Dülfer Hans

(Bearbeiten)

Biografie:
geboren in Barmen (Deutschland)
gestorben in Arras (Frankreich) im 1. Weltkrieg
Dülfer wurde von seinen Kameraden in einem Soldatengrab begraben, später in ein Gemeinschaftsgrab in Neuville/St. Vaast umgebettet.
Musikstudent, Abtiur 1911
Mitglied im Akademischen Alpenverein München
Mitglied der DÖAV Sektion Bayerland in München
Insgesamt 50 Erstbegehungen.
Erste Begehung der Fleischbank-Ostwand am 15. Juni 1912 mit W. SchaArschmid;
Erste Begehung des "Dülferrisses" an der Fleischbank im Alleingang;
Erste Begehung der Ostwand des Schwalbenkofels im Jahre 1912 mit W: Schaarschmid;
Erste Begehung der Westwand des Predigstuhl im Jahre 1912 mit Hanne Franz (Freundin von Dülfer);
Erste Begehung der Westwand der Westlichen Zinne am 1. August 1912 mit W. Schaarschmid;
Erste Begehung eines neuen Weges in der Südwand der Westlichen Zinne am 13. August mit W. von Bermuth;
Erste Begehung der Westwand (eine seiner schwierigsten Neutouren) der Großen Zinne am 18. August 1913 mit W.T. von Bernuth;
Erste freie Erkletterung der bizarren Nadeln der Guglia Edmondo des Amicis und der Torre Diavolo in der Cadingruppe am 23. August 1913 mit Vater Emil, Willi von Bermuth, Frau Kasmapoff und Bergführer Anton Zelga;
Erste Begehung der unmittelbaren Westwand des Totenkirchl (2193m) am 26. September mit W. von Radwitz;
Erste Begehung der Ostwand des Lärcheck (2124m) mit Hans Fiecht, Walter und Willi von Bermuth;
Erste Begehung der Südwand der Cisler Odla (1914)
Wurde in den Grödener Dolomiten vom Kriegsausbruch überrascht. Stellte sich nachher als Kriegsfreiwilliger und kam an die Westfront.
Quelle: Archiv Proksch (Österr. Alpenklub)

Im 1. Weltkrieg gefallen

Immer zahlreicher werden die Wunden, die der furchtbare Weltkrieg unserem Verein schlägt. Wie viele der Besten hat uns die unerbittliche Hand des Todes auf den Schlachtfeldern bereits geraubt. Wieder stehen wir tief erschüttert durch die Kunde, daß uns einer der vielversprechendsten aus unser wackeren jüngeren Alpinistengilde, Hans Dülfer, Mitglied unserer S. Bayerland, am 15. Juni bei Arras durch den Heldentod für deutsche Ehre entrissen worden ist. Dülfer ist in den weiteren Kreisen unseres Vereins noch weniger bekannt gewesen, desto besser aber bei allen jüngeren Hochalpinisten, unter denen Dülfer, wie Hans Nieberl treffend sagt, „eine Klasse für sich war". Erst 22 Jahre alt, hatte Dülfer durch eine Reihe von Kletterleistungen, die vieles vorher Vollbrachte weit in den Schatten stellten, sich einen Namen gemacht, der in der Geschichte des Alpinismus immer einen Ehrenplatz haben wird. Dabei war Dülfer nicht etwa ein das Leben geringschätzender, blinder Draufgänger, dem wie manchem Allzukühnen früher oder später doch ein jähes Mißglücken eines Planes ein rasches Ende gebracht hätte. Alle, die den Vorzug hatten, mit ihm schwere und schwerste Türen zu machen, find darüber einig, daß Dülfer sich wie kaum je ein anderer ganz systematisch vorbereitet und von Stufe zu Stufe, unterstützt von einer ungewöhnlichen Anlage, zu vollendetem Können herangebildet und dann gewissermaßen spielend die höchsten alpimstischen Aufgaben gelöst hat. Zu diesen Höchstleistungen gehören unter anderem die allein und frei ausgeführte Erkletterung des Torre del Diavolo, die den Erstersteigern nur mittels kühner, vom bergsteigerischen Standpunkte aus eigentlich nicht mehr zu billigender Seilmanöver geglückt war, die Durchkletterung der Fleischbank-Ostwand, die Ersteigung der Fleischbankspitze von Südosten, die Erkletterung der Totenkirchl Westwand, der Kleinen Halt über die Nordwestwand und viele andere mehr.
