt, Motorrad oder Rennwagen, Athletiksport jeder Art, - was er mit seinen nervigen Händen anfaßte, gelang. Ihm, dem Allround-Sportsman eines sprichwörtlichen Glückes, flogen die Herzen zu. Auch dann, wenn er einmal aus der Bobkurve flog und wieder kunstvoll geflickt werden mußte! Diesem Urwiener des gutbürgerlichen Wohlstandes der Luegerzeit verzieh man jede Extravaganz, nur nicht eine klare sportliche Niederlage. Er hatte stets eine gute Presse, und die Weiblichkeit war ihm hold. - Man sollte meinen, daß so ein Kavaliersleben in Saus und Braus zur Dekadenz führen müßte - mitnichten! Der "schöne Richard" stellte auch dort seinen Mann, wo es hart auf hart ging, und zwar im Hochgebirge ohne Tribünenjubel und Siegesehrung. Und was für einen Mann! Seine alpinistischen Erfolge nach seinem Eintritt in den ÖAK, 1905, wurden selbst in unserem kritischen Kreise als außerordentliche eingeschätzt. Kurz skizziert lasse ich die wichtigsten alpinen Erfolge für sich sprechen:
1904 Ödsteinkarturm-Nordgrat, 1. Erst.; Dachstein-Südwand; Ödstein-Nordwand.
1905 Watzmann-Ostwand.
1906 Hochthron-Ostwand, 1. Erst.; Scheiblingstein-Ostwand, 1. Erst.
1907 Ortler-Marltgrat, Gratüberschreitung; Großer Eiskogel - Thurwieserspitze-Trafoier Eiswand-Schneeglocke, 1. Üb.; Mörchnergrat; Barthgrat des Hohen Göll; Erschließung der Manndlwand des Hochkönigs.
1908 Hochseiler-Westgrat; Hochkönig, Wetterwand; Prisanig-Ostwand, 1. Erst.
1909 bis 1911 Breithorn-Südgrat; Großer Pyhrgas-Nordostwand; Grimmig-Nordwand, 1. Erst.; 1. Üb. West-Ost Krimmler Tauernkamm; Triglav-Nordwand.
1912 Großglockner-Nordostgrat und Südwand; Glocknerwand-Nordwand; Kastengrat; Glockerin-Nordwand, 1. Erst.
Unter seinen Seilpartnern finden wir Namen wie Garns, Zimmer, Pichl, Plaichinger, Wieder, Friedl, Pitschmann, Szalay, Awerzger u. a.
Mit Kriegsausbruch wurde Gerin als Leutnant und Ordonnanzoffizier einem Korpskommando in Russisch-Polen zugeteilt, mehrfach dekoriert und schließlich als Alpin-Referent im Ortlerabschnitt eingesetzt. Dort erkämpfte er sich unvergänglichen Waffenruhm durch seine tollkühnen Erstürmungen der Königsspitze, der Madatschspitze von Norden und beim Kampf um die Trafoier Eiswand. Seine Waffentaten fanden in dem Kriegsbuch von Christian Röck „Das Fähnlein von Trafoi" ehrende Würdigung.
Heimgekehrt widmete er sich dem Wiederaufbau seines Wiener Großdruckerei-Unternehmens, überwand alle wirtschaftlichen Schwierigkeiten und steuere sehr bald den sicheren Hafen des Aufstieges und Erfolges an. 1932 feierte er eine späte Probe seines alpinen Könnens und eroberte den Südwestgrat des Großglockners als seine dritte neue Glocknerführe!
In diesem Sommer begegnete ich dem noch immer smarten Richard bei den Salzburger Festspielen auf der Stadtbrücke, einen riesigen Rennwagen steuernd — lässig zurückgelehnt, die Pfeife im Mundwinkel, eine Original schottische Hochländermütze betont schief auf dem Scheitel, zur Seite eine schicke Weiblichkeit, jeder Zoll eine köstliche Kopie "Seiner Lordschaft", dem Verkehrsposten gnädig zuwinkend. - Sowas machte ihm, dem Spötter aus Vergnügen, ungeheuren Spaß!
In der totalitären Zeit verlor ich ihn aus den Augen und nachher erst recht, denn der Gute hatte sich nach Nordtirol abgesetzt. Inzwischen heiratete dieser hartgesottene Junggeselle und erschien 1951 beim 4. Bergtreffen des Klubs im Arthurhaus mit Weib und Kind. Unser Zusammentreffen stand ganz im Zeichen einer oft verhinderten, aber darum um so unverbrauchteren Herzlichkeit. Niemand ahnte, daß dieser humorgeladene, trinkfeste Achtundsechziger vor dem körperlichen Zusammenbruch stand. Am 17. Mai 1952 machte ein Herzschlag seinem taterfüllten Leben ein frühes Ende.
Richard Gerin hat nicht gerne zur Feder gegriffen, um seine Bergeindrücke festzuhalten. Nur drei alpine Ereignisse überwanden seine Scheu zu erzählen: Watzmann-Ostwand, die Mörchnergrat-Überschreitung und seine Glockneranstiege wurden Beiträge für unsere ÖAZ. In seinem „Großglockner"- Artikel, ÖAZ. 1932, deckte er freimütig seine Karten auf und umriß sein kühnes Lebensbild mit sicheren Strichen. Dabei gelang ihm, vielleicht ganz unabsichtlich, ein wahres Kabinettstück originellster Selbstbetrachtung.
Auch sein letzter Weg zur ewigen Ruhe führte abseits des Herkömmlichen ins Heroische. Seine Witwe erfüllte ihm den Wunsch, "zu Füßen des Glockners" ruhen zu dürfen. So wurde der Friedhof von Heiligenblut seine letzte Rast. Ehre seinem Andenken!
Otto Langl.
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1955, Folge 1279, Seite 26-27

