Gleispach Wenzel Graf

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Biografie:
Prof. Dr. Wenzel Gleispach (+)
Als am 12. März 1944 der Tod dem monatelangen Siechtum meines Vaters ein Ende setzte — die Krankheit hatte mit einem Schlaganfall begonnen, dem bald weitere folgten — , empfanden wir alle, die ihn geliebt hatten, nicht nur den unersetzlichen Verlust, sondern auch die Art besonders schmerzlich, auf die dem jederzeit so lebensfrohen Menschen die Kräfte allmählich schwanden.
Vermögen auch die Jahre den Verlust selbst nicht zu mildern, so verblassen doch in ihrem Verlauf die Bilder aus der letzten Leidenszeit, und an ihre Stelle tritt die Erinnerung an den lebensprühenden, kampfesfrohen und sieggewohnten Mann, der, die hohe Gestalt leicht auf den Eispickel gestützt, das tiefgebräunte Gesicht von schneeweißen Haaren umrahmt, den Blick in beglückter Gipfelschau in weite Fernen richtet —, Erinnerung an den unvergleichlichen Bergkameraden, der mir mein Vater gewesen, von dessen Bergsteigerleben ich versuchen will, zu erzählen, so wie ich es miterlebt habe.
Schon von früher Jugend an als leidenschaftlicher Jäger und Naturfreund mit den Bergen seiner steirischen Heimat vertraut, führte mein Vater, doch erst fast 30jährig, seine erste eigentliche Bergfahrt auf den Hohen Dachstein aus. So stark war dieses erste Bergerlebnis, daß von da an alle freie Zeit des Vielbeschäftigten den heißgeliebten Bergen gehörte. Dem heiteren Wesen des körperlich ungemein Gewandten boten in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg die Dolomiten die lockendsten Ziele. Schwer traf ihn daher der Verlust seiner Bergsteigerheimat nach dem Ende des ersten Weltkrieges, doch vergebliche Trauer entsprach nicht seinem lebensbejahenden Wesen. Mit der ihm eigenen Eingabe widmete er sich nun meiner bergsteigerischen Ausbildung und war mir ein unvergleichlicher Führer. Keine Naturschönheit war so verborgen, daß er sie nicht erlauscht, kein technischer Vorteil so unbedeutend, daß er den Gefährten nicht darauf aufmerksam gemacht hätte, aber all das wurde erfüllt und überstrahlt von der unerreichten Erlebnisfreudigkeit des an Begeisterungsfähigkeit so unendlich Reichen. So konnte es gar nicht anders sein, als daß auch ich von der ersten Bergfahrt an den lockenden Höhen verfallen war und bis heute geblieben bin.
Fast 20 Jahre verband mich mit dem Verstorbenen die idealste Bergkameradschaft. Vielhundertmal sah ich frohlockendes Gipfelglück aus seinen Augen strahlen, nach genuß­reicher Kletterei, nach heiklem Weg über kühne Firngrate, doch auch nach hartem Kampf in verschneitem und vereistem Fels, aus sturmumbraustem, nebelumwalltem Gipfel. Die Freude über den Sieg, das gelungene Abenteuer war die gleiche. So standen wir im Lauf der Jahre gemeinsam auf den schönsten Gipfeln der Ostalpen. Doch auch im Berner Oberland, in den Wallisern und in der Bernina gelangen dem schon über Fünfzigjährigen noch schöne Fahrten. Mit Stolz trug er immer das Zeichen des Österreichischen Alpenklubs.
Schon bald genügte es uns nicht, nur im Sommer zu den lichten Höhen zu streben. Mein Vater wetteiferte mit mir und meinem übermütigen Freundeskreis im Erlernen der weißen Kunst, wobei er uns bei sausender Schußfahrt an Standfestigkeit, bei fröhlichem Spiel an Übermut und lustigen Einfällen oft übertraf. Immer aber war er der Mittelpunkt unseres Kreises, nicht nur im Beruf, auch in den Bergen der geborene Führer der
Jugend.
Ein sonderbares Geschick hat mich ein Jahr, nachdem ich von dem teuren Toten für immer Abschied nehmen mußte, gerade in die Gegend verschlagen, in der ich unter seiner Führung die ersten Schritte in Fels und Eis tun durfte. Und jedesmal, wenn es mir gelingt, mit meinem jungen Sohn aus der Mühsal der grauen Tage in die leuchtenden Höhen zu entfliehen, ist die Erinnerung an den unvergleichlichen Bergkameraden meiner Jugendzeit um uns. Möge es mir vergönnt sein, nur einen kleinen Teil des unendlichen Reichtums, der von seinem Wesen ausging, an meinen Sohn weiterzugeben.
Dr. Maria Gleispach.
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1950, Folge 1252, Seite 118-119

Gestorben am:
12.03.1944