Dülfer verband mit dem eigenen höchsten ethischen Genuß, den ihm seine bahnbrechenden Touren brachten, auch ernste gemeinnützige Ziele. In den letzten Sommern hatte er seine Aufmerksamkeit besonders dem am wenigsten bekannten Teil der Rosengartengruppe, dem Larsecstock, gewidmet und sich dessen vollständige Erschließung zum Ziele gesetzt. Das Ergebnis dieser planmäßig durchgeführten Arbeiten sollte in einer für die „Zeitschrift" 1915 bestimmt gewesenen „Monographie der Larsecgruppe" und in der Bearbeitung des Kapitels „Rosengartengruppe" bei einer geplant gewesenen Neuauflage des „Hochturist" gemeinnützige Verwertung finden. Auch diese Absichten hat der Krieg mit schroffer Hand vernichtet. Dülfer hatte sich sofort freiwillig dem Vaterland zur Verfügung gestellt. Im Dezember 1914 wurde er einberufen; am 15. Juni hat ein Granatsplitter, der ihm den Hals aufriß, Dülfers jungem Leben ein vorzeitiges Ende bereitet. Seine geplante „Leitschrift"»Arbeit wird von treuer Freundes Hand doch noch dem Kreise der Alpinisten zugeführt werden und mit dazu beitragen, daß das Andenken an Hans Dülfer nie verbleichen wird.
h. h.
Quelle: Mitteilungen des DÖAV 1915, Seite 189

Hans Dülfer.
Am 15.Juni 1915 fiel Hans Dülfer als Kriegsfreiwilliger vor Arras. Er stand als Beobachtungsposten in heftigem Artillerie¬feuer im vordersten Graben. Eine Granate krepierte auf dem vor ihm eingebauten Schild, ein Splitter riß ihm den Hals auf und tötete ihn auf der Stelle.
In Hans Dülfer verloren wir einen der besten und erfolgreichsten der jüngeren Bergsteiger. Wir wollen nicht trauern um ihn, der gewohnt war, dem Tod frei ins Auge zu schauen und es köstlich fand, ihm gesteigerte Lebensfreude in kühnem Ringen abzutrotzen. - Jung stirbt, wen die Götter lieben. ¬In dem Sinn wollen wir sein denken.
Zwei Ideale haben seinem kurzen aber inhalts- und erfolgreichen jungen Leben die Richtung gegeben. Seine Musik und seine Berge. Sie haben fast ausschließlich sein Denken erfüllt und sein Tun bestimmt. Sie schufen ihm Mühe und Sorge und Kampf und schenkten ihm Kraft und Freude und Sieg.
Als langaufgeschossener, schmaler Mulus kam Dülfer 1911 in München an, um in der Nähe der Berge Medizin zu studieren, da sein Vater seinem Herzenswunsch Musiker zu werden in Rücksicht auf Hansens schwache Konstitution nicht stattgegeben hatte. Vorher hatte er 15jährig die Alpen im Allgäu kennen gelernt und einigen damals ausgeführten Führertouren (Höfats, Trettach) entsprang seine tiefe Liebe zu den Bergen. 1910 fuhr er zum zweitenmal in den Süden und in dreiwöchentlicher Ferien¬zeit bestieg er viele Silvrettagipfel.
Doch die eigentliche alpine Sturm- und Drangperiode be¬gann für ihn mit dem ersten Münchener Semester 1911. überall in Münchens Bergwelt streift er herum und betritt zum ersten¬mal den Kaiser und hier macht der Predigtstuhl, der all die Jahre sein Lieblingsberg geblieben ist, den tiefsten Eindruck auf ihn. Nach einer kurzen Dolomitenfahrt, auf der die Vajolettürme und die Guglia bestiegen und mehrere Erstersteigungen durchgeführt worden, kehrt er in den Kaiser zurück, macht seinen Kamin am Kirchl, für dessen Schwierigkeit es bezeichnend ist, dass er erst 1919 wiederholt wurde, und führt mehrere schöne Neuturen im Rofan mit dem erstklassigen Zillertaler Führer Hans Fiechtl aus, von dem er eine vorzügliche Seil- und Hakenbehandlung, mit eine Grundlage seiner späteren Erfolge, lernt.