Richard Gerin
war ein Sportsmann außergewöhnlichen Formates. Über 200 bedeutende Neutouren (u. a. mit K. Wieder, F. Riebe, O. Pitschmann), einer der ersten Skipioniere, auch internationale (50) skisportliche Erfolge (u. a. Goldene Nansen-Medaille) und Sieger in zahlreichen Bobrennen (mit Szalay). Festkogel N-Wand Schmitt 3. B. + Gr. Ödstein Üb., Gr. Ödstein N-Wand Pichl-Hampl 3. B., Reichensteinstock 1. Üb. W-O, Ödsteinkarturm N-Grat 1. B., Haindlkarturm NW-Wand 1. B., Hochtor N-Wand, Pfannl (frühzeit. Beg.), Jahn 2. B., Hallermauerngrat 5. vollst. Üb., Eiskarlspitze 3. Üb., Laubheimerweg 2. B., 1. Abst., Dachstein S-Wand 5. B., N-Grat 4. B., Torstein S-Wand, Watzmann O-Wand 15. führerl. B., dir. Ausstieg zur Südspitze 1. B., Triglav N-Wand 7. B., Prisang O-Wand 1. B., Neutouren in der Brenta, Marmolata S-Wand 7. führl. B., Ortler Üb. dir. Marltgrat 3. führl. B. + Hochjochgrat, Gr. Eiskogel + Thurwieser + Trafoier Eiswand, Bäckmanngrat + Tukettjoch, Mörchnergrat Üb. 1. B., Gr. Mörchner NW-Wand 1. B., Olperer Üb. SO-Grat 1. B. + Fußstein, Kitzsteinhorn S-Grat 2. B., Sinnabelek N-Wand 1. B., Hochtenn N-Wand 1. B., Großglockner NO-Grat und S-Grat, jeweils 1. B., N-Wand. 1. B. (jetzige „Berglerrinne"), Glocknerwand NO-Wand 1. B. + anschließend Üb. zum Großglockner (1. Überkletterung sämtlicher Türme), Klockerin W-Grat 1. B., Eiskögele Kastengrat 1. B., Hohe Riffel Totenkopfgrat 1. B., 1. vollst. Üb. des Krimmlerkammes von der Birnlücke zum Krimmlertörl, Dreiherrenspitze Üb. NW-Grat 1. vollst. B. + O-Grat 2. B. 1. Abstieg, Neutouren in den Loferer- und Leoganger Steinbergen sowie im Tennengebirge, Erschließung der Granatspitzgruppe (36 Neutouren mit R. Szalay, G. Hecht) und zahlreiche weitere, sehr bedeutende Neutouren im Hochkönigstock mit Manndlwand, Tennengebirge, Lienzer Dolomiten, Dachstein und Glocknergruppe in Begleitung von R. Szalay, M. Hilber, A. Awerzger, G. Hecht und J. Reischmann. Als Kommandant der 1. Bergführerkompagnie im Ortler u. a. N-Wände von Trafoier Eiswand und Thurwieser. Zahllos sind die Skibergfahrten Gerins, der 1906 von der Einstockfahrweise Zdarskys zur norwegischen Fahrtechnik übergegangen ist. Zusammen mit seinem Bruder Rudolf und O. Pitschmann bildete er eine sieggewohnte „Dreiermannschaft". Es sei hier vermerkt, daß Gerins Glocknerfahrten 1911 größtenteils erst von der jungen Generation wiederholt wurden z. B. Großglockner NO-Grat 2. B. durch H. Peterka, F. Herrmann, H. Majer von der „Exzelsior" 1927, Glocknerwand NO-Wand 2. B. durch R. Kerschbaum, Kienzl, Schlaudosich 1934 und Hochtenn N-Wand 3. B. durch H. Jara, L. Grazer (Zweitbegeher der Meje S-Wd.) 1927. Für die Kühnheit Gerins sprechen auch gewagte Erstersteigungsversuche z. B. 1923 mit M. Hilber auf die NW-Wand des Hinteren Bratschenkopfes und die NW-Wand des Gr. Wiesbachhorn, also Probleme, die erst durch W. Welzenbach (1. Einsatz von Eishaken) und F. Herrmann gelöst wurden. Kein Geringerer als Welzenbach hat Gerin seinerzeit als einen der „erfolgreichsten Erschließer der Alpen" bezeichnet, und dies sagt viel!
Quelle: Jahresbericht der Hochtouristischen Gruppe „Bergland“ der Sektion Wien des ÖAV (1970-1973), Seite 8-9


Gestorben am:
1952

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