1912 erfolgte Dülfers Eintritt in den A.A.V.M. Die meisten kennen ihn in seiner schlichten stillen Art besser von einer Bank in Bärenbad oder Strips als von Vereinsabenden. Da saß er, ohne den üblichen Alkohol vor sich, seine mit unendlicher Mühe gepflegte, umwickelte, zusammengebastelte Pfeife im Mund in einer unscheinbaren verschossenen Leinenjacke, schaute sich die Leute an, summte oft leise ein Motiv, das ihm im Kopf herum¬ging, vor sich hin und sprach nur wenig. Ein Unbekannter hätte wohl kaum in ihm den Kletterer von überragendem Können vermutet. Und auch sein feingeschnittener Künstlerkopf mit den klaren und tiefen Augen kam in der barbarischen Klettertracht und der entsprechenden Umgebung wenig zur Geltung. Das Geheimnis seines Könnens lag nicht in Äußerlichkeiten, sondern darin: Er konnte wollen! Für einen so jungen Menschen verfolgte er mit einer seltenen Zähigkeit seine Pläne. Nicht in schneidigem Ansturm als kecker Draufgänger löste er seine Aufgaben im Fels, sondern in mühsamer Kleinarbeit suchte er seine Technik zu vervollkommnen und in durchdachtem Üben sein Können zu steigern.
Sein erster großer Erfolg und seine liebste Bergfahrt überhaupt war 1912 die Durchkletterung der Fleischbankostwand, die auch nach Piaz' Auftauchen im Kaiser als unmöglich angesprochen wurde. An der unteren Grenze der „neueren" Turen stehend, nimmt sie, was ideale Rutenführung und spannende, schöne und saubere Kletterei betrifft, in den ganzen Alpen eine ziemlich einzigartige Stelle ein.
Es würde in diesem kurzen Nachruf zu weit führen, seiner Bedeutung als Kletterer durch Anführung der hauptsächlichsten Touren gerecht zu werden. Ein paar wenige seien herausge¬griffen: Im Kaiser alle noch ausgestandenen, größeren Probleme: 1912 die Lärcheck-Ostwand, 1913 Kleine Halt Nordwand, Fleischbank von SO. (die Tour, die Dülfer als seine Höchstleistung ansah), die direkte Totenkirchl-Westwand, 1914 die direkte Kleine Halt N.W.Wand; in den Dolomiten die freie Erkletterung von Torre del Diavolo und Guglia Edmondo de Amicis, die Überschreitung des Kleinen Zinnenmassivs, die des Grancrontmassivs, die Große Zinne W.-Wand und die Kesselkogel S.-Wand. Im ganzen hat Dülfer neben der Wiederholung vieler als besonders schwierig geltender Ruten 50 meist bedeutende Neuanstiege durchgeführt.
Wer mit Dülfer gegangen ist, auf den wird die Ruhe und Sicherheit und Sauberkeit seines Kletterns und daneben seine vorbildliche Seilbehandlung einen besonderen Eindruck gemacht haben. Jede Bewegung saß, auch im Kopfe, eine jede ging unmerklich und ohne Ruck in die andere über, jede war überlegt.
Diese Sicherheit und Sauberkeit machte sich besonders geltend in brüchigem Terrain und war unbedingt nötig für die neueren Aufstiege, die mit Vorliebe in gelbroten Steilwänden hochführen. Wenn Dülfer auch ein Meister in der Verwendung von Haken war und offen zugegeben mit ihrer Benutzung manchen Durchstieg erzwang, so war er in ihrer Verwendung doch äußerst sparsam und die eigentliche Grundlage seiner Erfolge war immer sein Können. Auf der Tour selbst war er jederzeit hilfsbereit und peinlich besorgt um das Wohl seiner Gefährten und sehr gerne lud er zu einer besonders schönen Bergfahrt mal einen jungen Bergsteiger oder Führer ein, dessen Können oder Geldbeutel kleiner waren als seine Begeisterung. Dagegen war er ein entschiedener Gegner jeden alpinen Philistertums und gab das ab und zu jener Sorte, die ihr Tun gerade noch für erlaubt und bedeutend, alles weitere für Fexentum hielt, deutlich zu verstehen. Da die Zahl alpiner Philister groß ist, war es auch die seiner gekränkten Gegner. Ehrliche Freunde hatte er hingegen mehrere im einfachen Volk, in Führerkreisen und unter den wenigen, die ihn näher kannten. Im allgemeinen war er schwer zugänglich, sein Innenleben war so reich, dass er einer äußerlichen Allerweltsgeselligkeit nicht bedurfte.
Weniger bekannt ist, dass Dülfer ein ganz vorzüglicher Geher in Schnee und Eis war und dass er die Schweiz vorerst nur zurückstellte, weil sein bewußt betontes Streben dahin ging, erst einmal auf eine Weise etwas Rechtes zu leisten. Touren unter besonders schwierigen Verhältnissen, Guglia und Totenkirchl im Winter in Schneestürmen, Stabelerturm im Winter, Dolomiteisrinnen in Kletterschuhen und ähnliches wurden des öfteren durchgeführt. Als Skiläufer ist er dagegen weniger in die Erscheinung getreten.
Dülfers Vorträge und Aufsätze zeigen, wenn sie literarisch, was ja bei einem 20jährigen nicht zu verlangen ist, auch nicht auf der Höhe seines alpinen Könnens stehen, doch seine Innerlichkeit und geistige Reife. Vorbildlich sind seine bis ins Kleinste genauen und ausgetüftelten Tourenberichte und Anstiegsskizzen. Seine letzte größere Arbeit, die ihn zum letztenmale Sommer 1914 im Kriege selbst in die Berge führte, war die Monographie der Larsecgruppe für das Jahrbuch des D.Ö.A.V.
In den letzten Jahren war Dülfer zu einem sehr kräftigen und ungewöhnlich zähen und ausdauernden jungen Menschen herangewachsen, da endlich erlaubte der Vater den übertritt zum Musikstudium und diesem widmete sich Hans von da ab mit demselben Ernst und Fleiß und derselben Gründlichkeit, die seinem Wesen eigentümlich war. Von da ab reifte in ihm ein Künstler und Mensch seiner Vollendung entgegen. Freundschaftliche Beziehungen zu einer treuen langjährigen Bergkameradin verdichteten sich in dieser Zeit zu einem festeren Bund, auch in der Beziehung schenkten ihm die Berge, was er ersehnte.
Hans Dülfer und Georg Winkler -, der Vergleich liegt nahe. Beide tauchen auf aus der Masse, ihrer Zeit voraus, beide halten ihren beispiellosen Siegeszug durch die Berge. Beide reißt der Tod aus blühendem jungen Leben, vernichtet Hoffnungen, aber bewahrt vor einem Versinken in platte Alltäglichkeit.
Werner Schaarschmidt.
Quelle: Der Akademische Alpenverein München im Kriege (1914-1918), XXIII. – XXVI.Vereinsjahr, Seite 39-42

Zum Gedenken Hans Dülfers *)
(+) 15. Juni 1915
Von Dr. Emil Gretschmann (Gießen)
Es mag als ein Zufall erscheinen — sicherlich ist es ein höchst merkwürdiger Zufall, — daß Hans Dülfer genau am 3. Jahrestage seiner ersten Durchkletterung der Fleischbankostwand, nämlich am 15. Juni 1915. im Schützengraben bei Arms den Heldentod fürs Vaterland gefunden hat. Zehn Jahre sind seitdem verflossen.
Gewaltige Erschütterungen hat in diesem Zeitraum unser aller Leben erfahren und tiefgreifende Wandlungen hat wohl auch das Bergsteigertum durchgemacht. Es gibt ja kaum eine so raschlebige und schnell sich entwickelnde Erscheinung, als den Alpinismus. Es mag daher angebracht erscheinen, zu gewissen Zeiten auf richtunggebende Persönlichkeiten, die wie Marksteine in der Entwicklung stehen, hinzuweisen.
Hans Dülfer war ein solcher Markstein in der Entwicklung des neuesten Bergsteigertums. Gerade mit der genannten Bergfahrt, der ersten Durchkletterung der Fleischbankostwand im Wilden Kaiser, leitete dieser Bergsteiger einen neuen Abschnitt in der Ersteigungsgeschichte und — darf man hinzufügen — in der Geschichte des Alpinismus selbst ein. Als damals im Juni des Jahres 1912 die aalglatte, beinahe senkrechte, 400 m hohe Wand, die oft genug von den besten Kletterern vergeblich bestürmt worden war, dem siegreichen Ansturm Hans Dülfers und Werner Schaarschmidts zum Opfer fiel, verbreitete sich die Kunde davon wie ein Lauffeuer in allen Alpinistenkreisen, hauptsächlich in denen Münchens, das damals wie heute neben Wien als der Brennpunkt des gemeinschaftlichen alpinen Lebens bezeichnet werden konnte. Wie war es nur möglich, daß diese furchtbare Mauer, die die berühmte Marmolala-Südwand. an Glätte weit übertraf, nun doch sich ergeben mußte? Von Werner Schaarschmidt hatte man ja bis dorthin schon manches tapfere Stücklein vernommen, neu war indes der Name Dülfer. Dülfer war im Rheinland zu Hause. Merkwürdig, daß gerade ihm der Erfolg zufiel. Und noch merkwürdiger, daß dieser junge Student in seiner Jugendzeit, wie zuverlässig überliefert ist, wegen körperlicher Schwäche und Zartheit von turnerischen Übungen in der Schule befreit war. Welch gewaltiger Wille mußte in diesem Menschen stecken, daß sein Geist später den Körper zu so überragenden Leistungen anfeuern konnte!
Im Jahre 1910 erst hatte Dülfer zusammen mit seinem Vater die ersten größeren Bergfahrten unternommen. Hiebei lernte er u. a. auch den ausgezeichneten Bergführer Hans Fiechtl kennen, mit dem er im folgenden Jahre verschiedene stramme Kletterfahrten durchführte, so z. B. die 1. Durchkletterung der Nordwand der Hochiß im Rofangebirge, die auch heute noch eine sehr beachtenswerte Fahrt darstellt.
Aber schon bald nach jenen ersten Erfolgen machte sich Dülfer vom Führer frei. Der Wilde Kaiser und die Dolomiten wurden seine Lieblingsgebiete. Im Oktober 1911 glückte ihm zusammen mit L. Hanstein von der Akademischen Sektion München die erste Durchkletterung eines großen, unmittelbar zur 3. Terrasse führenden Kamins am Totenkirchl. Dieser Kamin hat nach ihm die Bezeichnung Dülferkamin erhalten. Von allen Kaminen dürfte er der schwerste nicht nur im Wilden Kaiser, sondern überhaupt sein, wie seine Ersteigungsgeschichte beweist und derjenige zugibt, der ihn selbst durchstiegen hat. Es gibt ihrer nicht viele. Hanstein, der Begleiter Dülfers, stürzte bei der ersten Begehung. Ein Versuch Dülfers selbst zu einer zweiten Durchkletterung, zusammen mit Klammer (Kufstein), mißglückte. Ebenso mißglückten Versuche einer Wiederholung durch hervorragende Kufsteiner, Rosenheimer und Münchener Kletterer. So hatte der Kamin Ruhe bis zum Herbst 1919. Gewiß ein Beweis für seine Unnahbarkeit.
Bei dem Bergführer Fiechtl war Dülfer in eine ausgezeichnete Lehre gegangen und — wie so oft, so zeigte sich auch hier, daß der Schüler gar bald den Meister übertraf. Fiechtl war der Erste, der vom Seile einen ausgiebigen Gebrauch machte. Zudem hatte er eine neue Art von Mauerhaken erfunden, die sich schmiegsam dem Gestein anpaßten. Er gebrauchte sie nicht nur zur Sicherung, sondern auch dazu, die Überwindung einer Stelle überhaupt zu ermöglichen.
Auf dem Wege nun, auf dem der Meister begonnen hatte, baute der Schüler weiter. Dülfer erfand das „Schiefabseilen" und brach mit diesem Zaubermittel den Bann der sogenannten modernen Wände. Im Zusammenhang mit der Verbesserung des Kletterschlusses beim Abseilen (Schenkel- und Schulter-Reibung) ging er damit eigene Wege. Die Klettertechnik wurde so durch ihn zur höchstmöglichen Spitze fortentwickelt. Dülfer sagte einmal gelegentlich eines Vortrages: „Wenn es gelingt, die nach aufwärts führenden Stellen einer Wand (Kamine, Risse usw.) seitlich zu verbinden, dann ist die Wand gewonnen." Damit traf er den Kern. Das Geheimnis seines Erfolges lag tatsächlich darin, Querungen auszuführen, die vor ihm kaum einer für möglich gehalten hatte. Seine Quergänge waren denn auch seine Stärke. Schwierige Kamine und Risse, ebenso Wandstellen, hatte man schon vor Dülfer durchstiegen, aber Quergänge wie z. V. den berühmten 1. Quergang in der Fleischbankostwand oder den in der direkten Totenkirchlwestwand, hatte man noch nicht ausgeführt. Da half bisher weder Kraft noch Geschicklichkeit, noch Haken, noch Seil, noch sonst ein künstliches Hilfsmittel. Erst die geniale Verbindung all dieser Dinge im „Schiefabseilen" führte zum. Erfolge.
Mit dieser Indienststellung der Klettertechnik und ihrer Hilfsmittel trat Dülfer nun allerdings in einen bewußten Gegensatz zu den Grundsätzen und Anschauungen seines berühmten Zeitgenossen Paul Preuß. Dieser verzichtete auf den Gebrauch künstlicher Hilfsmittel, verwarf ihn sogar im Fels und wollte dadurch jeden Bergsteiger auf den Weg beschränken, den er „ohne Sicherung und Unterstützung noch in vollkommener Weise und mit Sicherheit allein zu gehen imstande ist." Wenn Paul Preuß die Anwendung künstlicher Hilfsmittel bekämpfte, so kam es ihm darauf an, sozusagen die rein persönliche Seite des Bergsteigens zur größtmöglichen Vollkommenheit auszubilden. Er verschmähte es daher beispielsweise eine Wand wie die direkte Totenkirchl-Westwand anzugehen, da er ja den Gebrauch des Seiles verwarf und ohne dasselbe eine Durchführung der Tour nicht möglich ist.
Bei Dülfer hingegen war die Einstellung von vorneherein eine andere: Ihm kam es darauf an, objektiv die Grenze der Technik zu erreichen. Er sagte sich: Die Wand muß her, ob unter Benützung künstlicher Hilfsmittel oder nicht.
So war es zu erklären, daß Dülfer nun beispiellose Erfolge errang. Man darf ihn neben Paul Preuß ruhig als den besten und erfolgreichsten Kletterer bezeichnen. Die „Krone aller seiner Kletterfahrten", wie Dr. Georg Leuchs in der Zeitschrift 1917 des D. u. Oe. A. V. ausführt, war wohl die Durchkletterung der Westwand des Totenkirchls in „wirklich schöner, idealer Form, in der Fallinie des Gipfels, eine großartige Leistung, wie man sie selbst nach den letzten Erfolgen der Jungen noch für vollständig unmöglich gehalten hätte!" Dülfer selbst bezeichnete indess die Bezwingung der Südostflanke der Fleischbank mittels eines feinen geschwungenen Risses als seine schwerste Fahrt. (Diesen Riß heißt man heute „Dülferriß" nach einem Vorschlage von Dr. G. Leuchs.) Wenn man bedenkt, welche Fahrten Dülfer in den Dolomiten, im Wilden Kaiser und sonstwo durchgeführt hat, so kann man sich vielleicht eine einigermaßen richtige Vorstellung von der Zusammenballung der Schwierigkeiten machen.
Zu meinem leider zu frühe von uns geschiedenen Freunde Otto Leixl äußerte Dülfer gelegentlich einmal bezüglich dieses Risses: „Den möchte er gerne kennen, der nach ihm diesen Riß wiederholen würde." Ich selbst gehörte Zur damaligen Zeit zur allerjüngsten Jungmannschaft der Sektion Bayerland und schaute zu Gestalten wie H. Dülfer und P. Preuß sozusagen wie zu alpinen Halbgöttern empor. Selbstverständlich hätte ich es mir niemals im Traume einfallen lassen, daß ich derjenige, sein würde, der einst, nach einer Pause von 8 Jahren, als Zweiter diesen schwierigen Weg gehen würde. Daß ich ihn gegangen bin, war Zufall und der Beweggrund war — das sage ich mit voller Ruhe und Bestimmtheit —ein anderer als der des Ehrgeizes. Es dürfte die Allgemeinheit nicht interessieren. Aber eines bin ich bei dieser Nachfolge auf den Spuren Dülfers inne geworden: Die Erringung der größten Leistung und die vollkommene Beherrschung der Technik allein macht den Bergsteiger nicht glücklich. „Ethik ist die Seele unserer Kultur — Technik ihr Leid!" sagt Dr. R. St. Coudenhore-Kalergi in seiner glänzend geschriebenen „Apologie der Technik". Von der Ethik hängt es ab, ob die Technik den Menschen nach oben oder nach unten führt. Doch niemals wird die Technik, wie Coudenhore-Kalergi uns verheißt, die Menschheit in den Himmel führen. In das Reich, des ewig Schönen trägt uns etwas Anderes. Was, das muß letzten Endes jeder Mensch mit sich selbst ausmachen.
Deswegen dürfen wir aber nicht das Technische, das rein Handwerksmäßige beim Bergsteigen mit kurzer Handbewegung oder gar verächtlicher Miene, wie dies heute leider in einer Aufwallung des anderen Extrems wieder geschieht, abtun. Man tut sich ja gar so viel zugute mit Ausdrücken wie Akrobatentum und dergleichen.
Nein — so nichtsnutzig und .verachtenswert ist die Technik denn doch nicht! In das Innere aller Erscheinung bringen wir nur vor, wenn wir zuerst das Äußere, die Form und Gestalt uns zu eigen machen und sie durchdringen. So gelangen wir auch zum Innern, zu dem wesenhaften Kern der Bergnatur, wie der Schöpfung überhaupt, nur wenn wir alle Erscheinungen des Stofflichen so weit wie nur möglich kennen zu lernen suchen, mit Eifer und Sorgfalt und, wenn es sein muß, mit Mühe und Schweiß.
Auf diesem Wege ist uns die Technik wertvolle Gehilfin und in diesem Sinne dürfen wir Dülfer als denjenigen grüßen, der uns neue Bahnen und Wege erschlossen hat.
*) Anmerkung des Verfassers: Dem Ersuchen unseres geschätzten Schriftleiters, die Erinnerung an Hans Dülfer, dessen Todestag sich am 15. Juni d. J. zum 10. Male jährt, aufzufrischen, komme ich nur zögernd nach. Denn den Menschen Dülfer kannte ich persönlich nur flüchtig. Vielleicht gelingt es mir die überragende Bedeutung des Bergsteigers Dülfer in das rechte Licht zu rücken.
Quelle: Mitteilungen des DÖAV 1925, Seite 137-138

Quelle: Mitteilungen des DÖAV 1935, Seite 275 ff
Quelle: Der Bergsteiger 1951/52, Seite 162 ff

Der Bergsteiger Hans Dülfer
von Heinrich Klier
Kletterstellen sind wie Atüden: Man muß sie üben und immer wieder üben, bis man sie auswendig kann", sagte der Pianist und Bergsteiger Hans Dülfer einmal zu einem seiner Gefährten. Dieses Wort läßt uns einen tiefen Blick in das Wesen dieses Menschen tun. Er war ein Künstler, am Klavier und im Kalkgestein. Er erhob als erster das Klettern zur Wissenschaft und durchgeistigte die Bewegung im Fels. Berge waren ihm unbehauene Blöcke, die es Zu gestalten galt; in unerstiegene Wände schlug er wie ein Bildhauer seine Ideen von der stilreinen Durchkletterung.
Unermüdlich wie als Pianist war er auch als Kletterer, unermüdlich übte er, nachdem er erst einmal das hohe Ziel erkannt, unermüdlich schulte er sich und schuf sich so jenen unvergleichlichen Stil, in dem er dann in den vier Jahren seiner alpinen Wirkungs-Möglichkeit — anscheinend mit der größten Leichtigleit und Selbstverständlichkeit — von Erfolg zu Erfolg schritt.
Dülfer war der erste Kletterakrobat. Er war auch der erste ausgesprochene Techniker unter den Bergsteigern. Das höchste Ziel war ihm der stilreine Durchstieg zum Gipfel, das stilreine Kletterkunstwerk. Dazu war ihm jedes Mittel recht; deshalb stellte er sich in bewußten Gegensatz zu den Verächtern künstlicher Hilfsmittel. Trotz seiner Jugend war Dülfer kein Draufgänger: er kletterte mit dem Kopf. Er war feinnervig wie ein edles Pferd, ein Dolomitenführer sagte von ihm: Dülfer klettert nicht, er streichelt den "Fels. Hans Dülfer erfand das Schrägabseilen; diese „Dülfer-Quergänge" waren das Zaubermittel, mit dem er den Bann der „unersteiglichen" Wände seiner Zeit gebrochen hat. Er erdachte den „Dülfersitz", den auch heute noch meistverwendeten Abseilsitz. Hans Fiechtl, Dülfers Gefährte auf vielen schweren Fahrten, verdanken die heutigen Bergsteiger die erste brauchbare Hakenform, Hans Dülfer aber die Lehre von der erfolgreichen Anwendung dieses Hakens: zur Sicherung und als Kletterhilfe, vor allem aber zur Ausführung seiner tollkühnen Quergänge. Mit Hilfe seiner Quergange verband Dülfer als erster Riffe und Kamine zu Zielgeraden Durchstiegen. Sie waren der Schlüssel zu seinen aufsehenerregenden Erfolgen.
Unter den jungen Bergsteigern seiner Zeit galt Dülfer bald nach seinem ersten Erscheinen im Wilden Kaiser und in den Dolomiten als „Klasse für sich". Dabei war er keineswegs ein Draufgänger, der das Leben gering schätzte. Vielmehr hat er sich, wie kaum je einer, von Stufe zu Stufe planmäßig emporgearbeitet, was dank seiner ungewöhnlichen Kletterbegabung allerdings sehr rasch vor sich ging: 1910 unternahm er seine eisten Bergfahrten, drei Jahre später vollbrachte er bereits unerhörte Leistungen, wie die Durchkletterung des Risses zwischen der Fleischbankspitze und dem Christaturm (heute „Dülferriß" genannt) im Alleingang und die erste freie Erkletterung des Torre del Diavolo, ebenfalls im Alleingang.
Seine Ostwand der Fleischbankspitze und sein Weg durch die unmittelbare Westwand des Totenkirchls zählen heute zu den großen klassischen Kletterfahrten der Nördlichen Kalkalpen. Auch die Nordwestwand der Kleinen Halt und die Südwand der Odla da Eisles erfreuen sich größter Beliebtheit; jeder Begeher dieser Anstiege kann etwas vom ästhetischen Genuß des Erstersteigers nachgenießen. Dülfer verband aber mit dem Genuß, den ihm diese bahnbrechenden Fahrten einbrachten auch ernste, gemeinnützige Ziele. In den letzten Sommern wandte er sich vor allem den am wenigsten bekannten Teil der Rosengartengruppe zu: dem Larsec-Stock. Er setzte sich die vollständige Erschließung dieser einsamen Berge in den Kopf und begann bereits mit der Niederschrift einer „Monographie der Larsec-Gruppe". Dem allen hat der Erste Weltkrieg mit schroffer Hand ein Ende gemacht. Dülfer war schmal und groß, fast hager. Als Gymnasiast mußte er mehrmals zur Erholung aufs Land und wurde seiner schwächlichen Gesundheit wegen sogar vom Turnen befreit. Seine Art war schlicht und still; alle Großsprecherei haßte er; aus diesem Grunde hat er auch selbst beinahe nichts veröffentlicht. Er schloß sich sehr schwer und erst nach eingehender Prüfung an jemanden an; niemanden ließ er einen Blick in sein Inneres tun. Seinen Freunden bleibt sein äußeres Bild unvergeßlich: der sonnengebleichte, hellblaue Leinenjanker, die halblange, kleine, strohumflochtene Pfeife, der ausgeprägte, hochstirnige Schädel mit der schmalen, kantigen Schläfenpartie, den „Gelehrtenwinkeln" und dem zurückgestrichenen Haarbusch.
Hans Dülfer war Rheinländer, 1893 in Dortmund geboren. Er studierte Musik. Als 14jähriger Junge kam er 1907 zum ersten Mal in die Berge, in die Allgäuer Alpen. Aber erst 1910 durfte er wiederkommen, um richtige Fahrten zu unternehmen. Das war in der Silvretta, in Begleitung des Vaters und eines Führers. Bereits seine ersten Schritte im Gebirge machte Hans Dülfer mit solcher Sicherheit, daß der Führer bald heimgeschickt wurde, und der Junge die Führung übernahm. Diese Sommertage in der weißen Silvretta entschieden über sein ganzes weiteres Leben. Hans übersiedelte bald darauf von Dortmund nach München, um den Bergen näher zu sein. In München begann er, Medizin zu studieren. Hier trat er auch der Sektion Bayerland bei, Hans Fiechtl wurde sein alpiner Lehrmeister, später sein Freund, zuletzt sein Seilgefährte; er hat mit Fiechtl u. a. die Hochiß-Nordwand im Rofangebirge bezwungen. In München bildete sich um Hans Dülfer und Paul Preuß rasch ein Freundeskreis, dem Bergsteiger wie Schaarschmidt, v. Redwitz, Guttsmann, die Brüder Bernuth und Schmidkunz angehörten. Das war die sogenannte „Firma"; als „stille Teilhaberin" gehörte die ihm in enger Freundschaft verbundene Hanne Franz dazu, die ihn auf vielen seiner Bergfahrten begleitete. Sein bester Kamerad aber war sein Vater, Emil Dülfer, mit dem er zahlreiche schwere Fahrten durchgeführt hat. Der Vater hat den Tod des Sohnes (Juli 1915) nicht verwinden können. Seit Juli 1916 blieb er verschollen. Er hat wahrscheinlich in einem unzugänglichen Winkel des Reichenhaller Lattengebirges den Tod gesucht.
Quelle: Mitteilungen des ÖAV 1956, Heft 3, Seite 26

Quelle: Mitteilungen des DAV 1978, Seite 141 f und Seite 150
Quelle: Der Bergsteiger 1982, Heft 7, Seite 30 f
Quelle: Der Bergsteiger 1986, heft 4, Seite 55 f



Geboren am:
23.05.1893
Gestorben am:
15.06.1915

Erste Route-Begehung

 Gipfel
 Route